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Drohende Abholzung : Wie der Handelsstreit den Regenwald am Amazonas gefährdet

Sojapflanzen auf einem Feld in Brasilien Bild: dpa

Amerika und China streiten um Geld und Macht. Das bedroht nicht nur die Weltwirtschaft – sondern womöglich auch Millionen Hektar Regenwald.

          Seit fast einem Jahr tobt zwischen Amerika und China ein Handelsstreit. Die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump werfen der Volksrepublik unfaire Handelspraktiken vor und haben eine gefährliche Zollspirale ausgelöst, die bereits Milliarden an Wirtschaftsvolumen verschlungen hat. Die Auswirkungen sind überall auf der Welt zu spüren: Die globale Konjunktur schwächelt, an den Börsen herrscht große Verunsicherung.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch der Machtkampf zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt könnte eine weitere, bislang weniger diskutierte Folge haben: In einem Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“ haben Forscher davor gewarnt, dass der Handelsstreit den Amazonas in eine der schwersten Krisen seit Jahrzehnten stürzen und die globalen Klimaziele torpedieren könnte. Bis zu 13 Millionen Hektar brasilianischer Regenwald – eine Fläche so groß wie Griechenland – seien im schlimmsten Fall von der Rodung bedroht. Das wiederum würde die Ziele des Pariser Klimavertrages gefährden. Wie hängt das alles zusammen? Und wie begründet ist diese Sorge?

          Loch im Sojahandel

          Der globale Sojahandel dreht sich im Kern um drei große Akteure: China ist mit ungefähr 90 Millionen Tonnen im Jahr der größte Sojaimporteur der Welt, ein Viertel der globalen Produktion wird in das Reich der Mitte verschifft. Brasilien wiederum ist der größte Sojalieferant der Welt: Knapp 80 Millionen Tonnen und damit mehr als die Hälfte der gesamten Sojaexporte verlassen im Jahr brasilianischen Boden. Bislang größter Sojaproduzent und zweitgrößter Sojaexporteur ist mit etwa 35 Prozent Marktanteil Amerika. Abgesehen von Brasilien, exportierte bisher kein Land der Erde mehr Soja nach China als die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2017 waren es mehr als 30 Millionen Tonnen im Wert von insgesamt 12 Milliarden Dollar.

          Doch der Zollstreit hat ein Loch in den blühenden Sojahandel zwischen China und Amerika gerissen. Um die von Washington verhängten Sonderzölle auf chinesische Waren zu vergelten, hat sich Peking gezielt die proteinreiche Nutzpflanze herausgepickt: Das Gros der Anbauflächen für Soja in Amerika konzentriert sich im mittleren Westen und damit bis auf wenige Ausnahmen auf Bundesstaaten, die Trump-Land sind. Im Sommer 2018 erhob China einen Importzoll von 25 Prozent auf amerikanisches Soja – und die Nachfrage brach ein. Im Vergleich zum Vorjahr importierte China im Jahr 2018 50 Prozent weniger Soja aus Amerika, zwischenzeitlich kauften chinesische Händler nicht einmal mehr eine einzige Tonne.

          Risiko Bolsonaro

          Der Hunger der wachsenden chinesischen Bevölkerung nach Fleisch aber ist ungebrochen. Und damit auch der Bedarf an Sojabohnen, die überall auf der Welt als Futtermittel für Masttiere verwendet werden. Seit dem Jahr 2000 sind die chinesischen Sojaimporte stark gestiegen, aus Argentinien um 200, aus Amerika um 700 und aus Brasilien sogar um 2000 Prozent. Die Autoren rechnen vor, dass China – sollten die Zölle langfristig bestehen bleiben – eine Differenz von bis zu 38 Millionen Tonnen Soja mit dem Import aus anderen Ländern ausgleichen müsste, je nachdem, wie stark die Nachfrage nach amerikanischer Ware nachgibt.

          Als Lückenfüller, so glauben die Forscher, komme dafür kurzfristig nur Brasilien infrage. Das südamerikanische Land allein verfüge über die nötige Fläche und Infrastruktur, um die Produktion schnell hochzufahren – und seit Oktober 2018 mit Jair Bolsonaro auch über einen Präsidenten, der die wirtschaftliche Entwicklung des krisengeplagten Landes schnell vorantreiben möchte, ohne viel Rücksicht zu nehmen auf den Schutz des Amazonas und die Rechte der dort lebenden indigenen Völker.

          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro

          „Brasilien investiert großflächig in seine Exportwirtschaft, auch mithilfe chinesischer Kredite“, sagt Richard Fuchs vom Karlsruher Institut für Technologie zum Wandel von Landnutzung und einer der Autoren des Artikels, im Gespräch mit FAZ.NET. Das erhöhe den Druck auf den Amazonas und die Cerrados, die Savannen im Inland Südost-Brasiliens: „Einmal abgeholzt, gibt es kein Zurück mehr“, sagt Fuchs.

          Eine zunehmende Entwaldung im Amazonas hätte indes nicht nur dramatische Auswirkungen auf Flora und Fauna in dem hochsensiblen Ökosystem, sondern auch globale Folgen: „Das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, stünde auf dem Spiel“, sagt Fuchs. Denn der Amazonas ist einer der wichtigsten globalen CO2-Speicher, er wird auch die „grüne Lunge“ des Planeten genannt.

          Schon heute setzen Rodungen im Amazonas jedes Jahr mehr als 500 Millionen Tonnen CO2 frei. Hinzu kommen ungefähr 160 Millionen Tonnen durch die Entwaldung der Savannen. Zwar ist der Anbau von Soja im Amazonasgebiet seit 2006 durch ein Moratorium eingeschränkt. Doch umgehen Landwirte dieses, indem sie die Weideflächen ihrer Rinder zu Sojaplantagen umfunktionieren und stattdessen ihre Viehherden weiter in den Regenwald treiben.

          Erste Anzeichen für Abholzung

          Diese Praxis könnte unter Bolsonaro noch einfacher werden – und durch den Zollstreit zunehmen, fürchten die Forscher und warnen davor, dass die Abholzung von 3 Millionen Hektar Amazonaswald in den Spitzenjahren 1995 und 2004 deutlich überschritten werden könnte. Denn für Brasilien bietet sich eine günstige Gelegenheit, seine Marktmacht im Sojahandel auszubauen: Für China gebe es wenige bis keine Alternativen zum Ausbau des Handels mit Brasilien, um an das dringend benötigte Soja zu gelangen. Weder sei es wahrscheinlich, dass die Volksrepublik ihre Nachfrage drossele; schon zwei Prozent weniger Soja würde die Fleischproduktion um 10 Millionen Tonnen verknappen. Noch könne China den Engpass selbst auffangen, denn der Volksrepublik fehle es an ausreichend fruchtbaren Flächen.

          Denkbar wäre, dass Mais-, Palmöl und Rapsölfelder auf Soja umgemünzt oder die Erntemengen auf bestehenden Feldern erhöht werden. Beides sei aber nur stark eingeschränkt möglich. Schließlich könnten Länder wie Argentinien, Paraguay und auch Russland ihre Sojaproduktion hochfahren. Doch selbst wenn alle (neben Amerika) 94 sojaproduzierenden Länder einen Beitrag leisteten, den Versorgungsengpass der Chinesen zu füllen, und Brasilien seinen Anteil am chinesischen Sojaimportmarkt konstant hielte, müssten den Wissenschaftlern zufolge brasilianische Bauern 17 Millionen Tonnen mehr liefern und würden fast 6 Millionen Hektar zusätzlicher Anbaufläche benötigt.

          Gefällte Bäume am Rande eines Urwaldes in der Amazonasregion in Brasilien

          Erste Anzeichen, dass die brasilianischen Sojabauern für ihre amerikanischen Kollegen einspringen, gibt es schon. Im Oktober 2018 importierte China der chinesischen Zollbehörde zufolge 6,53 Millionen Tonnen Soja aus Brasilien, fast doppelt so viel wie im Vergleichsmonat 2017. Ende 2018 kamen 75 Prozent des von China importierten Sojas aus Brasilien – ein neuer Rekord und laut den Forschern der Beweis dafür, dass der gesamte Ausfall amerikanischen Sojas durch Brasilien aufgefangen wurde.

          Der Trend hält an: Im Februar 2019 exportierte Brasilien Daten des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums zufolge insgesamt ungefähr 6 Millionen Tonnen Soja, ein weiterer Rekord und doppelt so viel, wie im gleichen Monat ein Jahr zuvor. Doch es war schlicht auch mehr brasilianisches Soja auf dem Markt vorhanden, unter anderem durch verbesserte Logistik und Anbaumethoden sowie eine gute Ernte. So schaffte es Brasilien denn auch, Amerika 2018 als weltgrößten Sojaproduzenten abzulösen und eine Menge von 117 Millionen Tonnen Soja auf den Markt zu bringen.

          Verschiebung von Handelsströmen

          Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die EU derzeit mehr Soja aus Amerika importiert als bislang. Einem Bericht des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums zufolge kaufte die EU zwischen Februar 2018 und Februar 2019 mehr als 9 Millionen Tonnen amerikanisches Soja – und damit fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. „So lange Chinas Zölle Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, dürfte die Nachfrage der EU nach amerikanischen Sojabohnen erhöht bleiben, mit jährlichen Exporten deutlich über dem Durchschnitt von 3,3 Millionen Tonnen, der in den vergangenen 10 Jahren zu beobachten war“, heißt es in dem Bericht.

          Das macht ein weiteres mögliches Szenario deutlich, das durch den Handelsstreit ausgelöst werden könnte und dem die Autoren des Nature-Artikels nur wenig Beachtung schenken: die Verschiebung von Handelsströmen bei gleichbleibender Menge an produziertem Soja. Zunehmende Exporte Brasiliens nach China könnten durch geringere brasilianische Exporte in andere Länder gestemmt werden, ohne dass zusätzliche Flächen im Amazonas gerodet werden müssten. Diese Staaten wiederum könnten mehr Soja auf dem amerikanischen Markt einkaufen. Eine brasilianische Sojabohne ist nicht grundsätzlich besser oder schlechter als eine amerikanische. Das wird durch den Handel von Soja als „Commodity“ klar. Dieser Begriff beschreibt eine an den Börsen gehandelte, homogene Handelsware. Darunter fallen insbesondere agrarische und industrielle Rohstoffe und eben auch die Sojabohne.

          Langfristige Lösungen

          Somit richtet sich die Nachfrage nach der Ware weniger nach der Herkunft als vielmehr nach dem Preis. Und eine aufgrund des Handelsstreits gestiegene Nachfrage nach brasilianischem Soja treibt auch dessen Preis nach oben. Da gleichzeitig amerikanische Farmer überschüssiges Soja haben, ist es in Amerika günstiger einzukaufen und bleibt der Weltmarktpreis im Ergebnis gleich.

          Eine Rolle spielen aber auch politische Aspekte: So versucht zum Beispiel Brüssel derzeit, Washington insbesondere durch den Kauf von mehr amerikanischem Soja im Streit um Autozölle zu beschwichtigen. Einzig rechtliche Beschränkungen für genmodifizierte Pflanzen stehen stärkeren EU-Einfuhren im Wege.

          Ob der Handelsstreit also tatsächlich direkt Einfluss auf die Rodung im Amazonasgebiet haben wird, ist derzeit noch schwer abzuschätzen. Auch die brasilianischen Bauern müssen abwägen, ob sich eine Ausdehnung ihrer Produktionsmengen lohnt oder ob sie am Ende auf überschüssiger Ware sitzen bleiben. Die brasilianische Agrarministerin Tereza Cristina Dias ermahnte die Sojaproduzenten im Land unlängst, im Handelsstreit Geduld zu wahren und in den kommenden Monaten auf die Marktsignale zu achten.

          Für die Forscher ist die Situation klar:  Amerika und China müssen ihren Zank beilegen, bevor Brasilien seine Sojaproduktion großflächig ausweitet: „Im Moment ist die Situation eine riesige Wette auf Kosten der Natur. Ein Deal würde etwas Wind aus den Segeln nehmen“, sagt Fuchs.

          Diese Woche treffen sich die Handelsdelegationen der beiden Länder in Washington. Doch selbst wenn sich Amerika und China auf ein umfassendes Handelsabkommen einigen sollten, was beispielsweise die Financial Times für möglich hält: „Das sind vor allem oberflächliche politische Gesten und ein fragiler Frieden. Ich glaube, wir dürfen die Psychologie nicht außen vor lassen: Amerika hat China düpiert. Handel lebt von Vertrauen und das ist jetzt im Keller. China wird sich neue Handelspartner suchen – und Brasilien bringt sich in Position“, meint Fuchs.

          Am Ende könnte aber der neue brasilianische Präsident Bolsonaro das größte Risiko für Brasiliens Naturgebiete sein. Denn unabhängig von den Handelsstreitigkeiten zwischen China und Amerika treibt er die Erschließung der Amazonasregionen durch Industrie und Landwirtschaft voran: So hat er jüngst verfügt, das Amt der Bemessung der Indianerländer von der Indianerbehörde FUNAI auf das Landwirtschaftsministerium zu übertragen.

          Langfristig können den Amazonas deshalb nur zwei Mittel schützen, die auch die Autoren des Nature-Artikels ansprechen: Bessere Schutzmechanismen vor ökonomischen Interessen – und eine Reduzierung des globalen Fleischkonsums.

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