https://www.faz.net/-gqe-9mj5k

Verkehrsunfälle : Wie sollen Autos in der EU miteinander kommunizieren?

Das autonome Fahren wird kommen. Die Frage ist: Unter welchem Netz wird das geschehen? Bild: dpa

Bis 2050 soll die Zahl der Toten in der EU nach dem Willen der Europäischen Kommission auf beinahe null zurückgehen. Eine zentrale Rolle soll dabei die stärkere Vernetzung von Autos spielen. Viel hängt von Deutschland ab.

          Das Ziel teilen alle. Die Zahl der Unfälle auf den europäischen Straßen soll in den kommenden Jahren weiter sinken. Bis 2050 soll die Zahl der Toten und Schwerverletzten in der EU nach dem Willen der Europäischen Kommission auf beinahe null zurückgehen. Zuletzt starben noch mehr als 25000 Menschen bei Verkehrsunfällen. 135000 wurden schwer verletzt. Eine zentrale Rolle soll dabei die stärkere Vernetzung von Autos spielen. Sie sollen miteinander und mit anderen Verkehrsteilnehmern wie Fahrradfahrern kommunizieren, um Unfälle zu verhindern, aber auch Informationen über Staus, Glatteis oder Aquaplaning-Gefahr mit Schildern, Ampeln oder anderen Einheiten am Straßenrand austauschen. Das würde nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch eine bessere Planung des Verkehrsflusses und eine Senkung der Emissionen erlauben.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Nun aber ist eine heftige Auseinandersetzung darüber entbrannt, wie die Autos kommunizieren. Zwei Standards stehen zur Auswahl: einer basiert auf der W-Lan-Technik, der zweite nutzt das geplante 5G-Mobilfunknetz. Der W-Lan-Standard „ITS-G5“ – ITS steht für „Intelligent Transport Systems“ – wird von Volkswagen und Renault vorangetrieben. VW will jeden neuen Golf mit der Technik ausstatten. BMW, Audi und Daimler hingegen setzen auf den 5G-Standard C-V2X – und werden dabei tatkräftig von der Deutschen Telekom unterstützt, die ihre Investitionen in das 5G-Netz wieder hereinholen will. Die Auseinandersetzung dreht sich nun um die Frage, ob sich die EU für einen Standard entscheiden soll. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc hat genau das vorgeschlagen und sich dabei auf den Wlan-Standard festgelegt. Der hat nach Ansicht von Bulc zwei entscheidende Vorteile: Er ist günstig, der Einbau kostet geschätzt 300 Euro je Auto, und er ist schon heute verfügbar.

          Auch in der Europäischen Kommission machte sie sich damit nicht nur Freunde. So warb der für digitale Themen zuständige estnische Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip für den 5G-Standard. Staaten wie Finnland und Spanien sehen das ähnlich. In einem gemeinsamen Schreiben warnten die Chefs von Telekom und BMW, Timm Höttges und Harald Krüger, Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) davor, sich auf eine veraltete Übergangstechnologie festzulegen.

          „Warum sollen wir den Chinesen die Tür öffnen“

          China habe sich auch für C-V2X entschieden, argumentieren dessen Befürworter. Zudem sei es absurd, dass Bulc C-V2X später zwar zulassen wolle, aber nur wenn es kompatibel mit dem alten W-Lan-Standard sei. Das gehe technisch gar nicht, ohne dass in jedes Auto zwei Einheiten eingebaut werden müssten. Es habe im Übrigen auch niemand einst verlangt, dass die neuen DVD auch in Video-Rekorder passten.

          Nicht nachvollziehen kann diese Argumentationslinie der Chef des österreichischen Telekomkonzerns, Georg Kapsch. „Wenn es um Sicherheit geht, kann ich das doch nicht mit DVD-Playern vergleichen“, sagt er. Es wäre zudem ähnlich absurd, wenn die neuen Energiesparlampen nicht in die Fassung alter Lampen passten. Vor allem aber dreht Kapsch das Argument der 5G-Befürworter um, dass sich China schon für deren Standard entschieden habe. „Warum sollen wir den Chinesen die Tür öffnen, indem wir deren Standard übernehmen? Das ist schon oft genug ins Auge gegangen“, warnt er. Sein Konzern beherrsche beide Standards, sagt der Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung. Fakt aber sei nun einmal auch, dass der W-Lan-Standard marktreif sei, der 5G-Standard aber noch nicht.

          Das Europäische Parlament hat sich vor Ostern vor allem aus ebendiesem Grund hinter den Vorschlag von Bulc gestellt. Die Mehrheit der Abgeordneten wollten nicht zwei, drei Jahre oder länger warten, bis die 5G-Technik zur Verfügung steht, um die Zahl der Verkehrstoten zu senken. Um den W-Lan-Standard noch zu stoppen, müssten sich nun die Mitgliedstaaten – da es sich um einen „delegierten Rechtsakt“ handelt, mit dem EU-Regeln von der Kommission umgesetzt werden – mit großer Mehrheit dagegen aussprechen. An diesem Freitag will die rumänische Regierung, die derzeit die Geschäfte im Ministerrat führt, prüfen, ob sich eine solche Mehrheit abzeichnet. Viel hängt dabei von Deutschland ab, das bisher zu den W-Lan-Befürwortern zählt. Die Zeit drängt. Wenn die Staaten bis zum 12.Mai nicht abgestimmt haben, gilt der Rechtsakt von Bulc als erlassen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Geteilte Welt

          FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

          Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Trauer und Jubel in Berlin : Den Grünen gehen die Superlative aus

          Während bei den Grünen die Freude über die Wahlergebnisse in Europa und in Bremen „wahnwitzig“ groß ist, ist die Stimmung bei der Union schon vor der Verkündung der Prognosen auf dem Tiefpunkt. Und bei der SPD wackelt die Parteichefin nach dem Doppeltiefschlag.

          SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

          In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

          Nach SPD-Debakel : Lauterbach für Rot-Rot-Grün in Bremen und im Bund

          Die SPD hat ein historisches Wahldebakel erlitten. Trotzdem sei nicht die Zeit für Personaldebatten um Nahles, sagt SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dafür fordert er mehr Umweltbewusstsein in seiner Partei – und Mut zu neuen Bündnissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.