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Mobilität rauf, Verkehr runter : Wie bewegen wir uns in Zukunft fort?

Andreas Scheuer, CSU, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, auf der F.A.Z.-Mobilitätskonferenz am Montag in Berlin Bild: www.marco-urban.de

„Der Pkw ist nicht wegzudenken, aber er wird in Zukunft nicht mehr alles sein“ – das sagt sogar der ADAC. Doch der Bedarf, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, wird zunehmen. Mehr denn je kommt es auf Vernetzung an.

          Der Streit über Diesel-Fahrverbote hält seit Monaten Autofahrer, Politik und Wirtschaft in Atem. Für die Mobilität in Deutschland wird dieses Thema aber schon bald keine entscheidende Rolle mehr spielen. Die Zukunft der Mobilität wird vielmehr durch die großen Trends Digitalisierung, Automatisierung und Elektromobilität geprägt sein. Sie könnten bewirken, dass der Verkehrskollaps wegen wachsender Umweltbelastungen und Staus ausbleibt: mehr Mobilität bei weniger Verkehr.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das war der Tenor der Verkehrskonferenz der F.A.Z. in Kooperation mit dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC), dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Berlin. Der öffentliche Nahverkehr mit Bus und Bahn, Verkehrsangebote auf Abruf („on demand“) sowie der Radverkehr können dem Auto beträchtliche Marktanteile abnehmen, wie die Erfahrungen in Städten wie Wien und Kopenhagen zeigen. Selbst ADAC-Präsident August Markl warb für „ganzheitliche“ Konzepte und sagte: „Der Pkw ist nicht wegzudenken, aber er wird in Zukunft nicht mehr alles sein.“

          Voraussichtlich wird das Auto, mit dem die mobilen Menschen in Deutschland zurzeit immer noch drei Viertel ihrer Wege zurücklegen, noch lange das Verkehrsmittel der Wahl sein – vor allem im ländlichen Raum. Wenn Deutschland die international vereinbarten Klimaschutzziele erreichen will, müssen Autos und Busse allerdings sauberer werden. Der Bundesregierung geht die Entwicklung nicht schnell genug. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) warf der Autoindustrie ein zu geringes Tempo vor. „Wir haben seit dem Jahr 2009 rund 5,2 Milliarden Euro für die technologieoffene Förderung der Antriebstechnologien ausgegeben“, sagte Scheuer. „Ich bin verärgert, dass daraus keine Produkte entstehen.“ Es reiche nicht, Projektstudien auf Automessen zu zeigen. „So verliert man den Titel des Auto-Weltmeisters.“ Wer nun für die nächsten Jahre 60 Elektromodelle ankündige, müsse sich fragen lassen: „Warum hast Du es nicht schon in den letzten drei Jahren gemacht?“ Wenn die finanzielle Förderung nicht helfe, müsse die Politik über strengere Vorgaben nachdenken.

          Scheuer kritisiert die Kommunen

          Auch der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Florian Pronold (SPD), forderte die Industrie auf, mehr innovative Technologien zu liefern und dadurch neue Chancen für den Standort Deutschland zu nutzen. „Wir müssen verstärkt auf Elektromobilität setzen und auch auf andere alternative Antriebe, wenn wir 100 Millionen Tonnen CO2 im Verkehrssektor einsparen wollen“, sagte Pronold. Er wandte sich gegen eine Verteufelung des Autos. Viele Menschen – gerade auf dem Land – seien auf das Auto angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Es sei auch eine soziale Frage, den Autoverkehr nicht immer weiter zu verteuern. „Wir müssen den ländlichen Raum hier getrennt von den Metropolen betrachten“, sagte Pronold. „Andererseits müssen wir sie über einen besseren ÖPNV enger miteinander verbinden.“

          Scheuer kündigte an, um „moderne Mobilität mit Angeboten wie Uber oder mytaxi zu ermöglichen“, wolle er das Personenbeförderungsgesetz novellieren. ADAC-Chef Markl nannte das „den richtigen Weg, um mehr Mobilität zu schaffen – gerade auch im ländlichen Raum“. Pronold warnte überdies davor, in der Diesel-Debatte die vorgeblich falsche Aufstellung von Messstationen heranzuziehen, um Gerichtsurteile zu Fahrverboten zu relativieren. Eine Nachprüfung in Nordrhein-Westfalen habe ein differenziertes Bild ergeben. So sei eine Messstation falsch postiert gewesen, mehrere andere aber waren zu weit weg vom Ort. Der Umweltstaatssekretär warb dafür, etwa im Parkplatz-Suchverkehr die Digitalisierung zu nutzen, um schädliche Emissionen zu vermindern.

          Scheuer kritisierte angesichts der zunehmenden Zahl drohender Diesel-Fahrverbote die Kommunen. Sie hätten es über Jahre versäumt, ihre Luftreinhaltepläne zu aktualisieren und Maßnahmen für bessere Luft einzuleiten. Die aktuellen Gerichtsurteile basierten deshalb auf veralteten Plänen. „Es wird nur noch Fördermittel des Bundes geben, wenn die Kommunen eine aktuellen Luftreinhalteplan vorlegen“, sagte er. Die Pläne dürften nicht älter als ein Jahr sein. Er werde es nicht mehr hinnehmen, dass dem Bund der Schwarze Peter zugeschoben werde.

          „Investiert mehr“

          Wien gilt mit seinem öffentlichen Nahverkehr und dem symbolträchtigen 365- Euro-Jahresticket als Modellstadt für moderne Mobilität. Der Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter legte dar, dass Verkehrplanung vor allem Stadtplanung sei. Er warnte davor, zu viel über den Diesel zu reden, viel wichtiger sei ein grundlegendes Umdenken bei den Bürgern. Das Stadt-Wachstum könne vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. Dass in Wien der Anteil von Bus und Bahn jetzt bei rekordverdächtigen 38 Prozent liege, sei aber weder von heute auf morgen erreicht worden noch kostenlos zu haben. 600 Millionen Euro im Jahr fließen in Wien in den ÖPNV, das Gesamtbudget der Stadt betrage 13 Milliarden Euro.

          Die brandenburgische Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) nahm den Gedanken auf und betonte, dass Verkehrsplanung Landesplanung sei. „Wir müssen wachsen entlang der Schienenstrecken und nicht wie das Michelin-Männchen einen Gürtel nach dem anderen um die Metropolen ziehen.“ F.A.Z.-Wirtschaftsherausgeber Holger Steltzner forderte, die verschiedenen Verkehrsträger nicht gegeneinander auszuspielen. „Wir müssen mehr in Ketten und Modulen denken“, sagte er unter Hinweis auf die überfüllten Verkehrswege. „Mobilität ist mehr als Verkehr.“ Soziale Fragen dürften nicht unterschätzt werden. Lastenfahrräder seien Angebot für den ländlichen Raum.

          Einigkeit bestand in der Forderung, dass die Infrastruktur – vor allem die Schiene – stärker ausgebaut werden müsse. Die Digitalisierung der Schiene koste zwar Geld, könne die (wie auf der Straße längst überforderten) Kapazitäten ohne Neubau um 20 Prozent erhöhen. Bauindustrie-Verbandspräsident Peter Hübner verlangte: „Investiert mehr.“ Er bestritt, dass mangelnde Kapazitäten in seiner Branche Ausbau und Erneuerung schon hemmten. VDV-Präsident Ingo Wortmann sagte: „Auf einer veralteten Infrastruktur könne wir keine Qualität liefern.“ Die Kapazitäten müssten nun rasch ausgebaut werden. „In den Großstädten sind wir voll“, sagte Wortmann mit Blick auf Bahnen und Busse, die kaum mehr noch Fahrgäste aufnehmen können. Einigkeit bestand auch darin, dass neben ungenügender Infrastruktur zunehmend der Fahrermangel die Erweiterung der Angebote im öffentlichen Verkehr behindert.

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