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Kommentar : Heimat als Projekt?

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Früher war mehr Heimat! Doch was bleibt, wenn es immer weniger Ärzte und Schulen in den ländlichen Regionen gibt? Bild: dpa

Heimat ist zur Debatte geworden. Viele fürchten aus ihr vertrieben zu werden: wegen fehlender Ärzte und Schulen. Doch der Schutz der Heimat kann nie nur eine Aufgabe der Politik sein.

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          Advent bedeutet Ankunft, was nicht nur hervorragend zum Warten auf die Ankunft des Herrn passt, sondern auch dazu, dass Weihnachten für viele Menschen ohnehin eine Zeit des Ankommens ist. „Driving home for Christmas“, singt Chris Rea seit neunundzwanzig Jahren, und in der Tat ist das Ankommen an alten Orten, das Reisen in die Heimat, häufig identitätsstiftender Teil des Festes.

          Diese Heimat aber, das haben die Debatten der vergangenen Monate gelehrt, ist offensichtlich nicht mehr nur der Ort, von dem wir stammen und zu dem wir hin und wieder sehnsuchtsvoll zurückkehren. Schon das Wort provoziert manchen. Ausgrenzend sei der Begriff, empörte sich die Grüne Jugend, als die eigene Parteichefin in einem Atemzug von Heimat und Land sprach, also fast schon von Heimatland. Und die Gaulands und Höckes dieser Welt haben noch mal ganz eigene Vorstellungen vom Verteidigen desselben. Von links verpönt, von rechts missbraucht, von oben erschrocken wiederentdeckt beim Rätseln über den Erfolg der AfD, ist über „Heimat“ eine teils hitzige Diskussion entbrannt.

          Furcht vor der Vertreibung aus der Heimat

          Heimat ist, wo wir wurden, was wir sind, wo wir herkommen, wo die Eltern leben. Auch Orte machen den Menschen, sie sind Behausung, Orientierung und Vertrautheit, schon durch die gemeinsame Sprache. Für viele ist Heimat aber auch der Ort und Lebensentwurf, den sie später gewählt haben, wo ihre Kinder geboren sind, sie ein Haus gebaut haben. Heimat ist eher klein als groß, ist Prägung, Wiederholung, Hort der Geschichten, die man sich erzählt. Deshalb ist es so schwer, sie hinter sich zu lassen – selbst für jene, die so sehr in sich ruhen, dass sie sich selbst meist Heimat genug sind. Die Fäden, die einen mit der Heimat verbinden, können lang sein und immer länger werden, je älter man wird, je weiter man reist und an fremden Orten lebt. Manch einer kappt sie ganz, aber selbst dann bleibt eine kleine Narbe zurück.

          Was Heimat heute jedoch zu einem Politikum macht, ist die Furcht, aus ihr vertrieben zu werden. Nicht physisch, nicht wie Flüchtlinge, die Krieg oder Not aus ihrer Heimat vertreibt. Sondern als Vertreibung aus dem Vertrauten. Wenn die Familien wegziehen, weil es keine Schule, keine Kindergärten und keine Arbeit mehr gibt, wenn neue Menschen kommen, die man in keiner Hinsicht versteht, wenn der Laden dichtmacht, der Arzt keinen Nachfolger findet, der Bus kaum noch fährt, die Kneipe nicht mehr öffnet und alle pendeln oder Rentner sind, dann ist das mehr Veränderung, als die meisten wegstecken können.

          In der Erwachsenenwelt sind die Brüche schwieriger

          Die Angst vor dem Verlust der Heimat ist kein Alleinstellungsmerkmal der Menschen auf dem Land, die derzeit oft als „die Abgehängten“ durch den politischen Diskurs geistern und denen man mit Glasfaser, „polyzentraler“ Standortsicherung und digitalisierten Mülltonnen entgegenkommen will. Auch in den Städten herrscht Heimatangst. Sie speist sich aus der Sorge vor Einbrüchen und Straßenkriminalität, schlechter Luft, Terror und Mieten, die ganze Stadtteile für Normalverdiener unbezahlbar machen.

          Kinder kennen das mit der Vertreibung aus dem Gewohnten. Kindergarten statt zu Hause sein bei Mama, Schule statt spielen, arbeiten statt studieren. Mit den Vertreibungen aus den Kindheitsparadiesen sind aber stets auch Verheißungen verbunden, Abenteuer und ein Mehr an Freiheit. Die Brüche der Erwachsenenwelt dagegen sind schwerer zu verkraften: Scheidung, Arbeitslosigkeit, schmale Rente. Was bleibt, sind Verlustgefühle und Erschöpfung. Und die Vorstellung, dass früher mehr Heimat war.

          Beim Heimatschutz muss jeder mithelfen

          Heimat ist also auch ein Sehnsuchtsort, eine Idee von der Unverrückbarkeit der Dinge, vom allzeit festen Boden unter den Füßen. Heimatverein, Heimatfilm, Heimatmuseum, trautes Heim, Glück allein: all das hat mit Bewahren zu tun, mit Sammeln und Sicherinnern. Aber was, wenn aus Tradition Folklore wird? Aus Zugehörigkeit Tümelei und aus Gemeinschaft ein „wir gegen die“?

          In Bayern und Nordrhein-Westfalen gibt es ein Heimatministerium, in Berlin wurde sondiert über die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, was übersetzt bedeutet: Wir wollen uns kümmern um jene, die sich vergessen fühlen. Doch Heimatschutz in einer sich wandelnden Welt kann niemals nur ein politisches Projekt sein – so wichtig Digitalisierung, behutsame Gebietsreformen, Landärzte und lebendige Ortskerne statt immer neuer Wohngebiete am Rand auch sind.

          Den Heimatschmerz kann man nicht bekämpfen lassen, da muss man schon selbst ran. Stoßseufzer und der verklärte Blick zurück, Resignation und Abwehr jeglicher Veränderung bringen nichts, und die Raumpioniere, die es schon gibt, werden es allein nicht schaffen. Sie brauchen mutige Bürgermeister mit einem Händchen fürs Anwerben – von Mitteln, Menschen und Wissen. Sie brauchen verantwortungsbewusste Unternehmer, Alteingesessene, die sich einen Ruck geben, und auch jene, deren Hauptargument für die Wahlheimat der Grundstückspreis oder Regionalbahnanschluss war. Heimat ist Ankommen, aber auch Aufbruch ins Neue.

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