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Wettbewerb : Jacke wie Hose - ein Lehrstück zum freien Welthandel

Für einen Stundenlohn von einem Dollar, nähen, nähen ... Bild: dpa/dpaweb

Frau Li zerstört mit ihrer Nähmaschine Arbeitsplätze in Europa und Amerika. Der Westen wehrt sich mit Importquoten. Frau Li hat eine andere Sicht der Dinge. Das Drohbild der gelben Gefahr feiert fröhliche Urstände.

          4 Min.

          Nennen wir sie Frau Li. Frau Li ist zwanzig, vielleicht 25 Jahre alt. Sie sitzt in Wenzhou, ein paar hundert Kilometer südlich von Schanghai, an der Nähmaschine. Frau Li ist fleißig, schläft in einem Schlafsaal neben der Fabrik und fährt nur in der "Golden Week" für ein paar Tage in ihr Heimatdorf im Westen Chinas. Sechs Tage in der Woche arbeitet sie unter Neonlicht, vor ihr und hinter ihr die Reihen der anderen Näherinnen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Hier in Wenzhou exportiert ein Drittel der Unternehmen Kleidung. Im nahen Datang, der "Sockenhauptstadt der Erde", stricken 8.000 Firmen Strümpfe für die Welt. Es gibt Zehntausende wie Frau Li in Wenzhou, Hunderttausende in der Küstenprovinz Zhejiang, Millionen in China.

          Frau Li raubt Arbeitsplätze - sagen Europäer und Amerikaner

          Sie alle setzen auf eine gesicherte Zukunft, denn sie werden gebraucht. Wenn die Kaufhäuser in Dortmund, Boston oder Stockholm ein Hemd für 19 Euro anbieten, dann auch deshalb, weil Frau Li ihrem Chef ihre Arbeitskraft für einen guten Euro pro Stunde verkauft. Und weil der sich zudem die hochentwickelte, vernetzte Garn-, Stoff- und Bekleidungsindustrie Chinas zunutze macht, die ihre Rohstoffe aus dem eigenen Land bezieht.

          Frau Li, ihr Chef, die chinesische Regierung rauben dem Westen Arbeitsplätze. Sagen Europäer und Amerikaner. Sie müssen es sagen, denn so läßt sich Strukturwandel leicht erklären. So lassen sich Wahlen gewinnen und Arbeiter befrieden. Das Drohbild der gelben Gefahr feiert fröhliche Urständ an Stamm- wie Kabinettstischen.

          Frau Li kann das nicht verstehen

          Die Melodie ist immer dieselbe: Die Freiheit, die wir ihnen anboten, nutzen die Chinesen nun schamlos aus. Sie exportieren mehr und schneller, als sie sollten. Und zerstören damit westliche Industrien. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua schreibt, Chinas Textilausfuhren seien im ersten Quartal ohne Quoten um 29 Prozent gestiegen. Die amerikanische Regierung hält dagegen, in derselben Zeit hätten die Einfuhren chinesischer Textilien und Kleidung 54 Prozent zugelegt. Und deshalb hat sie nur vier Monate und 17 Tage nach dem Ende des weltweiten Quotenregimes auf Textilien wieder Quoten erlassen.

          Frau Li kann das nicht verstehen. Schließlich ist ihr Land 2001 der Welthandelsorganisation beigetreten. Läßt deshalb mehr und mehr ausländische Investoren herein, die heimische Betriebe übertrumpfen. Mußten nicht viele der Staatskonzerne schon schließen? Sichert die Welthandelsorganisation nicht den freien Verkauf von Waren rund um die Erde? Und steht nicht in jeder chinesischen Zeitung, die Amerikaner ermahnten China täglich, sich an Spielregeln zu halten?

          Jetzt geht auch die Angst unter den Chinesen um

          Auch Frau Lis Regierung in Peking hat wenig Verständnis für den neuen Protektionismus. "Solche Handelsbeschränkungen sind unfair", sagt Handelsminister Bo Xilai. "Wir haben dank unseres Beitritts zur Welthandelsorganisation das Recht erworben auf einen freien Textilhandel. Das Messen mit zweierlei Maß ist nicht erlaubt." Trotzdem lenkte sie am Freitag ein und erließ höhere Ausfuhrzölle auf 74 Textilsorten.

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