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Krieg und Lockdown : Die Lieferketten stehen vor der nächsten Zerreißprobe

Was wird aus dem Welthandel? Bild: dpa

Der Ukrainekrieg bedroht die Globalisierung – auf der Straße, auf der Schiene und auf den Weltmeeren. Der Lockdown in der chinesischen Wirtschaftsmetropole Schanghai verschärft die Situation noch.

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          „Es droht eine Insolvenzwelle, die auch die Versorgung der Bevölkerung in Gefahr bringen könnte“: Mit drastischen Worten beschrieb Carsten Taucke, Präsidiumsmitglied des Groß- und Außenhandelsverbands BGA, am Mittwoch die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs in der Ukraine für die deutsche Transportbranche. Vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen könnten die gestiegenen Preise für Diesel kaum noch stemmen. Da helfe auch die von der Bundesregierung angekündigte Senkung der Mineralölsteuer kaum. „Es wird ja nicht besser, sondern schlimmer“, sagte Taucke.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der von der EU geplante Importstopp für russische Kohle werde die Energiepreise weiter in die Höhe treiben, befürchtet er. Das bekämen auch die Endverbraucher zu spüren. Es werde „auf jeden Fall sehr, sehr teuer werden“, sagte Taucke, der das Logistikunternehmen Nagel-Group führt. Hinzu komme der Mangel an Lastwagenfahrern. Zwischen 60.000 und 80.000 fehlten aktuell. „Viele Fahrer stammen aus der Ukraine und Russland. Die Ausfälle können wir nicht ersetzen.“

          Nicht nur die hiesige Wirtschaft blickt mit Sorge auf die gestressten Lieferketten. Der Krieg wirbelt die Logistik um den ge­samten Globus kräftig durcheinander. „Ge­rade als wir hofften, mit dem Abklingen der Omikron-Welle aus dem Sturm herauszukommen, kommt der nächste – die russische Invasion in der Ukraine“, sagte Singapurs Stellvertretender Ministerpräsident Heng Swee Keat auf der Branchenkonferenz Singapore Maritime Week in der zweitgrößten Hafenstadt der Welt.

          Dass der zivile Luftraum über Russland und der Ukraine größtenteils ge­schlossen sei und die Bahnstrecke zwischen China und Europa durch Russland vermieden werde, ließe die Logistikkosten weiter steigen. Schon im vergangenen Jahr hätten sich die Raten für den weltweiten Containertransport „mehr als vervierfacht“ im Vergleich zur der Zeit vor Corona. Das ist nicht unerheblich. Denn mehr als 80 Prozent des internationalen Güterverkehrs werden über die Meere abgewickelt. „Anhaltend hohe Frachtraten werden den Handel belasten und damit das Lebenselixier der Weltwirtschaft“, warnte Heng.

          12 Prozent aller verschifften Waren im Stau

          Ein erster Dämpfer für den Welthandel zeichnet sich nach Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) schon im März ab. „Reale Verwerfungen durch die Invasion Russlands in der Ukraine und die Sanktionen des Westens sowie eine hohe Unsicherheit der Firmen mit Beziehungen zu Russland werfen den Märzhandel spürbar zurück“, sagte Vincent Stamer, Leiter des Trade Indicator am IfW. Der Frühindikator zeigt einen Rückgang des internationalen Warenaustauschs um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Zudem stecken mittlerweile wieder rund 12 Prozent aller verschifften Waren im Stau fest – nur in zwei Monaten im vergangenen Jahr waren es mehr.

          Für den deutschen Export signalisiert der Indikator im März einen Rückgang um 3,7 Prozent, nachdem er schon im Fe­bruar gesunken war. In diesen Daten ha­ben sich die Auswirkungen des Kriegs da noch kaum niedergeschlagen. Zudem er­hielten die deutschen Industrieunternehmen im Februar überraschend 2,2 Prozent weniger Aufträge, wie das Statistische Bundesamt ebenfalls am Mittwoch mitteilte. Wie sich die Nachfrage angesichts der großen Unsicherheit in den nächsten Monaten entwickle, sei ungewiss, hieß es in einer Mitteilung des Wirtschaftsministeriums.

          Die Ukraine ist laut IfW derweil praktisch vom internationalen Seehandel ab­geschnitten. Den wichtigsten Hafen des Landes, Odessa am Schwarzen Meer, habe seit Kriegsausbruch kein großes Containerschiff mehr angelaufen. Auch Singapurs Stellvertretender Ministerpräsident Heng berichtete von starken Auswirkungen des Kriegs in der Region: „Mehr als hundert Schiffe liegen in den Häfen des Schwarzen Meeres fest, und mehrere sind durch den Konflikt beschädigt“. Gleichwohl zeigten die Sanktionen des Westens gegen Russland nun offenbar Wirkung, sagte IfW-Ökonom Stamer. „Die russische Bevölkerung sieht sich einem immer knapper werdenden Warenangebot gegenüber.“ An den drei größten Häfen Russlands, St. Petersburg, Wladiwostok und Novorossiysk, sei der Containerfrachtverkehr bereits um die Hälfte geschrumpft.

          Auch Lockdown in Schanghai treibt die Inflation

          Der „bis auf Weiteres“ verlängerte Lockdown in der chinesischen Wirtschaftsmetropole Schanghai schlägt sich dagegen noch nicht klar in den Handelszahlen nieder. Das könnte sich allerdings bald ändern. Im weltgrößten Containerhafen wurden nach Angaben europä­ischer Unternehmen im Vergleich zur Vorwoche nämlich 40 Prozent weniger Güter abgefertigt, sagte die Vizepräsidentin der Europäischen Handelskammer in China, Bettina Schön-Behanzin, bei einer virtuellen Informationsveranstaltung. Dadurch würden die Lieferketten vieler deutscher Unternehmen gestört, die, wie etwa Discount-Supermärkte, Waren wie Holzspielzeug aus China beziehen.

          Selbst für Unternehmen, die mit einer Genehmigung der Regierung während des Lockdowns weiter produzieren dürfen, sei die Lage „sehr schwierig“. Auch aus anderen Teilen Chinas werden massive Probleme in der Produktion und Logistik gemeldet. Weil sich bereits heute abzeichne, dass in der Folge viele Unternehmen insolvent gingen, drohe dem Land eine hohe Massenarbeitslosigkeit, sagte EU-Kammerchef Jörg Wuttke.

          China ist seit Jahren Deutschlands wichtigster Handelspartner. Finanz­minister Christian Lindner (FDP) warnte nun jedoch vor einer zu großen Abhängigkeit vom chinesischen Markt. „Bezogen auf die deutsche Situation ist meine Sorge eher, dass wir viel Energie aus Russland importieren und eine starke wirtschaftliche Verflechtung mit China haben“, sagte Lindner im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Deutschland müsse die internationalen Beziehungen auch bei seinem Export diversifizieren“, forderte er.

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