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Entwicklungshilfe-Kommentar : Was für ein Elend

Müller bei seiner ersten großen Ansprache der neuen Legislaturperiode im Bundestag Bild: dpa

Entwicklungsminister Müller lebt von der Not – da stört jeder Fortschritt. So zeichnet er ein schräges Weltbild. Daten, die eine andere Sprache sprechen, blendet er großzügig aus.

          Der Entwicklungsminister ist ein Überlebenskünstler. Gerd Müller ist neben Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der Einzige im Kabinett, der sich im Amt behaupten konnte. Dabei schien der CSU-Politiker seine Zukunft im Kabinett schon hinter sich zu haben. Mit dem Parteivorsitzenden und dem Generalsekretär waren zwei Männer aus Bayern gesetzt. Zum Glück für Müller hat es die CSU nicht so mit der Frauenförderung, so dass der bayerische Schwabe neben Horst Seehofer und Andreas Scheuer weiterhin in der Regierung sitzen kann.

          Kaum im Amt bestätigt, fordert der CSU-Politiker eine deutliche Aufstockung seines Haushalts, obwohl sein Einzelplan in den vergangenen Jahren schon kräftig gewachsen ist. Mit den zusätzlichen Mitteln will Müller Flüchtlinge dabei unterstützen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Außerdem will er beispielsweise mit Bürgschaften und steuerlichen Anreizen die Wirtschaft in Afrika unterstützen, damit sich dort die Menschen gar nicht erst auf den Weg nach Europa machen. Das klingt plausibel und ist politisch verständlich. Aber eine Ausweitung der Hermes-Bürgschaften kündigt die Bundesregierung schon länger an, ohne dass etwas geschehen ist – wie der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft ernüchternd feststellte. Wie er hervorhebt, ist vor allem die Zahl der Arbeitsplätze auf dem südlichen Nachbarkontinent für die Frage entscheidend, ob der Migrationsdruck nachlassen wird.

          Eindrucksvoller Wandel zum Besseren

          Nun ist es politisch verständlich, wenn Müller das Flüchtlingsdrama nutzt, um seine Position zu verbessern. Aber vor überzogenen Erwartungen sollte man sich hüten. Wer von Entwicklungsgeldern lebt, wird immer Gründe finden, warum mehr Mittel notwendig sind. Der Minister zeichnet regelmäßig ein düsteres Bild der globalen Lage. Die Welt ist demnach ein elender Ort. Daten, die eine andere Sprache sprechen, blendet er großzügig aus. Das ist verständlich, er lebt politisch von dem Elend – so wie auch eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen. Sie alle beschwören die Not, so dass die Fiktion die Fakten verdrängt.

          Der vergangenes Jahr gestorbene schwedische Wissenschaftler Hans Rosling hat – letztlich erfolglos – versucht, mit Zahlen das Zerrbild zu korrigieren. Wie sich mit ihnen die Welt aufhellt, zeigen zahlreiche Grafiken in der jüngsten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In nur zwei Jahrzehnten hat sich beispielsweise der Anteil der Menschen in extremer Armut nahezu halbiert. 270 Millionen Inder entkamen somit dem größten Elend. In China gelang das sogar einer halben Milliarde Menschen. In Lateinamerika schafften es immerhin 35 Millionen.

          Andere Kriterien bestätigen, dass es in der Welt besser, nicht schlechter wird: Der Anteil der Unterernährten sinkt, die Sterblichkeit von Kindern geht zurück, die Schulbildung der Mädchen wird besser, immer mehr Menschen erhalten sauberes Wasser und haben Zugang zu Strom. Angesichts der Bilderflut aus von Krieg und Naturkatastrophen gebeutelten Regionen wirkt das unglaublich. Doch der Wandel zum Besseren ist wahrlich eindrucksvoll – wenn auch sicherlich ungleich verteilt.

          „Fairer Handel“ klingt verführerisch gut

          Tatsächlich ist der Fortschritt nicht unbedingt dort zu Hause, wo sich die Fachleute im Dienst des Aufbaus ballen. Man muss in diesem Zusammenhang natürlich aufpassen, nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln. Die Entwicklungsfachkräfte werden naturgemäß eher dorthin entsandt, wo die Lage ausnehmend trist ist. Aber es sollte schon zu denken geben, dass sich die Länder, die besonders stark von reichen Ländern unterstützt wurden, zumeist unterdurchschnittlich entwickelt haben. Die Hilfsgelder und Hilfskräfte haben es offenbar den dortigen Regierungen erlaubt, Entwicklungshemmnisse wie Korruption, fehlende Rechtssicherheit und falsche Schwerpunkte in ihrer Wirtschaftspolitik zu ignorieren. Andersherum hat sich die Lage der Menschen in Staaten überdurchschnittlich verbessert, die unterdurchschnittlich unterstützt wurden. Man denke nur an China oder Südkorea.

          Für den Kampf gegen Armut und Hunger fordert Müller nicht nur mehr Mittel im Bundeshaushalt, er will auch den globalen Handel „fairer“ gestalten. Textilbetriebe in Entwicklungsländern will er auf soziale und ökologische Mindeststandards verpflichten. Solche Forderungen kommen in reichen Ländern an. Doch die Gefahr ist groß, dass das Gutgemeinte genau die Ärmsten der Armen trifft – weil es statt schlecht bezahlter Arbeit auf einmal gar keine Arbeit mehr gibt. Weiß der Minister in Berlin wirklich besser als sein Kollege in Dhaka, was die Textilindustrie in Bangladesch verkraften kann? Das kleine Wörtchen „fair“ klingt verführerisch gut, aber es kann allzu leicht von großen Staaten missbraucht werden, um eigene Interesse gegen andere Länder durchzudrücken – wie derzeit Amerikas Präsident Donald Trump nachdrücklich vorführt.

          Die Erkenntnis nach Jahrzehnten mit Entwicklungspolitik ist, dass ihre Möglichkeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sehr begrenzt sind. Was für ein Elend? Nein, das Elend schwindet trotz alledem.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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