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Serie: Wie wir reich wurden (21) : Wandern für den Wohlstand

  • -Aktualisiert am

Abstimmung mit dem Möbelwagen

Noch wichtiger als die Innovationsdynamik, die mit der Migration verbunden war und von ihr stimuliert wurde, ist die politische Veränderungskraft, die von jeder Wanderung erzeugt wird. Wenn Menschen dorthin gehen, wo es ihnen bessergeht, dann erzwingen sie einen Wettbewerb der institutionellen Systeme.

Schlechte Politik wird durch Abwanderung bestraft, gute durch Zuwanderung belohnt. In darbenden Regionen mit wenig Zukunftshoffnung will niemand mehr leben, in prosperierende Regionen wollen dagegen alle. Nur wenn Menschen auch wandern dürfen, sind sie also in der Lage, glaubwürdig einen Druck auf Regierungen auszuüben und eine Politik zu machen, die den Wünschen der breiten Masse entspricht - und nicht der einer kleinen, aber mächtigen Elite.

Nur wenn die Bürger mobiler werden, funktioniert die Abstimmung mit dem Möbelwagen, die so disziplinierend auf die Staatsgewalt wirkt. Dann steigen zwar die Kosten der Herrschaft, aber nur dann kann auch ein politischer Wettbewerb funktionieren. Und es war der politische Wettbewerb, der in Europa und Nordamerika die wirtschaftliche Entwicklung angetrieben hat und beide Regionen an die Spitze der Weltwirtschaft brachte.

Anfang des 21. Jahrhunderts tut sich nun ausgerechnet Europa bei der Öffnung der Arbeitsmärkte schwer. Es dominiert die Angst, dass offene Grenzen zu mehr Migration und damit größeren Problemen führen. Befürchtet wird, dass Ausländer den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen und die Sozialkassen belasten. Es geht um die Integration von Fremden und damit um Rechte, die nicht kostenlos mit allen geteilt werden sollen.

In der Tat sind die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Migration komplex. Durch die Zuwanderung können zwar Lücken auf dem Arbeitsmarkt geschlossen werden. Zudem wird ein Strukturwandel ausgelöst, von dem die Volkswirtschaft langfristig profitiert. Kurzfristig kann es jedoch zu Konkurrenz- und damit Verdrängungseffekten kommen. Das ist für die Betroffenen hart.

Allerdings ist die Zuwanderung meist nicht die Ursache der Arbeitslosigkeit, sondern nur ein Beleg für die fehlende Flexibilität der Einheimischen. Nicht die Migration der Ausländer, sondern die fehlende berufliche oder räumliche Mobilität der Einheimischen verursacht die Arbeitslosigkeit.

Abschottung schadet langfristig

Wie im Übergang zur Neuzeit ist Durchlässigkeit der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Gesellschaften, die offen sind für Neues, werden den immer rascheren wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel bewältigen. Das demographisch schrumpfende und alternde Europa braucht den intensiven Austausch mit jungen und wachsenden Gesellschaften in Asien und Afrika.

Natürlich wird eine Zuwanderung aus immer ferneren Ländern auch immer größere Probleme verursachen, weil sie Menschen mit anderen Verhaltensweisen, Sprachen und Religionen mit sich bringt. Sie wird aber auch zu neuem Wissen, Können und Fähigkeiten führen. Abschottung dagegen hat immer in die Irre und den ökonomischen Niedergang geführt. Auch das lehrt die Geschichte.

Allerdings sei vor einer Illusion gewarnt: Zuwanderung wird nie alle Probleme lösen, die auf die alternden europäischen Sozialstaaten zukommen. Sie wird aber helfen, die Problemlösungen zu vereinfachen. Es sind nicht zuletzt die positiven Wirkungen der Zuwanderung und die Beiträge der ausländischen Arbeitskräfte zu den Sozialkassen der Aufnahmeländer, die es ermöglichen, notleidende Einheimische finanziell zu unterstützen. Deshalb wären die Passagiere der "Europa" besser beraten, sich einer Entgrenzung der Arbeitsmärkte nicht entgegenzustellen, sondern die Schotten ihres Luxusdampfers eher zu öffnen.

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