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Wettbewerb (8) : Konzernverlagerung - ein Reizwort

  • -Aktualisiert am

Nur einer, der mit dem Ausland liebäugelt: Infineon-Chef Schumacher Bild: dpa

Aus der Elitegruppe der deutschen Börse, dem Dax, hat noch kein Konzern Deutschland verlassen. Aber Überlegungen dazu gibt es reichlich. Teil acht der F.A.Z.-Serie über „Deutschland im Wettbewerb“.

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          Ulrich Schumacher selbst hat den Begriff "Verlagerung" zum Reizwort gemacht, doch nun will der Vorstandsvorsitzende von Infineon über Umzugspläne des Halbleiterkonzerns ins Ausland überhaupt nicht mehr öffentlich diskutieren. "In der Sache gibt's nichts Neues", sagte er in diesen Tagen kurz und knapp. Ende 2002 hatte der Chef des siebtgrößten Halbleiterherstellers der Welt auf einer Investorenkonferenz in London nicht zum ersten Mal beklagt, Infineon müsse zum Teil mehr als doppelt so hohe Steuern wie Konkurrenten in Asien und Amerika zahlen. "Eine Lösung könnte sein, das Unternehmen aus Deutschland zu verlagern", kündigte er damals an.

          Infineon wäre nicht das erste deutsche Unternehmen, das umzieht. In der Schweiz haben zum Beispiel schon seit langem der Baukranhersteller Liebherr und die Logistik-Gruppe Kühne & Nagel ihren Sitz, in Amsterdam der von der Daimler-Chrysler Aerospace AG mitgegründete Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Doch aus der Elitegruppe der deutschen Börse, dem Dax, hat bisher noch kein Konzern mit seiner Zentrale Deutschland verlassen.

          Situation bei Infineon verschärft

          Ende April verschärfte sich vor einer Aufsichtsratssitzung die Diskussion um Infineon. Politiker kritisierten, der Konzern habe mit reichlich Fördermitteln in Dresden eine moderne Fertigung aufgebaut, wolle nun aber Deutschland den Rücken zukehren. Die IG Metall zielte mit Polemik auf den von ihr ohnehin ungeliebten Manager, der für eine Sieben-Tage-Arbeitswoche in Deutschland plädiert. "In Bagdad gibt es bestimmt besondere Steuervergünstigungen, die noch höher sind als in der Schweiz", tönte ein Gewerkschafter aus München.

          „Andere könnten folgen“

          Ein aufwendiges Unterfangen wäre ein Umzug in die von Schumacher bevorzugte Schweiz nicht. Nur rund 150 der insgesamt 16.000 Mitarbeiter bekämen eine neue Arbeits- und Wohnadresse. Allerdings müßten zuvor eine Menge steuer- und gesellschaftsrechtlicher Details geklärt werden. Auch verlöre Infineon wohl den Platz im Dax. Für den Standort Deutschland wäre ein Abschied von der Infineon-Konzernzentrale ein schlechtes Zeugnis. "Natürlich hat es Signalwirkung, wenn ein Großunternehmen seinen Sitz ins Ausland verlagert", sagt Burkhard Schwenker, der neue Sprecher der internationalen Geschäftsführung der Beratungsgesellschaft Roland Berger. "Andere könnten folgen, ein Trend würde ausgelöst."

          Diese Gefahr hat auch die Bundesregierung erkannt. Im August traf sich Schumacher in Berlin zu einem Gespräch mit Wolfgang Clement (SPD) auf Einladung des Wirtschaftsministers, wie in München zu hören ist. Der Infineon-Chef schlägt mittlerweile leisere Töne an. "Ich habe den Eindruck, daß man uns halten will", berichtet er. Schon vor einigen Wochen lobte er das Bemühen um Reformen, das bisher aber vergeblich geblieben ist. Die Rahmenbedingungen für Unternehmen entwickelten sich in die richtige Richtung, meinte Schumacher im Juli. "Ich erwarte, daß sinnvolle Dinge geschehen."

          Seither ist jedoch auch die Mindeststeuer wieder zum Thema der ständig wechselnden Reformvorschläge in Berlin geworden - ein Punkt, der den Vorstandsvorsitzenden von Infineon besonders ärgert. Im stark schwankenden Halbleitergeschäft, das zudem hohe Investitionen erfordert, wechseln sich Jahre mit Gewinn und Verlust schnell ab. Im Geschäftsjahr 1999/2000 (30. September) erwirtschaftete das Unternehmen einen Überschuß von 1,1 Milliarden Euro, zwei Jahre später erreichte der Verlust mit 1 Milliarde Euro die gleiche Dimension. Könnte ein Gewinn, den sich Infineon für die nächsten zwei Jahre erhofft, nicht vollständig mit Verlustvorträgen verrechnet werden, bliebe nach Steuern weniger für Investitionen übrig.

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