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Delikatesse aus dem Meer : Wie Verbrecher beim Fischfang mitmischen

Auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio werden Thunfische vor der Auktion begutachtet. Bild: Patrick Welter

Der Kampf um den Fisch ist ein Problem von Angebot und Nachfrage. Die sinkenden Vorkommen reizen Verbrecher, in das Geschäft einzusteigen – und die Politik versagt.

          Ob zu Weihnachten oder Silvester: Der Karpfen dürfte gerade erst wieder vielen Mitteleuropäern gemundet haben. Als gezüchteter Fisch kann er das auch. Und doch hat er einen schalen Beigeschmack selbst für jene, die über den Festschmaus hinausdenken. Denn Fisch wird immer mehr zur begehrten, aber knappen Delikatesse. Dabei leben Hunderte Millionen Menschen von ihm – weil sie ihn als Nahrung brauchen oder zum Lebensunterhalt fangen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Mit zwölf Jahren haben wir angefangen, auf die Boote zu gehen“, erzählt Sayed Munshi, Fischer im Delta von Bangladesch. „Wir jagen den Hilsa-Hering. Damals gab es noch weniger Fischer, und die Fische waren größer“, fügt er an. „Wir kamen mit 100 Kilo Fisch zurück. Heute sind es vielleicht 20 oder 25 Kilo“, so der Mittvierziger. Und dass sie ihren Fisch heute teurer auf dem Markt verkaufen können? „Das hilft doch nicht. Die Netze und Boote werden auch immer teurer.“ Manche der früheren Fischer aus dem nahen Indien hätten sich deshalb auf den Menschenraub verlegt, erzählt er. Sie entführten die Fischer von ihren Booten, sagen die Bangladeschi. Das bringe eben mehr Geld als der magere Fang.

          „Die Ozeane werden unter immer mehr Druck geraten. Die Nachfrage insbesondere aus Asien nach Meeresfrüchten wird das weltweite Fischereiwesen zunehmend belasten. Schon heute werden 31 Prozent auf nichtnachhaltige Weise gefischt“, warnte das australische Außenministerium gerade. Andere gehen noch weiter: Die Welternährungsorganisation schätzt, dass schon 2013 – das letzte Jahr, für das verlässliche Daten vorliegen – 90 Prozent der weltweiten Fischvorkommen entweder überfischt waren oder so weit ausgebeutet wurden, dass kein steigender Nachwuchs mehr möglich war. Das illegale Fischen, das für rund ein Fünftel der gesamten Fischerei steht, trägt dazu nach Ansicht der Analysten des Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) in erheblichem Maße bei. Sie warnen, der illegale Fang werde zum „Risiko für die nationale Sicherheit“.

          Fremde Boot in die Luft gejagt

          Deshalb überwachen die Australier die auch aus Japan, China, Korea und Taiwan bis vor die Südküste ihres Kontinents vordringenden schweren Schleppnetz-Fischkutter so genau, wie es geht. In Indonesien hat die Fischereiministerin längst ein anderes Konzept gewählt: Sie lässt die Boote fremder Nationen, die in indonesische Gewässer eindringen, um dort ihren Fang zu suchen, aufbringen und medienwirksam in die Luft jagen – nachdem ihre Besatzung geborgen wurde. Im vergangenen April waren es in einem riesigen Spektakel gleich 81 Kutter. Seit Präsident Joko Widodo Südostasiens größte Volkswirtschaft führt, zerstörte seine Marine mehr als 300 fremde Fischerboote, neben solchen aus China auch Boote aus Vietnam, Thailand und Malaysia.

          Der Kampf um den Fisch ist ein Problem von Angebot und Nachfrage: Denn schon jetzt verbrauchen die Menschen mit durchschnittlich rund 20 Kilogramm im Jahr mehr Fisch, als die Meere hergeben – Tendenz steigend, auch durch die höheren Einkommen in Asien. Die wachsende Aquakultur reicht nicht, um den Anstieg der Nachfrage aufzufangen. Rund ein Drittel der weltweiten Fischvorkommen sind stärker ausgebeutet, als es die Nachhaltigkeit zulässt. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag dieser Wert erst bei 10 Prozent.

          Theoretisch könnten Fangquoten helfen: In Amerika galt zur Jahrtausendwende ein Viertel aller Vorkommen als überfischt, heute sind es nur noch 10 Prozent. Doch ist es schwierig, solche Quoten multilateral zu vereinbaren und sie dann auch noch einzuhalten. Heute fahren Fischer oft bis zu 400 Kilometer auf See bis zum Rand der „Exklusiven Wirtschaftszonen“ (EEZ), um vor „ihren“ Küsten noch einen Fang zu machen. Bis an deren Grenzen können Länder Lizenzen an Dritte verkaufen. Billiger aber ist es, einfach in die Gebiete einzudringen.

          Wem aber gehört die offene See? China etwa setzt eine Fischereizone durch, die weite Teile des Südchinesischen Meeres betrifft – dessen Küstenregionen auch etwa Vietnam oder die Philippinen beanspruchen. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten: Im Südchinesischen Meer lebt rund ein Zehntel der Fischpopulation der Welt. Auf sie die Hand zu legen sichert Einkommen und Ernährung.

          Nicht nur das Überfischen aber schadet den Vorkommen: Der Anstieg der Wassertemperatur, die Überdüngung der Regionen an der Küste und der Plastikmüll kommen hinzu. Die Wissenschaftler der Ellen MacArthur Stiftung schätzen, dass es Mitte dieses Jahrhunderts mehr Plastikreste als Fisch in den Weltmeeren geben wird.

          Subventionen für illegalen Fang streichen?

          Auch stocken die Verhandlungen zum Streichen der Subventionen für die Industrie. Indien blockierte auf der jüngsten Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation in Buenos Aires die erwartete Entscheidung. Die 164 Mitgliedsländer einigten sich lediglich darauf, bis zum kommenden Jahr eine Lösung auszuarbeiten. „Die Industrieländer behaupten, dass Subventionen für die Fischindustrie, die auf Dutzende Milliarden Dollar jährlich geschätzt werden, tiefgreifende Störungen des Marktes hervorrufen und ein bedeutender Faktor für die Überfischung und Überkapazität und das Schrumpfen der Fisch-Bestände sind“, berichtet die Zeitung „Times of India“ von der Konferenz. Die europäische Handelskommissarin Cecilia Malmström twitterte nach dem Gipfel: „Die Mitgliedsländer konnten sich nicht einmal darauf einigen, die Subventionen für illegalen Fischfang zu streichen. Grässlich. Die EU hat wirklich hart darauf hingearbeitet, aber das zerstörerische Verhalten einiger großer Länder hat ein Ergebnis verhindert. Wie konnten wir nur dahin kommen?“

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          Hoffnung bietet nur noch die Hochtechnologie. So hat die Nichtregierungsorganisation Oceana gemeinsam mit Google, dem Schauspieler Leonardo Dicaprio, der indonesischen Regierung und dem Satellitenbetreiber Sky Truth die Internetplattform Global Fishing Watch gegründet. Sie verfolgt die Position und die Aktivität von inzwischen 60.000 Kuttern, die für knapp 60 Prozent des weltweiten Fangvolumens stehen. „Illegales, nicht berichtetes und unreguliertes Fischen ist ein weltweites Verbrechen. Um dem ein Ende zu setzen, müssen wir alle Werkzeuge nutzen, die wir haben. Wenn Global Fishing Watch greift, wird sich kein Fischerboot mehr verstecken können“, wirbt die indonesische Fischereiministerin Susi Pudjiastuti für die Überwachung aus der Luft.

          Gleichwohl bleibt es schwierig. Die Analysten von CSIS listen 14 Arten von Gesetzesbrüchen auf, die Fischer begehen – darunter das Fischen ohne Lizenz, unter falscher Flagge, mit unerlaubter Ausrüstung, außerhalb der Fangsaison oder ohne ihren Fang oder ihre Position offenzulegen. Schon 2009 haben die Vereinten Nationen „Bedenken aufgrund möglicher Verbindungen zwischen länderübergreifenden Verbrechen und illegaler Fischerei“ geäußert. „Während die Nachfrage steigt und das Angebot sinkt, steigen die Profite“, warnt Cathy Haenlein, Analystin für organisierte Kriminalität am Royal United Services Institute in London. Aufgrund der Größe der Ozeane sei das Risiko, gefasst zu werden, gering. „Der Fisch kann ganz einfach in einen sauberen Fang gewaschen werden. Und sogar dort, wo Gesetze angewandt werden, sind die Strafen gering. Das Ergebnis ist ein Umfeld mit niedrigen Risiken und hohen Gewinnen, das perfekt auf Kriminelle ausgerichtet ist.“ Dazu gehört auch der Einsatz von Sklavenarbeit an Bord und in Fischfabriken an Land, wie er in Thailand in den vergangenen Jahren aufgedeckt worden war.

          Fischer Munshi in Bangladesch weiß vom weltweiten Kampf um den Fisch wenig. Er weiß aber, dass ein einziges Netz mit 100.000 Taka (1008 Euro) zu Buche schlägt, ein Fischerboot 400.000 Taka und die staatliche Lizenz für den Fischfang noch einmal dieselbe Summe kostet. Im Durchschnitt machen die Menschen hier aber nur 9000 Taka im Monat – gut 100 Euro. „Es reicht einfach nicht“, sagt Munshi. Seine Freunde nicken. „Keine Ahnung, warum, aber es ist in den vergangenen Jahren alles ganz anders geworden. Wir haben jetzt auch viel mehr Stürme“, sagt Munshi nach einer Pause. „Vielleicht ist es der Klimawandel.“

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