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Offshore-Windparks : Wie die Windräder in der Nordsee entsorgt werden sollen

Irgendwann müssen auch diese Windkrafträder 100 Kilometer vor der Insel Borkum wieder abgebaut werden. Bild: dpa

So viel wert wie 6 Kernkraftwerke sind die deutschen Windräder in der Nordsee – theoretisch, an guten Tagen. Irgendwann müssen sie aber auch wieder zurückgebaut werden. Und die Branche fragt sich: Wie?

          In Teilen gleicht die Nordsee einem Industriepark. Wo weder Marine noch Frachter, geschweige denn Fischer und Segler verkehren, ragen mehr als 200 Meter hohe Windräder aus dem Wasser. Rund 1300 Offshore-Anlagen gibt es mittlerweile auf deutschem Grund, wie der Bundesverband Windenergie am Montag bekanntgab. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was dank üppiger Förderung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf Feldern und Wiesen installiert wurde. Doch ist der Jahresnutzungsgrad mit 40 bis 50 Prozent dank eines konstanteren Windangebots zu Wasser rund doppelt so hoch. Das macht die ohnehin größeren Offshore-Anlagen zugleich wirtschaftlicher.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit etwas weniger als einem Gigawatt hat sich der Zuwachs im Vorjahr gegenüber 2017 allerdings verlangsamt. Die Branche will das als Weckruf verstanden wissen. Offshore-Anlagen mit einer Leistung von 6,4 Gigawatt sind installiert, weitere 1,3 Gigawatt sollen bis Ende 2020 hinzukommen. Theoretisch, ohne Berücksichtigung der extremen Schwankungen, entspricht das der Leistung von fünf bis sechs Kernkraftwerken.

          Wenn die Bundesregierung im Jahr 2030 eine Ökostromquote von 65 Prozent erreichen wolle, seien 20 Gigawatt nötig, was nur mit Sonderausschreibungen gehe, so Vertreter der Windbranche am Montag. Dass die Bundesregierung im jüngst verabschiedeten Energiesammelgesetz davon abgerückt sei, obwohl im Koalitionsvertrag eigentlich vorgesehen, nimmt man ihr übel.

          Rückbau-Diskussion

          Indes nimmt die Diskussion über den Rückbau von Windrädern Fahrt auf. Denn die große Herausforderung an Land wie auf See ist dieselbe: Endet die Betriebslaufzeit, muss die Anlage demontiert werden – dabei mangelt es noch immer an standardisierten Verfahren für den ökologisch einwandfreien Rückbau. Bezeugte Fälle, in denen Windräder rücksichtslos auseinandergenommen werden, setzen der Branche zu.

          Verstärkt suchen ihre Vertreter nach Lösungen, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. In der Industrievereinigung RDRWind haben sich jüngst zehn Unternehmen für einen branchenübergreifenden Dialog zusammengeschlossen. Ziel sei es, erstmalig verbindliche Rückbaustandards zu erarbeiten, sagt Martin Westbomke, Projektingenieur am Institut für Integrierte Produktion Hannover und Erster Vorsitzender der Vereinigung. Schließlich dränge die Zeit bis zur ersten großen Rückbauwelle.

          Tatsächlich fallen zum Jahr 2021 auf einen Schlag rund 5000 Windräder aus der 20 Jahre währenden EEG-Förderung. Da in Deutschland der erste Offshore-Park erst 2010 ans Netz ging, ist auf See weniger Eile geboten. Laufen die Windräder so lange wie geplant, werden sie frühestens 2030 demontiert. Doch ist eine Zerlegung erst nach dem Transport in Küstennähe möglich. Das birgt Risiken für die Umwelt.

          Öle ins Wasser

          „Um das Leben, das sich um die Anlage herum gebildet hat, nicht zu beeinträchtigen, ist ein ungleich umsichtigeres Vorgehen als an Land vonnöten. Betriebsstoffe wie Öle dürfen zum Beispiel keineswegs ins Wasser gelangen“, betont Berthold Hahn vom Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Knackpunkt ist der 40, 50 Meter unter der Wasseroberfläche liegende Teil der Anlage. Mal bilden in den Meeresboden gerammte Pfähle das Fundament, mal am Boden vernagelte sogenannte Dreifüßer, und auch Klötze, die Stehlampenfüßen ähneln und die Anlage allein mit ihrem Gewicht halten, kommen zum Einsatz.

          Keine Entfernung – der Umwelt zuliebe

          „Man muss diskutieren, ob man dem maritimen Leben, das sich erst mit Algen und später mit Muscheln um Fundament und Pfähle ähnlich wie bei Schiffswracks gebildet hat, nicht womöglich mehr nützt, wenn man auf die vollständige Entfernung verzichtet“, erklärt Forscher Hahn. Selbstredend dürften jedoch von den verbleibenden Resten keine Gefahren ausgehen, falls die Flächen später wieder für die Schifffahrt genutzt würden.

          Erfahrungswerte hat die Branche bislang praktisch keine. Global wurden gerade einmal vier Offshore-Parks zurückgebaut. Mit den ausgedienten Pionieranlagen in Schweden und Dänemark, die küstennah und in geringer Wassertiefe errichtet wurden, haben die Industrieparks in der Nordsee denkbar wenig gemein. Klare Konzepte, wie diese eines Tages zurückgebaut werden sollen, hat deshalb noch niemand.

          Mit Seeoff soll sich das ändern. Das Forschungsprojekt wurde vor kurzem speziell für Offshore-Anlagen ins Leben gerufen. Die Federführung liegt bei Wissenschaftlern der Hochschule Bremen, Unterstützung kommt von den Energiekonzernen Vattenfall und ENBW sowie dem Netzbetreiber Tennet, und auch das Bundeswirtschaftsministerium stiftet 1 Million Euro. Weil es erst so wenig gesichertes Wissen gibt, ist das Thema Demontage für die Forscher ein großes Experimentierfeld.

          „Interessant ist schon, dass lange Zeit bei vielen Investoren zum Zeitpunkt der Errichtung noch kein ausgereiftes Betriebskonzept, noch keine Idee vorhanden war, wie genau die Anlagen wieder zurückgebaut werden“, sagt Projektleiterin Silke Eckardt der F.A.Z. Mittlerweile seien die Vorgaben der Genehmigungsbehörde konkreter geworden, und auch der verschärfte Preisdruck bei Neuausschreibungen zwinge die Betreiber dazu, sich frühzeitig Gedanken zu machen. Schließlich flössen die Kosten in die Kalkulation mit ein.

          Auch der Bremer Recycler Nehlsen ist bei Seeoff mit an Bord. Der Rückbau zu Wasser weckt Begehrlichkeiten, denn um Gewicht und Wartungsaufwand zu minimieren, kommen viele Metalle der seltenen Erden zum Einsatz. Mehr und mehr professionalisiere sich der Rückbaumarkt, sagt Ingenieur Westbomke. Für die Glasfaserverbundstoffe aus den Rotorblättern etwa gebe es mittlerweile etablierte Verwertungswege in Richtung Zementindustrie.

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