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Tierwohl : Her mit dem guten Fleisch!

Würden Sie dafür auch 40 Cent mehr zahlen? Rindfleisch in der Auslage der Metzgerei Kumpel & Keule in Berlin Bild: Andreas Pein

Corona im Schlachthof, qualvolle Enge im Stall, Schleuderpreise im Supermarkt: Es ist was faul in der Fleischbranche. Aber es gibt einen Ausweg aus der Krise.

          6 Min.

          Seit 2002 steht es im Grundgesetz: „Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere.“ Der Satz macht keinen Unterschied zwischen Wildtieren, Haustieren und Nutztieren. Die Realität sieht anders aus. Wenn Rotmilane oder Haselmäuse in Gefahr sind, dann stoppen Gerichte den Bau von Windkraftanlagen und Mietshäusern.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber für Puten und Rinder, die millionenfach in deutschen Ställen gemästet werden, gibt es bis heute nicht einmal ein gesetzlich geregeltes Mindestmaß an Tierschutz. Und wo es Vorschriften gibt, beschreiben sie prekäre Zustände: Ein dreiviertel Quadratmeter Platz im Stall für ein ausgewachsenes Schwein. Im Hühnerstall kommen auf einen Quadratmeter bis zu neun Tiere. Auslauf ist nicht vorgesehen, das Vieh kommt im Zweifel niemals an die frische Luft.

          Fleisch aus Deutschland, das ist in anderer Hinsicht eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Vor 25 Jahren wurden noch rund 400.000 Tonnen Geflügelfleisch und eine Million Tonnen Schweinefleisch aus dem Ausland importiert, um die Bundesbürger satt zu machen. In Deutschland selbst wurden dafür schlicht nicht genug Tiere gemästet und geschlachtet. Dann setzte eine rasante Entwicklung ein. Mit technischen Innovationen, mit logistischer Präzision und mit knallharter Kalkulation krempelten Unternehmer wie Clemens Tönnies und Paul-Heinz Wesjohann, der Mann hinter der Geflügelfleischmarke Wiesenhof, die Branche um.

          Die Produktion legte um insgesamt mehr als ein Drittel zu. Fleisch wurde gleichzeitig zu einem äußerst erschwinglichen, für die Verbraucher in den allermeisten Fällen auch sicheren Lebensmittel. So stieg Deutschland vom Groß-Importeur zum wichtigsten Fleisch-Exporteur in der Europäischen Union auf: Rund eine Million Tonnen Fleisch aus deutschen Landen wurden vergangenes Jahr ins Ausland verkauft. Ein Milliardengeschäft.

          Das Exportmodell funktioniert nicht mehr

          Aber so geht es nicht weiter. Die mehr als 1500 Corona-Fälle in den Schlachthöfen von Tönnies und Wesjohann, die gerade ein grelles Licht auf die Arbeitsbedingungen der vielen ausländischen Leiharbeiter in der Branche werfen, sind dabei nicht das größte Problem. Auf die sogenannten Werkverträge, auf die sich nun die Kritik richtet, können die Betriebe verzichten, ohne deswegen am Stock gehen zu müssen. Die Löhne machen im Fleischwerk kaum mehr als 10 Prozent der Gesamtkosten aus.

          Wenn dieser Posten nun um etwa ein Fünftel steigt, wie durch das angekündigte Verbot der Leiharbeit zu erwarten ist, wird das die Gesamtkosten um kaum 2 Prozent erhöhen. Da geht es mithin nur um ein paar Cent je Schnitzel. Das Exportmodell stieß schon vorher an seine Grenzen, dessen sind sich die Fleischmagnaten schon seit einiger Zeit bewusst. Clemens Tönnies zum Beispiel steckte deshalb viel Geld in den Bau von Farmen und Fabriken in Russland. Und in China, bislang wichtigster Abnehmer von Schweinefüßen und anderen Resten, werden zurzeit riesige Ställe und Fleischwerke aus dem Boden gestampft. Mit ihnen werden die deutschen Anbieter auf Dauer beim Preis nicht konkurrieren können, ob mit oder ohne Leiharbeiter.

          Viel schwieriger wird es, die jahrzehntelangen Versäumnisse in der Tierhaltung zu beheben, damit Fleisch und Wurst zu Lebensmitteln werden, die auch bei wachem Verstand ohne Gewissensbisse zu verzehren sind. Die Kluft, die sich hier zwischen dem in der Bevölkerung allen Umfragen zufolge weit verbreiteten Wunsch nach besseren Lebensbedingungen für Schweine und Rinder, Hühner und Puten einerseits und der Wirklichkeit in der Fleischerzeugung andererseits auftut, ist tief. Und damit ist nicht die ahnungslose Sorge der Städter gemeint, die es beim winterlichen Ausflug aufs Land skandalös finden, wenn sie hier und da Rinder auf der Weide stehen sehen, denen die Kälte in Wahrheit gut tut. Es geht vielmehr um fragwürdige Züchtungen; es geht um zu enge Ställe; es geht um Tiere, die unnötig leiden.

          Beine ausstrecken? Bisher nicht vorgesehen für die Sau

          Selbst hartgesottene Viehhalter haben am Industrialisierungsgrad ihres Geschäfts keinen Spaß mehr. Norbert Klapp zum Beispiel, der auf seinem Hof in Malsfeld südlich von Kassel Ferkel züchtet und Schweine mästet. „Am liebsten würde ich die Tiere alle hier in der Gegend weiterverkaufen oder zum Schlachter bringen“, sagt er. Aber das gelinge nur mit einem Drittel des Bestands, größer sei die Nachfrage nicht; ein entsprechend viel kleinerer Betrieb wäre jedoch nicht wettbewerbsfähig.

          Im Herbst sollen Klapps 300 Mastschweine in einen umgebauten Rinderstall ziehen, wo sie mehr Platz und frische Luft haben und auf Stroh statt wie bisher auf Betonspalten stehen können. Das kostet 150.000 Euro und wird vom Land anteilig gefördert. Ob Klapp genug Abnehmer findet, die künftig einen höheren Preis für die besseren Verhältnisse im Stall zu zahlen bereit sind? „Ich suche noch danach“, sagt er. Wenn es nicht gelingt, bleibt er auf den Kosten sitzen.

          Und die nächste, viel größere Investition steht schon an: Auf 300.000 Euro, den durchschnittlichen Betriebsgewinn von drei Jahren, überschlägt Klapp die Kosten für den bevorstehenden Umbau seines anderen Stalls, in dem bislang die Sauen vor und nach der Geburt ihrer Ferkel im sogenannten Kastenstand eng eingepfercht sind. Künftig sollen sie wenigstens genug Platz haben, um ihre Beine auszustrecken; das ist nach aller Voraussicht bald so vorgeschrieben.

          Wie Norbert Klapp geht es Viehhaltern im ganzen Land. Sie haben ihre Betriebe so aufgebaut, wie es die Gesetze erlaubten, und sie auf Effizienz getrimmt. Für die Verbraucher hat sich das gelohnt. Vor fünfzig Jahren musste ein Durchschnittsverdiener noch gut anderthalb Stunden arbeiten, um sich ein Kilo Schweinefleisch leisten zu können. Heute sind es nur noch 22 Minuten, ein Minus von 76 Prozent: Rekord. Im gleichen Zeitraum sind zwar auch alle anderen Lebensmittel in Deutschland erschwinglicher geworden, aber kein anderes im selben Maß wie das Fleisch.

          Nur dass sich währenddessen auch unsere Auffassung davon sehr verändert hat, wie Tiere behandelt werden sollten, spielte dabei kaum eine Rolle. Es geht wohlgemerkt nicht darum, nun zu den kleinbäuerlichen Verhältnissen der Vergangenheit zurückzukehren. Damals waren viele Ställe viel schlechter als heute: finstere Verschläge, in denen Kühe dauerhaft angebunden und damit fast bewegungslos an ihrem Platz stehen mussten. Gefragt ist nicht der Viehhaltungsstandard von gestern, sondern von morgen.

          Ein Vorschlag dafür liegt seit knapp einem halben Jahr in der Schublade von Julia Klöckner (CDU), der zuständigen Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung. Ersonnen hat ihn eine Gruppe von Fachleuten, angeführt von Klöckners Parteifreund Jochen Borchert, selbst einst Landwirtschaftsminister in Helmut Kohls Kabinett. Ihm ist das Kunststück gelungen, einen Kompromiss zu finden, dem Tierschützer und Landwirte, sonst zuverlässig Rivalen, gleichermaßen zustimmen: keine Utopie, keine astronomisch teure Maximalforderung, sondern nüchtern, sachlich, gut begründet.

          Bloß nicht zurück in die Vergangenheit!

          Das hätte man im Februar, als der Vorschlag abgeliefert wurde, mit Fanfarenklängen feiern können. Die Ministerin hat das Papier dagegen erst einmal zur Seite gelegt. Denn es enthält die Forderung, den Umbau der Ställe und den für eine bessere Tierhaltung nötigen Mehraufwand zu bezuschussen – mit Geld, das über einen staatlich verfügten Aufschlag auf den Fleischpreis in die Kasse kommen soll. Der Gedanke ist Klöckner prinzipiell zuwider, er kostet Liberale erst einmal Überwindung. Aber man kommt um ihn nicht mehr herum.

          Denn die Vorstellung, dass die Leute für Steak oder Schinken in Scharen freiwillig mehr zahlen, um damit etwas für das Wohl der Tiere zu bewirken, hat sich als Irrtum erwiesen. Besonders auffällig ist das bei Fleisch und Wurst aus biologischer Landwirtschaft. Beides verkauft sich fast überhaupt nicht. Nirgendwo ist allerdings auch der Preisaufschlag für die Bioware so hoch wie hier. Das liegt daran, dass sich höhere Preise nur für Einzelstücke wie Filet und Hähnchenbrust erzielen lassen. Aber gefüttert wird zuvor das ganze Tier. Die begehrten Stücke müssen auch die Kosten dafür wieder einbringen; bei Eiern, Milch und Gemüse gibt es so eine Aufteilung nicht.

          Aber auch deutlich günstigere Varianten finden wenig Zuspruch. Auf den Fleischverpackungen in den Kühlregalen der großen Handelsketten Aldi und Lidl, Rewe und Edeka gibt es Angaben zur Haltungsform, das Kennzeichnungssystem ist leicht zu verstehen: Wurden bis zur Schlachtung bloß die Mindestvorschriften eingehalten, prangt eine rote Eins auf der Packung; für doppelt so viel Platz im Stall und die Möglichkeit zum Auslauf gibt es eine grüne Vier samt „Premium“-Aufschrift. Die Stufen zwei und drei liegen dazwischen. Für die Vier zahlt man fast so viel wie für Bio-Fleisch, für Zwei und Drei deutlich weniger. Die vorläufige Bilanz: 80 Prozent des Schweinefleischs, 90 Prozent des Rindfleischs und 85 Prozent des Hähnchenfleischs werden in der günstigsten Variante verkauft.

          Warum die Fleischabgabe nötig ist

          Das lässt nur einen Schluss zu. Ohne einen zweckgebundenen Preisaufschlag zur Förderung von Stallumbauten und einer Reihe anderer Maßnahmen wird es nicht zu einer flächendeckend besseren Nutztierhaltung in Deutschland kommen. Das Wohl der Tiere, die dafür ja selbst nicht eintreten können, rechtfertigt diesen Eingriff in die Preisfindung. Einfach nur die Mindestanforderungen zu erhöhen und dann auf den Markt zu vertrauen, reicht nicht, weil sich daran bis zur Verabschiedung europaweit einheitlicher Regeln nur die deutschen Viehhalter halten müssten; gegen billigeres Fleisch aus dem Ausland hätten sie dann fast zwangsläufig das Nachsehen.

          Damit das jetzt schon teurere Bio- und Tierwohl-Fleisch nicht noch viel teurer wird, wäre ein Aufschlag je Kilo sinnvoller als ein prozentualer Preisaufschlag. Anders als die Ökostrom-Umlage würde die Fleisch-Abgabe nicht eine bestimmte Technologie bevorzugen, sondern die Tierhaltung insgesamt auf ein erträgliches Niveau bringen.

          Auf 3,6 Milliarden Euro im Jahr veranschlagt das Borchert-Papier die jährlichen Kosten, um das bis 2040 zu erreichen. Dafür müsste Fleisch 40 Cent je Kilo mehr kosten, heißt es. Wahrscheinlich geht es 10 oder 20 Cent je Kilo günstiger, wenn wirklich alle Fleischverbraucher herangezogen werden, also auch die Kantinenbetreiber und Wurstfabrikanten, und wenn ein paar gute Ideen zur Effizienzsteigerung hinzukommen. Können wir uns das leisten? Eine müßige Frage. Nur zur Erinnerung: Jeder Bundesbürger isst im statistischen Durchschnitt rund 60 Kilogramm Fleisch im Jahr. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die Hälfte davon.

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