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Drohende Abholzung : Wie der Handelsstreit den Regenwald am Amazonas gefährdet

Eine zunehmende Entwaldung im Amazonas hätte indes nicht nur dramatische Auswirkungen auf Flora und Fauna in dem hochsensiblen Ökosystem, sondern auch globale Folgen: „Das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, stünde auf dem Spiel“, sagt Fuchs. Denn der Amazonas ist einer der wichtigsten globalen CO2-Speicher, er wird auch die „grüne Lunge“ des Planeten genannt.

Schon heute setzen Rodungen im Amazonas jedes Jahr mehr als 500 Millionen Tonnen CO2 frei. Hinzu kommen ungefähr 160 Millionen Tonnen durch die Entwaldung der Savannen. Zwar ist der Anbau von Soja im Amazonasgebiet seit 2006 durch ein Moratorium eingeschränkt. Doch umgehen Landwirte dieses, indem sie die Weideflächen ihrer Rinder zu Sojaplantagen umfunktionieren und stattdessen ihre Viehherden weiter in den Regenwald treiben.

Erste Anzeichen für Abholzung

Diese Praxis könnte unter Bolsonaro noch einfacher werden – und durch den Zollstreit zunehmen, fürchten die Forscher und warnen davor, dass die Abholzung von 3 Millionen Hektar Amazonaswald in den Spitzenjahren 1995 und 2004 deutlich überschritten werden könnte. Denn für Brasilien bietet sich eine günstige Gelegenheit, seine Marktmacht im Sojahandel auszubauen: Für China gebe es wenige bis keine Alternativen zum Ausbau des Handels mit Brasilien, um an das dringend benötigte Soja zu gelangen. Weder sei es wahrscheinlich, dass die Volksrepublik ihre Nachfrage drossele; schon zwei Prozent weniger Soja würde die Fleischproduktion um 10 Millionen Tonnen verknappen. Noch könne China den Engpass selbst auffangen, denn der Volksrepublik fehle es an ausreichend fruchtbaren Flächen.

Denkbar wäre, dass Mais-, Palmöl und Rapsölfelder auf Soja umgemünzt oder die Erntemengen auf bestehenden Feldern erhöht werden. Beides sei aber nur stark eingeschränkt möglich. Schließlich könnten Länder wie Argentinien, Paraguay und auch Russland ihre Sojaproduktion hochfahren. Doch selbst wenn alle (neben Amerika) 94 sojaproduzierenden Länder einen Beitrag leisteten, den Versorgungsengpass der Chinesen zu füllen, und Brasilien seinen Anteil am chinesischen Sojaimportmarkt konstant hielte, müssten den Wissenschaftlern zufolge brasilianische Bauern 17 Millionen Tonnen mehr liefern und würden fast 6 Millionen Hektar zusätzlicher Anbaufläche benötigt.

Gefällte Bäume am Rande eines Urwaldes in der Amazonasregion in Brasilien

Erste Anzeichen, dass die brasilianischen Sojabauern für ihre amerikanischen Kollegen einspringen, gibt es schon. Im Oktober 2018 importierte China der chinesischen Zollbehörde zufolge 6,53 Millionen Tonnen Soja aus Brasilien, fast doppelt so viel wie im Vergleichsmonat 2017. Ende 2018 kamen 75 Prozent des von China importierten Sojas aus Brasilien – ein neuer Rekord und laut den Forschern der Beweis dafür, dass der gesamte Ausfall amerikanischen Sojas durch Brasilien aufgefangen wurde.

Der Trend hält an: Im Februar 2019 exportierte Brasilien Daten des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums zufolge insgesamt ungefähr 6 Millionen Tonnen Soja, ein weiterer Rekord und doppelt so viel, wie im gleichen Monat ein Jahr zuvor. Doch es war schlicht auch mehr brasilianisches Soja auf dem Markt vorhanden, unter anderem durch verbesserte Logistik und Anbaumethoden sowie eine gute Ernte. So schaffte es Brasilien denn auch, Amerika 2018 als weltgrößten Sojaproduzenten abzulösen und eine Menge von 117 Millionen Tonnen Soja auf den Markt zu bringen.

Verschiebung von Handelsströmen

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die EU derzeit mehr Soja aus Amerika importiert als bislang. Einem Bericht des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums zufolge kaufte die EU zwischen Februar 2018 und Februar 2019 mehr als 9 Millionen Tonnen amerikanisches Soja – und damit fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. „So lange Chinas Zölle Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, dürfte die Nachfrage der EU nach amerikanischen Sojabohnen erhöht bleiben, mit jährlichen Exporten deutlich über dem Durchschnitt von 3,3 Millionen Tonnen, der in den vergangenen 10 Jahren zu beobachten war“, heißt es in dem Bericht.

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