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Devisen : Yen-Abwertung mit Risiken

Der japanische Yen hat seit Anfang März gegenüber dem Dollar fast 19 Prozent an Wert verloren. Bild: Bloomberg

Seit der globalen Finanzkrise galt Japan vielen als Vorbild. Das ändert sich jetzt. Angesichts der fortlaufenden Abwertung des Yen könnten es schließlich bald zu Unruhen an den Finanzmärkten kommen.

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          Im Fernen Osten bahnt sich eine Verschiebung in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen an, die noch für Unruhe in den Hauptstädten und an den Finanzmärkten sorgen dürfte. Der japanische Yen hat seit Anfang März gegenüber dem Dollar fast 19 Prozent an Wert verloren. Zum Euro sind es rund 11 Prozent. Ein Ende der Abwertungstendenz ist auf längere Zeit nicht zu sehen. Die Federal Reserve und die Europäische Zen­tralbank werden noch monatelang damit beschäftigt sein, sich mit Zinserhöhungen gegen den Inflationsschub zu stemmen. Dagegen hält die Bank von Japan (BoJ) ohne zu zucken an ihrer aggressiv-expansiven Geldpolitik fest: mit einem negativen Zinssatz am kurzen Ende der Zinskurve und einem angestrebten Null-Prozent-Satz für die Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit.

          Obwohl Japans Verbraucher und Unternehmen zunehmend über die importierte Inflation und den teuren Import murren, hat die Bank von Japan die Unterstützung der Regierung. Die Sucht des schwachen Yens trifft in Japan auf viele Abhängige. Unweigerlich aber lässt das Auseinanderlaufen der Zinssätze den Wert des Yens am Devisenmarkt einbrechen. Der Yen-Dollar-Kurs stieg schon auf ein 24-Jahres-Hoch von mehr als 136 Yen je Dollar.

          Die historische Dimension liegt nicht nur darin. Seit der globalen Finanzkrise galt Japan vielen in Europa und Amerika als Vorbild, um Banken herauszupauken oder um mit Nullzinssätzen und dem Ankauf von Staatsanleihen die Staatsverschuldung zu erleichtern. Mit dem Inflationsschub, der in Japan im Gegensatz zu Amerika und Europa bisher nur moderat ankommt, trennen sich nun wieder die Wege, zumindest in der Geldpolitik und hoffentlich auf Dauer. So attraktiv ist die japanische Geld- und Wirtschaftspolitik als Dauerlösung nicht. Mit viel Geld erhält sie Zombie-Unternehmen am Leben und schläfert die wirtschaftliche Dynamik im Inland ein.

          Drohender Währungskrieg

          Die internationalen Risiken der Yen-Abwertung liegen auf der Hand. Manche Beobachter schließen einen Kursanstieg auf 150 bis 160 Yen je Dollar nicht aus. Wie lange würden die Vereinigten Staaten sich das gefallen lassen, zumal die Gefahr einer Rezession droht? Auch China könnte Japan vorwerfen, einen Währungskrieg anzuzetteln. Dafür gibt es einen historischen Vorläufer.

          Der Blick zurück um 24 Jahre führt zur Asienkrise von 1997/98. Damals stieg der Yen-Kurs auf bis zu 146 Yen je Dollar, und es gab die Furcht, dass nicht nur Thailand, Malaysia oder Südkorea, sondern auch China zum Dollar abwerten werde, als Reaktion auf die Yen-Schwäche. China widerstand der Versuchung, auch weil die Regierung von Bill Clinton Peking entgegenkam und verbal die Politik des starken Dollars zurückstellte. Ein solcher Konsens scheint heute außer Reichweite, solange Präsident Biden China als wirtschaftlichen und geopolitischen Konkurrenten sieht.

          So stimmig die Abwertung des Yens mit der Zinsdifferenz erklärt werden muss, so sehr verdeckt dieser Gedanke den tieferen Grund: die Schwäche der japanischen Wirtschaft. In Amerika und zu einem gewissen Grade auch in Europa wird der Inflationsschub durch eine wirtschaftliche Erholung angetrieben. Japans Wirtschaft aber ist zu schwach, um die Kostendruck- zur nachfragegetriebenen Inflation zu drehen. Die Regierungen haben Jahrzehnte der extrem lockeren Geldpolitik nicht genutzt, um durch angebotspolitische Korrekturen der Wirtschaft mehr Wachstumskraft und Dynamik anzuerziehen. Das rächt sich jetzt.

          Auch jetzt heißt es geldpolitisch „weiter so“, und es greift reflexhaft das Argument, der schwache Yen bringe Japan netto Vorteile. Doch diese sind zunehmend schwerer zu erkennen. Weil die großen Exporteure viel mehr als früher im Ausland produzieren, profitieren sie vom schwachen Yen immer weniger in der Ausfuhr und immer mehr über repa­triierte Profite. Im Inland gewinnen so die negativen Seiten der Yen-Schwäche, die steigenden Importkosten, an Gewicht. Zugleich steigen die Kosten der sehr lockeren Geldpolitik. Die Bank von Japan stemmt sich mit aller Macht gegen den Aufwärtsdruck der langfristigen Zinsen und hat ihre Ankäufe von Staatsanleihen drastisch erhöht. Die Verspannungen am Kapitalmarkt nehmen zu.

          Eine Wende der japanischen Geldpolitik ist nicht zu erwarten. Gouverneur Haruhiko Kuroda sieht seine Mission noch nicht erfüllt. Das Schicksal des Yens und aller verbundenen Verwerfungen entscheidet sich damit in Amerika. Erst wenn in der Federal Reserve die Rezessions- die Inflationsfurcht überwiegt, dürfte der Yen seine Schwäche überwinden, nicht aber aus eigener Kraft.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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