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Drohende Abholzung : Wie der Handelsstreit den Regenwald am Amazonas gefährdet

Das macht ein weiteres mögliches Szenario deutlich, das durch den Handelsstreit ausgelöst werden könnte und dem die Autoren des Nature-Artikels nur wenig Beachtung schenken: die Verschiebung von Handelsströmen bei gleichbleibender Menge an produziertem Soja. Zunehmende Exporte Brasiliens nach China könnten durch geringere brasilianische Exporte in andere Länder gestemmt werden, ohne dass zusätzliche Flächen im Amazonas gerodet werden müssten. Diese Staaten wiederum könnten mehr Soja auf dem amerikanischen Markt einkaufen. Eine brasilianische Sojabohne ist nicht grundsätzlich besser oder schlechter als eine amerikanische. Das wird durch den Handel von Soja als „Commodity“ klar. Dieser Begriff beschreibt eine an den Börsen gehandelte, homogene Handelsware. Darunter fallen insbesondere agrarische und industrielle Rohstoffe und eben auch die Sojabohne.

Langfristige Lösungen

Somit richtet sich die Nachfrage nach der Ware weniger nach der Herkunft als vielmehr nach dem Preis. Und eine aufgrund des Handelsstreits gestiegene Nachfrage nach brasilianischem Soja treibt auch dessen Preis nach oben. Da gleichzeitig amerikanische Farmer überschüssiges Soja haben, ist es in Amerika günstiger einzukaufen und bleibt der Weltmarktpreis im Ergebnis gleich.

Eine Rolle spielen aber auch politische Aspekte: So versucht zum Beispiel Brüssel derzeit, Washington insbesondere durch den Kauf von mehr amerikanischem Soja im Streit um Autozölle zu beschwichtigen. Einzig rechtliche Beschränkungen für genmodifizierte Pflanzen stehen stärkeren EU-Einfuhren im Wege.

Ob der Handelsstreit also tatsächlich direkt Einfluss auf die Rodung im Amazonasgebiet haben wird, ist derzeit noch schwer abzuschätzen. Auch die brasilianischen Bauern müssen abwägen, ob sich eine Ausdehnung ihrer Produktionsmengen lohnt oder ob sie am Ende auf überschüssiger Ware sitzen bleiben. Die brasilianische Agrarministerin Tereza Cristina Dias ermahnte die Sojaproduzenten im Land unlängst, im Handelsstreit Geduld zu wahren und in den kommenden Monaten auf die Marktsignale zu achten.

Für die Forscher ist die Situation klar:  Amerika und China müssen ihren Zank beilegen, bevor Brasilien seine Sojaproduktion großflächig ausweitet: „Im Moment ist die Situation eine riesige Wette auf Kosten der Natur. Ein Deal würde etwas Wind aus den Segeln nehmen“, sagt Fuchs.

Diese Woche treffen sich die Handelsdelegationen der beiden Länder in Washington. Doch selbst wenn sich Amerika und China auf ein umfassendes Handelsabkommen einigen sollten, was beispielsweise die Financial Times für möglich hält: „Das sind vor allem oberflächliche politische Gesten und ein fragiler Frieden. Ich glaube, wir dürfen die Psychologie nicht außen vor lassen: Amerika hat China düpiert. Handel lebt von Vertrauen und das ist jetzt im Keller. China wird sich neue Handelspartner suchen – und Brasilien bringt sich in Position“, meint Fuchs.

Am Ende könnte aber der neue brasilianische Präsident Bolsonaro das größte Risiko für Brasiliens Naturgebiete sein. Denn unabhängig von den Handelsstreitigkeiten zwischen China und Amerika treibt er die Erschließung der Amazonasregionen durch Industrie und Landwirtschaft voran: So hat er jüngst verfügt, das Amt der Bemessung der Indianerländer von der Indianerbehörde FUNAI auf das Landwirtschaftsministerium zu übertragen.

Langfristig können den Amazonas deshalb nur zwei Mittel schützen, die auch die Autoren des Nature-Artikels ansprechen: Bessere Schutzmechanismen vor ökonomischen Interessen – und eine Reduzierung des globalen Fleischkonsums.

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