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Die Hanse : Salz und Heringe für Europas Städte

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Auf den Spuren der Hanse: Ein Unterwasserarchaeologe untersucht das Wrack einer Kogge in der Ostsee. Das Schiff war zur Blütezeit der Hanse unterwegs Bild: Landesverband fuer Unterwasserarchaeologie Mecklenburg-Vorpommern

Handelskonzerne gab es im 14. Jahrhundert noch nicht. dafür aber einen Händlerverbund: die Hanse. Sie bringt Tücher und Gewürze durch halb Europa.

          Um die Mitte des 15. Jahrhunderts dominieren die niederdeutschen Kaufleute der "dudeschen hense" den Handel im nördlichen Europa. Innerhalb von rund eineinhalb Jahrhunderten war es ihnen nach der Gründung Lübecks, der ersten deutschen Stadt an der Ostseeküste, gelungen, ihre Konkurrenten zwischen der französischen Atlantikküste und Nordwestrussland gegen die Wand zu drücken.

          Das schaffte sie vor allem durch ihre Masse. Kaufleute aus rund 200 Städten zwischen Niederrhein und Baltikum traten nach außen als geschlossene Gruppe auf. Sie konnten daher mehr Handelswaren beschaffen als alle ihre Konkurrenten, mehr exportieren und sich besser durchsetzen. Für die Herrscher in den Zielländern wurden sie unentbehrlich - deshalb konnten sie günstige Handelsverträge erzwingen. Die Hansekaufleute erhielten sogar eine eigene Gerichtsbarkeit - nur in Streitfällen mit Einwohnern der Gastländer müssen sie sich vor dortigen Gerichten verantworten.

          Zu tun haben die Kaufleute viel: Die hansischen Kaufleute expandieren ihren Handelsraum im späten 12. und im 13. Jahrhundert in einem Zeitalter enormen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums. Sie müssen eine kontinuierlich wachsende Nachfrage des Um- und Hinterlandes ihrer Mitgliedstädte und der Zielländer befriedigen und verbinden dabei erstmals den Land- und Seehandel, die zuvor getrennt voneinander abliefen.

          Aber es ist nicht leicht, Kaufleute in halb Europa zusammenzuhalten. Wie das funktionierte, zeigt das Beispiel von Hildebrand Veckinchusen (+ 1426) - des hansischen Kaufmanns, über den am meisten bekannt ist. Geboren in Dorpat (Tartu) in Estland, ist er später Lübecker Bürger, lebt aber über ein Vierteljahrhundert in Brügge, wo die wichtigste Auslandsniederlassung der Hanse liegt. Er hat Handelsverbindungen mit mehr als 1000 Handelspartnern. Mitglieder seiner Familie sitzen in den wichtigsten Städten entlang der hansischen Zentralroute von Nordwestrussland nach England und Flandern: in Tallinn, Riga, Danzig, Lübeck, London und Brügge sowie in Köln. In vielen anderen Städten hat er Handelspartner, mit denen er nicht verwandt ist, von Stettin (Szczecin) und Augsburg bis nach Bordeaux, Lucca und Venedig. Er handelt mit Rohstoffen und Lebensmitteln des Nordens und Ostens sowie gewerblichen Fertigprodukten und fernöstlichen Importen des Westens.

          „Handelsgeschäft auf Gegenseitigkeit“

          Hildebrand arbeitet mit seinen Handelspartnern auf eine neuartige Weise zusammen, die die Hanse entwickelt hatte: das "Handelsgeschäft auf Gegenseitigkeit". Dabei arbeiten zwei Kaufleute zusammen, die an unterschiedlichen Orten leben. Sie schicken einander Waren, und jeder verkauft an seinem Ort die Waren für den Partner. Für diese Arbeit berechnen sie einander nichts, der Lohn besteht in der Gegenseitigkeit. Ein schriftlicher Vertrag ist nicht nötig. Hildebrands Bücher sind voll davon. Er betreibt zum Beispiel Handelsgeschäfte auf Gegenseitigkeit mit seinem Schwiegervater. Als er sich aber in dessen Testament benachteiligt sieht, berechnet er seinen Verwandten die Arbeitsleistung rückwirkend.

          Hansekaufleute haben zahlreiche solcher Handelsverbindungen, so dass sich aus vielen dieser zunächst zweiseitig linearen Beziehungen die Struktur eines Netzes ergibt. Auf diese Weise überspannen zahlreiche Netze den gesamten hansischen Wirtschaftsraum. Die Beziehungen zwischen den Mitgliedern dieser Netze sind nicht hierarchisch. Sie haben mit der heutigen Beziehungs-Netzwerk-Ökonomie einiges gemein.

          Niederlassungen von Lissabon bis Smolensk

          Wo besonders viele Linien zusammenlaufen, bilden sich Knoten, und zwar personelle und örtliche. Die örtlichen sind die Auslandsniederlassungen, die Kontore; die bedeutendsten davon in Nowgorod in Nordwestrussland, in Bergen in Norwegen, in London in England und in Brügge in Flandern. So können die Hansekaufleute gemeinsam erledigen, was die großen oberdeutschen und italienischen Handelshäuser mit enormem Aufwand jeweils selbst machen müssen: Die Hanse unterhält vier große Kontore und 44 kleinere Niederlassungen von Lissabon bis Smolensk, über die der Handel mit dem jeweiligen Zielland abgewickelt werden muss.

          Auch die sogenannten "Ratssende·boten" helfen, das Netzwerk zusammenzuhalten. Das sind Bürgermeister und Ratsherren, die von den Räten ihrer Hansestädte zu den Hansetagen abgeordnet werden - einer Art "Europäischer Rat" der Hanse. So kann die Hanse zum Beispiel 1398 eine eigene Flotte gegen Seeräuber auf den Weg schicken.

          In Krisenzeiten erlässt der Hansetag bisweilen zeitlich begrenzte Kreditverbote, um hansische Kaufleute, die die komplizierten geldpolitischen Zusammenhänge nicht kennen, zu schützen. Er handelt in diesem Fall wie der Senior eines hierarchisch aufgebauten Handelshauses, der aufgrund seines Überblicks seinen Angestellten Vorschriften macht, wie in welcher Situation zu verfahren sei. Dieser Überblick ist bei den Hansen mehr als gegeben: Denn auf den Hansetagen trifft sich die geballte politische und wirtschaftliche Machtelite der Hanse, die "Wirtschaftskapitäne" des hansischen Raumes. In den Beratungen laufen Informationen aus dem gesamten hansischen Wirtschaftsraum von Portugal bis Russland zusammen. So können Entscheidungen entstehen, die halb Europa binden. Und die ebenso mühsam ausgehandelt werden wie heute die der Europäischen Union.

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