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Drohende Abholzung : Wie der Handelsstreit den Regenwald am Amazonas gefährdet

Sojapflanzen auf einem Feld in Brasilien Bild: dpa

Amerika und China streiten um Geld und Macht. Das bedroht nicht nur die Weltwirtschaft – sondern womöglich auch Millionen Hektar Regenwald.

          7 Min.

          Seit fast einem Jahr tobt zwischen Amerika und China ein Handelsstreit. Die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump werfen der Volksrepublik unfaire Handelspraktiken vor und haben eine gefährliche Zollspirale ausgelöst, die bereits Milliarden an Wirtschaftsvolumen verschlungen hat. Die Auswirkungen sind überall auf der Welt zu spüren: Die globale Konjunktur schwächelt, an den Börsen herrscht große Verunsicherung.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch der Machtkampf zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt könnte eine weitere, bislang weniger diskutierte Folge haben: In einem Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“ haben Forscher davor gewarnt, dass der Handelsstreit den Amazonas in eine der schwersten Krisen seit Jahrzehnten stürzen und die globalen Klimaziele torpedieren könnte. Bis zu 13 Millionen Hektar brasilianischer Regenwald – eine Fläche so groß wie Griechenland – seien im schlimmsten Fall von der Rodung bedroht. Das wiederum würde die Ziele des Pariser Klimavertrages gefährden. Wie hängt das alles zusammen? Und wie begründet ist diese Sorge?

          Loch im Sojahandel

          Der globale Sojahandel dreht sich im Kern um drei große Akteure: China ist mit ungefähr 90 Millionen Tonnen im Jahr der größte Sojaimporteur der Welt, ein Viertel der globalen Produktion wird in das Reich der Mitte verschifft. Brasilien wiederum ist der größte Sojalieferant der Welt: Knapp 80 Millionen Tonnen und damit mehr als die Hälfte der gesamten Sojaexporte verlassen im Jahr brasilianischen Boden. Bislang größter Sojaproduzent und zweitgrößter Sojaexporteur ist mit etwa 35 Prozent Marktanteil Amerika. Abgesehen von Brasilien, exportierte bisher kein Land der Erde mehr Soja nach China als die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2017 waren es mehr als 30 Millionen Tonnen im Wert von insgesamt 12 Milliarden Dollar.

          Doch der Zollstreit hat ein Loch in den blühenden Sojahandel zwischen China und Amerika gerissen. Um die von Washington verhängten Sonderzölle auf chinesische Waren zu vergelten, hat sich Peking gezielt die proteinreiche Nutzpflanze herausgepickt: Das Gros der Anbauflächen für Soja in Amerika konzentriert sich im mittleren Westen und damit bis auf wenige Ausnahmen auf Bundesstaaten, die Trump-Land sind. Im Sommer 2018 erhob China einen Importzoll von 25 Prozent auf amerikanisches Soja – und die Nachfrage brach ein. Im Vergleich zum Vorjahr importierte China im Jahr 2018 50 Prozent weniger Soja aus Amerika, zwischenzeitlich kauften chinesische Händler nicht einmal mehr eine einzige Tonne.

          Risiko Bolsonaro

          Der Hunger der wachsenden chinesischen Bevölkerung nach Fleisch aber ist ungebrochen. Und damit auch der Bedarf an Sojabohnen, die überall auf der Welt als Futtermittel für Masttiere verwendet werden. Seit dem Jahr 2000 sind die chinesischen Sojaimporte stark gestiegen, aus Argentinien um 200, aus Amerika um 700 und aus Brasilien sogar um 2000 Prozent. Die Autoren rechnen vor, dass China – sollten die Zölle langfristig bestehen bleiben – eine Differenz von bis zu 38 Millionen Tonnen Soja mit dem Import aus anderen Ländern ausgleichen müsste, je nachdem, wie stark die Nachfrage nach amerikanischer Ware nachgibt.

          Als Lückenfüller, so glauben die Forscher, komme dafür kurzfristig nur Brasilien infrage. Das südamerikanische Land allein verfüge über die nötige Fläche und Infrastruktur, um die Produktion schnell hochzufahren – und seit Oktober 2018 mit Jair Bolsonaro auch über einen Präsidenten, der die wirtschaftliche Entwicklung des krisengeplagten Landes schnell vorantreiben möchte, ohne viel Rücksicht zu nehmen auf den Schutz des Amazonas und die Rechte der dort lebenden indigenen Völker.

          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro

          „Brasilien investiert großflächig in seine Exportwirtschaft, auch mithilfe chinesischer Kredite“, sagt Richard Fuchs vom Karlsruher Institut für Technologie zum Wandel von Landnutzung und einer der Autoren des Artikels, im Gespräch mit FAZ.NET. Das erhöhe den Druck auf den Amazonas und die Cerrados, die Savannen im Inland Südost-Brasiliens: „Einmal abgeholzt, gibt es kein Zurück mehr“, sagt Fuchs.

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