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Lieferungen aus Aserbaidschan : Gas aus dem Kriegsland für Europa

Erdgasförderung im Kaspischen Meer Bild: mauritius images / Marine Constr

Aserbaidschan kann ab sofort über den „südlichen Gaskorridor“ Europa mit Brennstoff beliefern. Die neue Leitung soll einen anderen großen Zulieferer treffen.

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          Mitten im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Kaukasus-Region Nagornyj Karabach bezieht Europa erst mal direkt Gas aus Aserbaidschan. Das Baukonsortium Trans Adriatic Pipeline (TAP) teilte mit, es habe den letzten Abschnitt der Pipeline fertiggestellt. Die 878 Kilometer lange, von der türkisch-griechischen Grenze über Albanien nach Süditalien führende Leitung sei nun mit Erdgas gefüllt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Bis Mitte November werde sie mit dem italienischen Gasfernleitungsnetz in Apulien verbunden, teilte die Bau- und Betreibergesellschaft mit. Von Italien aus soll das Gas weiter nach Zentraleuropa verkauft werden. Abzweigungen nach Bulgarien und Griechenland sollen die Versorgungssicherheit erhöhen, auch Albanien und der Westbalkan haben diese Option.

          Die knapp 4 Milliarden Euro teure TAP gilt der EU als strategisch wichtiges Infrastrukturvorhaben. Die von der Europäischen Investitionsbank mitfinanzierte Gasröhre soll helfen, die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Über den alles in allem 3500 Kilometer langen „südlichen Gaskorridor“ sollen von nun an jedes Jahr 10 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus dem Schah-Denis-Feld im Kaspischen Meer via Georgien und die Türkei nach Europa importiert werden. Zum Vergleich: Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 können bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas gepumpt werden.

          Das letzte Kapitel eines höchst umstrittenen Projekts

          Der Energiekonzern BP, der in Aserbaidschan Öl und Gas fördert und einer der TAP-Eigner ist, erklärte, der bevorstehende Anschluss an das italienische Gasnetz werde es dem „Schah-Denis-Konsortium ermöglichen, die letzten erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die auf 25 Jahre angelegte Lieferung von Erdgas aus Aserbaidschan an Kunden in Italien, Griechenland und Bulgarien wie geplant bis Ende 2020 zu beginnen“.

          Die Leitung könne die Gasversorgung mehrerer südosteuropäischer Länder verbessern, erklärte das TAP-Konsortium, in dem neben BP der aserbaidschanische Staatskonzern Socar sowie der italienische Gasnetzbetreiber Snam mit je 20 Prozent die größten Anteilseigner sind. Von Italien aus ergäben sich vielfältige Möglichkeiten für den Weitertransport in die europäischen Märkte. TAP spiele auch „eine wichtige Rolle bei der Förderung der Energieversorgungssicherheit, der Diversifizierung der Energieversorgung und der Dekarbonisierungsziele in Europa“.

          Bild: F.A.Z.

          Umweltschützer bezweifeln dies indes und haben lange versucht, den vor gut vier Jahren begonnenen Bau der Pipeline aufzuhalten. Sie argumentieren, Europa binde sich mit dieser wie mit anderen neuen Gasleitungen auf Jahrzehnte an den fossilen Energieträger Erdgas und trage zur Emission klimaschädlichen Kohlendioxids bei, die man vorgebe, reduzieren zu wollen. Europa soll laut EU-Kommission bis 2050 der erste „klimaneutrale Kontinent“ werden.

          Für Italiens Politik ist die Fertigstellung der Pipeline das letzte Kapitel eines höchst umstrittenen Projekts. Vor allem in der Region Apulien, wo die Pipeline bei Melendugno in der Provinz Lecce anlandet, gab es großen Widerstand. Der Regionalpräsident musste aber wie die Fünf-Sterne-Protestbewegung feststellen, dass die Verträge unangreifbar waren und ein später Ausstieg aus dem Projekt Schadenersatzforderungen gegenüber Italien in Milliardenhöhe bedeutet hätte.

          Auch die Türkei – ein vehementer Unterstützer Aserbaidschans im Krieg mit Armenien – wird aus dem Gasfeld aus dem kaspischen Becken via Südkaukasus-Pipeline und der 2018 fertiggestellten Transanatolischen Pipeline mit bis zu 6 Milliarden Kubikmetern im Jahr bedient. Sie macht sich damit bereits heute unabhängiger von russischen Gaslieferungen über die beiden Schwarz-Meer-Pipelines „Blue Stream“ und „Turkish Stream“. Letztere soll vor allem die Ukraine umgehen und Südosteuropa mit russischem Gas beliefern. Die Anschlussleitung in Bulgarien verspätet sich und wird derzeit noch gebaut.

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