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Fit wie ein Turnschuh: Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn, 42, vor seinem Oppositionsbüro im Bundestag Bild: Omer Messinger

Karrieren : Der Corona-Überlebende

Zuletzt galt Jens Spahn als gescheiterter Minister, jetzt will er wieder durchstarten. Ausgerechnet der grüne Vizekanzler soll ihm dabei helfen.

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          In dieser Nacht ist er von ein paar lauten Explosionen aufgewacht. Er wohnt ja im Berliner Grunewald, da ist es nicht weit zu dem Sprengplatz, auf dem die Berliner Polizei gewöhnlich Weltkriegsmunition unschädlich macht und der nun seinerseits in Brand gerät. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres, draußen sind es 37 Grad im Schatten, als Jens Spahn in seinem gut gekühlten Bundestagsbüro empfängt. Für den Fototermin hat er sich weiße Sneakers der Marke Reebok angezogen. Er ist zwar mit 20 Parlamentsjahren einer der dienstältesten Abgeordneten, aber mit 42 Lebensjahren immer noch einer der Jüngeren in der deutschen Politik, vor allem wenn man ihn mit seinem 66 Jahre alten Partei- und Fraktionsvorsitzenden vergleicht, der hier noch eine Rolle spielen soll.

          Wenn es nach Spahn geht, kann es jetzt wieder losgehen mit der Hitze des politischen Gefechts, mit den Explosionen und mit dem Dauerlauf, der mit dem politischen Geschäft ja immer auch verbunden ist. Ein Dreivierteljahr ist er nun schwanger gegangen mit seiner politischen Wiedergeburt, seit er am 8. Dezember vorigen Jahres das Gesundheitsministerium an den sozialdemokratischen Professor Karl Lauterbach übergab. Für Ende September ist die endgültige Abnabelung geplant, da erscheint sein Buch über die Zeit, als ihn die Corona-Pandemie erst zum Star, dann zum beinahe Gescheiterten machte.

          „Wir werden einander viel verzeihen müssen“, heißt das Buch. Es ist sein bekanntester Satz, mit dem er schon in einer sehr frühen Phase der Pandemie vorbaute für spätere Enttäuschungen. Das Buch ist seine Antwort auf die Frage, wie eigentlich die Deutschen in dem Mann, der allabendlich auf den Fernsehschirmen in ihren Wohnzimmern den Corona-Dompteur gab, auf einmal den Gegenspieler des populären grünen Vizekanzlers Robert Habeck sehen sollen. Denn das will er von nun an sein in seinem neuen Hauptjob, von dem vielleicht noch nicht jeder Notiz genommen hat: als einer von zwölf Stellvertretern des Fraktionschefs Friedrich Merz, zuständig für Wirtschaft, Klima und Energie.



          Ein Vierteljahr ziemlich stillgehalten

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Spahn hat über sein Comeback lange nachgedacht. Die einzelnen Schritte überlegte er sich früh, den Zeitplan passte er den Umständen an. Bei einem Treffen im April hielt er sich noch zurück, wirkte unsicher, ob er schon mit Zitaten an die Öffentlichkeit gehen soll. Das Corona-Buch entspringt der Erkenntnis, dass er über seine Rolle in der Pandemiezeit nicht einfach hinweggehen kann. Besser, er macht das offensiv zum Thema, dann ist es danach nicht mehr so interessant. Es hilft ihm natürlich, dass sich die Nachfolger inzwischen in den Widersprüchen ihrer eigenen Corona-Politik verfangen haben. Dass der heutige Amtsinhaber Karl Lauterbach das Amt so viel glanzvoller ausfüllt als Spahn, nun ja, das würden heute wohl nur noch die wenigsten behaupten.

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