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Nach der Wahl in Indonesien : Widodos Chance

  • -Aktualisiert am

In den vergangenen fünf Jahren hat Widodo sich zu rasch dem Druck der Straße gebeugt. Bild: AP

Der Präsident des größten islamischen Landes der Erde sitzt auf einem Pulverfass. Ein schwelender radikaler Islam stellt westliche Errungenschaften für Indonesien in Frage. Da helfen nur Entwicklungsfortschritte.

          Offiziell ist seine zweite Amtszeit noch nicht bestätigt. Doch müsste schon viel schieflaufen, regierte Joko Widodo Indonesien nicht weitere fünf Jahre. Sein Widersacher, der frühere General Prabowo Subianto, will seine Niederlage noch nicht eingestehen. Wenig aber spricht dafür, dass sich der Kandidat aus dem Umfeld des früheren Diktators Suharto noch durchsetzen wird.

          Für die größte Volkswirtschaft Südostasiens ist das eine gute Nachricht. Zwar hat Widodo in seiner ersten Amtszeit seine selbstgesteckten Ziele nicht erreicht. Doch ist er der bessere Gewinner der Wahl. Er eint, statt zu spalten, er ist nicht in Jakartas Elite verfangen, er hört auf guten Rat, und er wagt sich auf die internationale Bühne. Dank dieser Eigenschaften bereitet der frühere Möbelhändler das Fundament für Indonesiens Zukunft.

          Doch sitzt der Präsident des größten muslimischen Landes der Erde auf einem Pulverfass: Er muss ein Land entwickeln, das jährlich mehr als zwei Millionen neue Arbeitsstellen braucht, damit die Heranwachsenden sich selbst einen Teller Reis verdienen können. Es mangelt an Infrastruktur und Ausbildung. Ausländische Investoren haben einen Bogen um Indonesien gemacht, das Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gerade deutschen Unternehmen als Hoffnungsland galt.

          Seitdem hat sich viel geändert. Heute sieht man selbst im urbanen Moloch Jakarta kaum noch eine Frau ohne Kopftuch. In Aceh gilt die Scharia. Auch wenn es über die Wahlzeit ruhig blieb, kommt es immer wieder zu Anschlägen von Muslimen, auch auf der Ferieninsel Bali. Ein schwelender radikaler Islam stellt westliche Errungenschaften und Konzepte für Indonesien in Frage. Geschickt hat Widodo die muslimische Flanke mit der Berufung des Geistlichen Ma’ruf Amin als Vizepräsident abgesichert. Doch schlummert schon hier ein Risiko: Stieße dem Präsidenten etwas zu, geriete die drittgrößte Demokratie der Welt unter die Führung eines 76 Jahre alten muslimischen Geistlichen.

          Deutlicher Sieg enorm wichtig

          Wirklich in Zaum gehalten werden kann ein Islam, der die Fundamente der eigentlich säkularen Gesellschaft einreißen will, nur durch Entwicklungsfortschritte. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der extrem armen Indonesier halbiert. Doch stiegt die Zahl jener, die kurz vor dem Abgleiten in die absolute Armut stehen. Weil die Indonesier zugleich so eng über soziale Medien verknüpft sind wie kaum ein anderes Volk, entsteht so rasch eine brisante Mischung aus Gerüchten und Ärger. Widodo hat es zunehmend mit Erwartungen, Enttäuschungen und Spannungen zu tun.

          Deshalb ist es für ihn wichtig, einen deutlichen Sieg davongetragen zu haben. Er braucht Ruhe und eine breite Basis der Zustimmung, um in seiner zweiten Amtszeit besser voranzukommen. Er muss seinem Volk zeigen, dass die immer noch lauernden Dinosaurier der Ära Suharto ausgedient haben. Auch dafür braucht es eine Entwicklung, die sich auch auf der letzten der 17.000 Inseln erfahren lässt.

          Das aber wird schwer. Denn in den vergangenen fünf Jahren hat Widodo sich zu rasch dem Druck der Straße gebeugt: Ausländischen Unternehmen drohte die Enteignung, investierten sie nicht in höhere Wertschöpfung. Unter solchen Bedingungen investiert niemand gern, trotz eines Marktes von 270 Millionen Menschen und einer rasch wachsenden Mittelschicht. Der Maschinenpark ist überaltert. Das Land muss ausbilden, Frauen fördern, ein Gründer-Klima schaffen, Kleinstunternehmen helfen, dem Klimawandel trotzen und ein Sozialsystem schaffen. Die wirtschaftliche Rolle des Militärs ist viel zu stark, aber es ist riskant, sie einzuschränken. Indonesien hängt zu sehr an Rohstoffen, unter anderem an dem bald aus Europa verbannten Palmöl. Wohin das führt, zeigte sich bei der Rupiah-Krise im vergangenen Jahr, als die Währung ihren tiefsten Außenwert seit 1992 verzeichnete.

          Europa bietet keine Alternative

          Damals rettete die Finanzministerin Indonesien mit ruhiger Hand. Mulyani Indrawati ist der größte Trumpf Widodos; er muss sie halten. Die frühere Weltbankerin steht auch für ein weltoffenes Land, das sich als einziger südostasiatischer Staat auf der Bühne der führenden Industrienationen G 20 bewegt. Nominal liegt die Wirtschaftskraft Indonesiens knapp über derjenigen der Niederlande, entlang der Kaufkraft bemessen, steht es schon auf Platz sieben hinter Deutschland und Russland.

          Die Region braucht Indonesien. Und Widodo hat erkannt, welche Chance darin liegt, die beiden Supermächte Asiens gegeneinander auszuspielen: Die U-Bahn Jakartas bauen Japaner, die Schnellbahn nach Bandung Chinesen. Allerdings wird er Rezepte finden müssen, um die latente Ablehnung Chinas im Volk auszugleichen – denn ohne Peking geht auch in Indonesien nichts mehr.

          Europa bietet keine Alternative. Zumal Brüssel im Palmölstreit den für die Europäer eigentlich enorm hilfreichen Präsidenten im eigenen Land unter Druck setzt. Geschickter verhielte sich Brüssel, nutzte es die zweite Amtszeit Widodos, um engere Bande zu knüpfen und einen Freihandelsvertrag voranzutreiben. Denn Indonesien unter Widodo und Indrawati bietet die Chance, eine der letzten großen Demokratien der Region an Europa zu binden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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