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Der Preissturz und die Folgen : Die große Ölschwemme

  • -Aktualisiert am

Fracking in Kalifornien Bild: AFP

Der Verfall des Ölpreises wirkt auf die Weltwirtschaft wie ein gigantisches Konjunkturprogramm und führt zu globaler Umverteilung. Auch für Deutschland gibt er Anlass, sich von so manch alter Gewissheit zu verabschieden.

          Auf einmal schwimmt die Welt in Öl. War es nicht eben noch ausgemacht, dass das Ölzeitalter unwiederbringlich zu Ende geht? Sollte nicht der Ölpreis immer weiter steigen und die Energiewende Deutschlands sich dadurch wie von selbst rechnen? Diktierte nicht die Opec den Ölpreis? Und hat die Welt nicht seit den siebziger Jahren vor dem Förderkartell gezittert? Man muss sich wohl von manch alter Gewissheit verabschieden. Seit dem Sommer ist der Ölpreis um 40 Prozent gefallen. Die Opec sieht hilflos zu, wie der Ölpreis weiter Richtung 60 Dollar je Fass oder gar darunter sinkt. Auf dem jüngsten Treffen hisste das Kartell die weiße Flagge.

          Die Amerikaner haben die Macht der Opec gebrochen. Die neuen Scheichs kommen aus North Dakota oder Texas. Durch das ökologisch strittige Fracking sind die Vereinigten Staaten nun auch zu einer Energie-Supermacht geworden, haben Russen und Saudis überholt und setzen sich an die Spitze der Rangliste der größten Ölförderländer. Für die Verbraucher und die Unternehmen in den Einfuhrländern ist das ein Segen. Der Preissturz wirkt auf die Weltwirtschaft wie ein gigantisches Konjunkturprogramm oder eine globale Steuersenkung.

          Warum Saudi-Arabien gegen eine Drosselung der Förderung ist

          Vermögen wird in riesigem Umfang von Produzenten zu Konsumenten umverteilt; derzeit schätzt man diesen Effekt auf etwa 1,3 Billionen Dollar. Das magere Wachstum großer Öl-Einfuhrländer wie Japan, Italien oder Deutschland dürfte sich merklich beschleunigen. Da der Preisverfall nebenbei die Inflation noch tiefer drückt, dürften die Notenbanken aus Furcht vor Deflation die Geldpolitik noch weiter lockern.

          Billige Energie ist für Amerika der Motor der Reindustrialisierung. Aber es gibt auch Verlierer. Darunter sind viele den Amerikanern feindlich gesinnte Ölförderländer wie Iran, Venezuela und Russland. Deren Herrscher sind auf einen hohen Ölpreis angewiesen, damit ihre Staatshaushalte nicht (noch weiter) ins Defizit rutschen. Außerdem brauchen sie die Devisen, weil sie viel Geld in Sozialausgaben stecken. Aus Angst vor Unruhen müssen sie ihr Öl um jeden Preis verkaufen.

          Ausgerechnet Saudi-Arabien ist gegen eine Drosselung der Förderung. Die Spekulationen über die Motive des wichtigsten Opec-Landes schießen ins Kraut. Gibt es einen strategischen Plan? Verbündet sich Riad etwa mit Washington, um Iran oder Russland in die Knie zu zwingen? Oder fördert Saudi-Arabien wie verrückt, um mit niedrigen Preisen den Ölboom in den Vereinigten Staaten abzuwürgen? Wahrscheinlich sind die Gründe profaner. Saudi-Arabien bangt um seine Marktanteile. Dank großer Reserven kann Riad darauf warten, dass Produzenten mit hohen Förderkosten vom Markt verschwinden.

          Europa ist bei der Neuordnung der Energiemärkte nur Zaungast

          Beim Fracking wird Schiefergestein mit einer Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien aufgesprengt, bis das darin enthaltene Erdgas oder Erdöl frei wird. Wie tief der Ölpreis fallen muss, bis die neuen Quellen in Amerika unrentabel werden, weiß niemand – die Kostenstrukturen der verschiedenen Produzenten sind zu verschieden. Zu den gegenwärtigen Preisen dürfte das Fracking in den Vereinigten Staaten wohl noch lange rentabel sein. Außerdem ist Fracking ja auch woanders möglich, etwa in Kanada, in China und sogar in Europa.

          Die geostrategischen Konsequenzen dieser Entwicklung sind noch nicht absehbar. Für die Amerikaner wird ein dauerhaftes wirtschaftliches oder sogar militärisches Engagement im Nahen oder Mittleren Osten immer belangloser – es sei denn, es geht um Israel. Europa ist auch bei der Neuordnung der Energiemärkte wieder einmal nur Zaungast. Als Produzent und auch als Verbraucher spielen die Europäer nur eine Nebenrolle.

          Stellt der Ölpreis die „Grenzen des Wachstums“ in Frage?

          Die Ölschwemme wird Deutschland in seiner selbstgewählten Rolle als Klima-Musterschüler zu schaffen machen. Wie will man künftig noch den letzten Hausbesitzer dazu bringen, sein Haus für viel Geld mit dicken Styroporplatten zu dämmen, wenn die Kosten den Nutzen bei weitem übersteigen – zumal Wärmedämmung auch sonst fragwürdig ist? Wenn Diesel und Benzin billiger werden, verlieren Elektroautos an Attraktivität, da der Strompreis nicht in demselben Maß sinkt. Die Rufe der Autohersteller nach staatlicher Förderung dürften lauter werden.

          Sogenannter Ökostrom wird hierzulande extrem hoch subventioniert. Fast überall auf der Welt ist es umgekehrt. Dort wird vor allem der Verbrauch fossiler Brennstoffe stark gefördert. Vielleicht wächst in den Ölländern ja die Sorge, dass die Bodenschätze nicht so viel wert sind wie gedacht. Denn natürlich gehört auf lange Sicht der erneuerbaren Energie die Zukunft. Schließlich wollen auch die Bewohner in chinesischen Städten saubere Luft atmen. Also könnte manches Förderland versucht sein, seine Reserven noch rasch zu guten Preisen zu versilbern.

          Möglicherweise stellt der Ölboom sogar die für manche im Westen zu einem Glaubensbekenntnis gewordene These von den „Grenzen des Wachstums“ in Frage. Jedenfalls beweist das Fracking – wie risikoreich diese Fördertechnik auch sein mag –, wie erfinderisch die Menschen sind und wie viel Kraft der technische Fortschritt haben kann.

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