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Serie: Wie wir reich wurden (2) : Das Geheimnis des deutschen Gütesiegels

Das Zeichen deutscher Wertarbeit - erfunden von den Briten Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Qualität, Verlässlichkeit und Langlebigkeit: Das verbindet das Ausland bis heute mit dem Label „Made in Germany“. Bis dahin war es ein weiter Weg. Eigentlich wollten die Briten mit dem Siegel deutsche Produkte stigmatisieren.

          3 Min.

          Im Jahr 1876 wanderte ein tief enttäuschter Maschinenbau-Professor aus Deutschland über die Weltausstellung in Philadelphia. Er hieß Franz Reuleaux, war eine echte Autorität auf seinem Gebiet und sollte die Qualität des deutschen Beitrags zur damals größten Industrieschau der Welt begutachten. Sein Zeugnis: „Deutschland hat das Grundprinzip billig und schlecht.“

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Reuleaux' bittere Einschätzungen wurden in deutschen Zeitungen veröffentlicht und provozierten zornige Debatten. Das Urteil passte nicht ins Bild des jungen Kaiserreichs, in dem der Patriotismus wild wucherte. Dabei trafen sie zu. Mitte des 19. Jahrhunderts galten deutsche Produkte in der Welt als billig und minderwertig. Sie hielten nicht lange, waren ohne Pfiff und oft billige Kopien ausländischer Vorbilder.

          Das Maß der Dinge war das Britische Empire, wo die Industrialisierung schneller vorangeschritten war und Unternehmer mit neuen Techniken und Produkten für Aufsehen sorgten.

          Unternehmen aus Solingen lieferten dagegen geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie hierzulande nicht selten gearbeitet wurde. Die Firmen stellten minderwertige Messer aus Gusseisen statt aus dem härteren und teureren Gussstahl her, veredelten sie pfiffig mit dem Stempelaufdruck Sheffield und verkauften sie billig in die ganzen Welt.

          Grandioser Fehlschlag für die Briten

          Die Reaktion auf solche Plagiate blieb nicht aus. Sheffield war Englands Stolz, die Stadt der Eisenverarbeitung, bekannt unter anderem für scharfe, haltbare Messer und Scheren aus Stahl. Die britischen Unternehmer ärgerten sich, dass sie auf ihren Märkten auf biegsame Billig-Imitate mit der Aufschrift „Sheffield made“ oder „Sheffield“ stießen, die in der Regel aus Solingen oder Remscheid kamen, gelegentlich auch aus den Vereinigten Staaten.

          Sie bearbeiteten ihre Regierung. London wollte seiner Industrie helfen und erreichte 1883 eine internationale Vereinbarung der führenden Handelsnationen, die falsche Herkunftsbezeichnungen verbot. Was mit Sheffield beworben wurde, sollte auch von dort kommen. Doch Deutschland verweigerte die Zustimmung - aus naheliegenden Gründen.

          England reagierte mit Verärgerung und Verzögerung: Das britische Parlament verabschiedete am 23. April 1887 mit dem sogenannten Merchandise Marks Act ein Gesetz, das für Importware nach Großbritannien Herkunftsbezeichnungen verlangte. Damit leistete der britische Gesetzgeber Geburtshilfe für das Siegel „Made in Germany“.

          Preiswert und von akzeptabler Güte

          Die Briten zielten mit ihrem Gesetz, wenn es auch allgemeingültig formuliert war, vor allem auf die deutsche Konkurrenz. Doch damit erlitten sie einen grandiosen Fehlschlag: in zweierlei Hinsicht. Wo es aus Sicht der britischen Produzenten nützlich gewesen wäre, wurde es umgangen. Manche deutsche Produkte erreichten das Vereinigte Königreich weiter ohne Herkunftsbezeichnung, um dort dann von Importeuren als britisch etikettiert zu werden.

          Ein viel größeres Problem stellten aber paradoxerweise richtig deklarierte Produkte dar. Die Kunden in aller Welt entdeckten dank des neuen Siegels „Made in Germany“, dass viele der Dinge, die sie jeden Tag umgaben, aus Deutschland kamen und dass sie preiswert und von akzeptabler Güte waren. Sie griffen zu.

          „Die britische Industrie hat von dem Gesetz (Merchandise Marks Act) keinen Vorteil gehabt. Denn der Nimbus, der sie umgab, ist gebrochen worden“, frohlockte damals der deutsche Volkswirt und Sozialwissenschaftler Robert Wuttke. Die deutschen Erzeugnisse wurden besser und zugleich als deutsch erkannt. Die Karriere von „Made in Germany“ ging steil nach oben.

          Zwanzig Jahre nach den besorgten Briefen aus Philadelphia und knapp zehn Jahre nach der Verabschiedung des Merchandise Marks Act schrieb der britische Journalist Ernest E. Williams das Buch „Made in Germany“, das als eine Art Weckruf die Briten vor dem Niedergang ihres Empires warnen sollte.

          Vom Makel zum Markenzeichen

          Polemisch schilderte er, wie deutsche Produkte in den Alltag einer bürgerlichen britischen Familie eingedrungen waren, deren Kleider in Deutschland gewebt, deren Spielsachen, Puppen und Märchenbücher deutscher Provenienz waren. Vom Papier, auf dem die patriotische Lieblingszeitung gedruckt ist, über den Flügel bis hin zum Krug, ein Andenken aus der britischen Touristenhochburg Margate, alles aus Deutschland. „Eure trüben Betrachtungen schreibt ihr mit einem Bleistift, der Made in Germany ist, nieder“, hält Williams seinem britischem Publikum vor. Deutsche Produkte begannen sich durchzusetzen, im Land der Wirtschaftsmacht England und zunehmend im Rest der Welt. Und zwar als deutsche Produkte. Das Spiel lief jetzt andersherum. Um die Jahrhundertwende begannen britische Fabrikanten ihre Erzeugnisse mit „Made in Germany“ zu stempeln.

          Der Industriepionier Großbritannien wurde überflügelt. Anfang der 1860er Jahre kam der Deutsche Bund auf einen Anteil von knapp fünf Prozent an der Weltindustrieproduktion und lag damit hinter Großbritannien mit annähernd 20 Prozent. Im Jahr 1913 hatte Deutschland den britischen Rivalen überholt. Das Kaiserreich kam auf 14 Prozent, Großbritannien auf 13,6 Prozent. Die Nummer eins waren die Vereinigten Staaten geworden.

          Die Entwicklung von „Made in Germany“ vom Makel zum Markenzeichen zeigt den typischen Aufstieg von hungrigen Nationen: Er beginnt mit Ideenklau und wird mit Protektionismus gekontert. Doch der war diesmal zum Scheitern verurteilt. Bis heute verbindet das Ausland mit dem Label „Made in Germany“ Qualität, Verlässlichkeit und Langlebigkeit. Das Siegel wirkt noch immer.

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