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Solarindustrie in Bitterfeld : Die Sonnenwende

Wohnen unter Leitungen: Die Chemieindustrie dominiert bis heute das Stadtbild in Bitterfeld-Wolfen. Bild: Robert Gommlich

In Bitterfeld erlebt die Solarindustrie ein Comeback. Die Menschen sind dennoch unzufrieden – und könnten der AfD bei den Landtagswahlen zum Sieg verhelfen.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          „Herzlich willkommen im wunderschönen Bitterfeld-Wolfen!“ Armin Schenk sagt diesen Satz voller Überzeugung, wenn er Besucher im Rathaus der 38.000-Einwohner-Stadt im Südosten von Sachsen-Anhalt begrüßt. Auf den Arbeitsplatz des Oberbürgermeisters trifft „wunderschön“ auf jeden Fall schon mal zu. Das Rathaus befindet sich in einem imposanten halbrunden Bau, der in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts für den Filmhersteller Agfa errichtet wurde. Zu Schenks holzvertäfeltem Büro gehört ein großer Balkon, der auf den Säulen des Eingangsportals thront. Der Blick geht auf sanierte Häuser und viel Grün. Schenk strahlt. „Wir haben eine gute Lage. Eine gute Infrastruktur. Arbeitsplätze. Den Goitzschesee. Diese Stadt ist einfach toll!“

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          So viel Idylle war selten. „Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt“, „Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld“ – an abschätzigen Redewendungen über die Stadt mangelt es nicht. Auf Bildern aus DDR-Zeiten sind die Fassaden grau und der Himmel gelb, der Braunkohletagebau und das Chemiekombinat bildeten eine toxische Mischung. Das ist zwar lange vorbei, dafür hat die Stadt jetzt ein anderes Problem: Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren holte die AfD hier ein Rekordergebnis, rund ein Drittel der Wähler gab den Rechtspopulisten ihre Stimme. Am Sonntag in einer Woche wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag, in den Umfragen liegen CDU und AfD nur wenige Prozentpunkte auseinander. Schenks gute Laune verfliegt bei diesem Thema schnell; er wurde 2016 als CDU-Kandidat zum Oberbürgermeister gewählt. „Das sorgt mich schon“, sagt er. „Natürlich sorgt mich das.“

          Als „Solar Valley“ bekannt geworden

          Mehr Arbeitsplätze und mehr Lebensqualität: Das ist in der Kurzfassung das, was Schenk der Unzufriedenheit vieler Menschen entgegensetzen will. Seine Voraussetzungen dafür sind gut. Er ist einer von ihnen, 1961 im damals noch eigenständigen Wolfen geboren. In den achtziger Jahren arbeitete er in der Filmfabrik. Nun will er Bitterfeld-Wolfen zu einem Musterbeispiel für den Strukturwandel machen. Eine Industrie, die auf umweltfreundliche Energieträger setzt statt auf Kohle, drum herum eine Seenlandschaft statt der staubigen Restlöcher. Es ist ein Konzept, das auch etliche andere Städte in Ostdeutschland verfolgen. Das Besondere in Bitterfeld-Wolfen ist, dass dabei eine in Deutschland schon tot geglaubte Branche eine entscheidende Rolle spielen könnte.

          Der Goitzschesee soll Zuzügler und Urlauber in die Stadt locken. Bilderstrecke
          Comeback der Solarindustrie : Sonnenwende in Bitterfeld

          Nach der Jahrtausendwende wurde die Gegend als „Solar Valley“ bekannt. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz löste die damalige rot-grüne Bundesregierung einen regelrechten Solarboom aus. In der Sonnenallee ballten sich die Unternehmen, die von der üppigen staatlichen Förderung profitieren wollten. Mehr als 3000 Beschäftigte arbeiteten dort zeitweise. Doch so rasant, wie es bergauf ging, endete der Boom ein Jahrzehnt später auch wieder. Chinesische Anbieter fluteten den deutschen Markt mit günstigeren Zellen und Modulen, zugleich wurde die Einspeisevergütung für Solarstrom gekürzt. Ein Unternehmen nach dem anderen ging in die Insolvenz. Doch jetzt regt sich wieder Leben in den leeren Hallen.

          Eine Viertelstunde Autofahrt vom Rathaus entfernt liegt die Sonnenallee. An diesem Tag wirkt sie zwar eher wie ein Zentrum der Windenergie; ein strammer Ostwind fegt über das Gelände. Aber in dem Gebäude mit der Nummer 03, in dem bis zum Jahr 2012 das Solarunternehmen Sovello produzierte, lässt Jochen Fritsche keinen Zweifel daran, wohin die Reise geht. „Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich hier noch mal ein Comeback der Solarindustrie erlebe“, sagte der 47-Jährige. „So schnell kann sich das ändern.“

          „Sonnenenergie ist unendlich vorhanden“

          Fritsches Arbeitgeber ist das Schweizer Unternehmen Meyer Burger, das gerade einen radikalen Strategiewechsel hinlegt. Jahrelang produzierte es Maschinen zur Herstellung von Solarmodulen und exportierte diese unter anderem nach China. Doch die Chinesen haben die Maschinen so genau analysiert, dass sie diese heute selbst bauen können. Meyer Burger trat deshalb die Flucht nach vorne an. Das Unternehmen stellt jetzt selbst Solarmodule her, leistungsfähiger, langlebiger und überhaupt viel besser als die aus Asien. Sagt zumindest Fertigungsleiter Jochen Fritsche. In Bitterfeld-Wolfen entstehen die Zellen, im sächsischen Freiberg die Module, wie man sie von Hausdächern kennt. 150 Millionen Euro investiert Meyer Burger in die beiden Standorte.

          Während die Pressesprecherin den Fotografen im Blick behält, damit er keine für die Konkurrenz interessanten Details fotografiert, erzählt Fritsche, warum er an den Wiederaufstieg der Solarindustrie in Deutschland glaubt. „Sonnenenergie ist unendlich vorhanden. Ohne sie wird die Energiewende nicht gelingen“, sagt er. Außerdem sei die Branche erwachsen geworden. „Wir werden zwar immer noch von politischen Faktoren beeinflusst. Aber wir sind nicht mehr von ihnen abhängig.“ Was er nicht erwähnt, aber unter Ökonomen gerade viel diskutiert wird: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sicher geglaubte Lieferketten ins Stocken geraten können. Mit steigenden Transportkosten und einem höheren Automatisierungsgrad könnte sich die Produktion auch hierzulande wieder rechnen.

          Rund 200 Mitarbeiter arbeiten aktuell für Meyer Burger in Bitterfeld-Wolfen, bei weitem nicht so viele wie früher in dem Gebäude. Doch die Aufbruchstimmung ist spürbar. „Etliche von denen, die vor zehn Jahren weggegangen sind, kommen gerade wieder“, sagt Fritsche. „Das ist schon schön.“ Ihn selbst zog es vor fünfzehn Jahren nach seinem Ingenieursstudium in Darmstadt nach Bitterfeld-Wolfen. Bis Anfang vergangenen Jahres arbeitete er für Calyxo, dann meldete auch dieses Solarunternehmen Insolvenz an. Über den Neuanfang nur einige Hausnummern weiter ist er erleichtert. „Meine Familie und ich fühlen uns hier sehr wohl.“

          Auch wenn Fritsche in einem Nachbarort wohnt – Oberbürgermeister Armin Schenk dürfte dieser Satz trotzdem gefallen. Was die Zahl der Arbeitsplätze betrifft, entwickelt sich Bitterfeld-Wolfen schon ziemlich gut. In den Unternehmen im Chemiepark arbeiten rund 11.000 Menschen. Das wohl bekannteste Unternehmen dort ist der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der in Bitterfeld-Wolfen das Kopfschmerzmittel Aspirin produziert. Auch diverse Neuansiedlungen konnte die Stadt zuletzt vermelden. Das chinesische Unternehmen Farasis plant eine Batterieproduktion für Elektroautos, zum Neustart in der Solarindustrie trägt auch das Start-up Nexwafe bei, das aus dem Fraunhofer-Institut hervorgegangen ist.

          Hohe Zustimmungswerte für die AfD

          Was noch fehlt, sind mehr Menschen, die auch in Bitterfeld-Wolfen leben. Seit der Wiedervereinigung hat sich die Einwohnerzahl ungefähr halbiert. Dass Großstädte wie Leipzig und Halle nicht weit entfernt sind, ist für den Ort Fluch und Segen zugleich. Knapp 13.000 Beschäftigte pendeln täglich zum Arbeiten in die Stadt hinein, knapp 7000 Einwohner aus ihr heraus. Das kann eine Erklärung dafür sein, warum selbst an einem sonnigen Freitagnachmittag so wenige Menschen in Bitterfeld-Wolfen zu sehen sind. Noch ist der Abwärtstrend bei der Einwohnerzahl nicht gestoppt. Im vergangenen Jahr registrierte die Verwaltung fast dreimal so viele Todesfälle wie Geburten. Mit 5000 Euro Prämie für den Kauf eines Baugrundstücks will Schenk jetzt Familien in die Stadt locken.

          Ihm ist bewusst, dass die hohen Zustimmungswerte für die AfD am Image der Stadt kratzen. Aber Schenk ist keiner, der schnell aufgibt. „Ich kann nur versuchen, das zu ändern“, sagt er. Einer seiner Trümpfe liegt südöstlich der Stadt: die Goitzsche, gesprochen Gottsche. Auf einer Fläche von mehr als 13 Quadratkilometern erstreckt sich der Binnensee, der 2002 quasi über Nacht entstand. Während des damaligen Hochwassers brach ein Damm der Mulde und flutete die frühere Kohlegrube. Inzwischen sind die Ufer weitgehend saniert, es gibt eine Marina für Boote, Restaurants, Ferienunterkünfte und ein neues Wohngebiet namens „Schlossterrassen“.

          Nicht jedem im Ort gefällt dieser Wandel. Das liegt auch daran, dass die Kommune 2013 große Teile des Sees und der angrenzenden Flächen an den Sohn des schwäbischen Pharma-Milliardärs Adolf Merckle verkaufte. Er will die Gegend touristisch entwickeln. Die Einheimischen fürchten, sie könnten den freien Zugang zum Wasser zu verlieren. Die AfD hat sich diese Stimmung in den vergangenen Jahren zunutze gemacht, gibt den Beschützer gegen die vermeintlichen Eindringlinge von außen. Während andere Kandidaten auf den aktuellen Wahlplakaten oft nur mit ihrem Namen werben, titelt sie: „Volle Kraft für unsere Heimat“. Armin Schenk sagt, zu dem Verkauf habe es keine Alternative gegeben. Er blickt lieber nach vorne als zurück, in seine neue „Industriestadt am See“.

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