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Neue Studie : Westeuropa ist der beliebteste Investitionsstandort der Welt

Bauarbeiter schweißen Stahlstangen auf der Baustelle einer Straße in Shekou & Qianhai Freihandelszone zusammen. Bild: dpa

Eine neue Studie zeigt überraschende Verschiebungen in der Gunst der Investoren. Die BRIC-Staaten fallen zurück. Großbritannien liegt trotz des Brexits weiter vor Deutschland. Das hat mehrere Gründe.

          Westeuropa ist politisch ein Flickenteppich. Aber als internationaler Wirtschaftsstandort kann Westeuropa glänzen. Der Kernteil der Europäischen Union hat sogar an Attraktivität gewonnen. In einer Befragung von mehreren hundert Managern international tätiger Konzerne durch die Beratungsgesellschaft EY entschieden sich auf die Frage nach dem „derzeit attraktivsten Investitionsstandort“ 56 Prozent für Westeuropa, 40 Prozent für Osteuropa, 38 Prozent für Nordamerika und 37 Prozent für China. Es waren Mehrfachantworten möglich.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Danach klafft eine große Lücke zu einem Mittelfeld aus Indien, Lateinamerika, Russland und Mittlerem Osten. EY spricht in seiner Kommentierung der Zahlen von einer „Renaissance der Industrieländer als Investitionsstandorte“. Parallel zur steigenden Attraktivität Westeuropas hätten in den vergangenen sieben Jahren die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) eindeutig an Attraktivität eingebüßt, vor allem Brasilien.

          Diese Entwicklung zeigt sich im langfristigen Vergleich noch deutlicher als im Jahresvergleich. 2012 fanden nur 33 Prozent der Manager Westeuropa den attraktivsten Investitionsstandort auf der Welt. Damals bevorzugten 44 Prozent China. Dieses Verhältnis hat sich umgekehrt. Heute führt Westeuropa mit 56 Prozent der Antworten gegenüber 37 positiven Antworten auf China.

          Großbritannien beliebter als Deutschland

          Für die einzelnen Länder Westeuropas gibt es weitere nicht unbedingt erwartbare Ergebnisse der Investitionsstudie. Trotz des drohenden Brexits setzen erstaunlich viele Unternehmen auf Großbritannien. Im vergangenen Jahr hat das Vereinigte Königreich 1054 Investitionsprojekte aus dem Ausland angezogen. Das waren zwar 13 Prozent weniger als 2017, reichte aber immer noch für Rang eins in Westeuropa. Einen ähnlichen Rückgang verzeichnete auch Deutschland und kam auf 973 grenzüberschreitende Investitionen. Das war erstmals seit dem Beginn der Erhebung 2005 ein leichter Rückgang. Daher musste Deutschland Frankreich in der Beleibtheit an sich vorbei ziehen lassen. Unser westlicher Nachbar belegt jetzt nach Großbritannien den Rang zwei unter den beliebtesten Investitionsstandorten Westeuropas.

          Das ist aber nur ein leichter Rückgang auf hohem Niveau. Nach den Gründen für die Beleibtheit gefragt, schneidet Deutschland vor allem bei der Verkehrsinfrastruktur sehr positiv ab. Mit 86 Prozent Zustimmung ist das der wichtigste Grund für eine Investition zwischen Rhein und Oder. Das deckt sich mit dem Logistics Performance Index der Weltbank, der auch von Deutschland angeführt wird – vor Schweden, Belgien und Österreich. Deutschland punktet bei internationalen Investoren aber auch mit der Stabilität und Transparenz des politischen Umfeldes sowie der guten Ausbildung der Arbeitnehmer. Auf den weiteren Plätzen folgen die Attraktivität des deutschen Binnenmarktes und das soziale Klima.

          „Arbeitskraft in Deutschland zu teuer“

          Aber Deutschland muss nach Ansicht der Autoren der EY-Studie aufpassen, dass es seine Standortvorteile als Premiumstandort für Investitionen nicht verspielt. Mehr Kritik als Lob gebe es bei den Investoren für die Bereiche Flexibilität des Arbeitsrechts, Unternehmensbesteuerung, Finanzielle Anreize für Investoren und Arbeitskosten. Das Urteil der Investoren könne man zusammenfassen mit dem Satz „Die Arbeitskraft ist zu teuer, die Unternehmensbesteuerung zu hoch, das Arbeitsrecht zu unflexibel.“ Gerade bei den Arbeitskosten liege Deutschland mit 34,60 Euro je Stunde deutlich über dem EU-Durchschnitt von 27,40 Euro. Großen Verbesserungsbedarf sehen die Investoren auch beim Ausbau des Digitalstandortes Deutschland. Unter den führenden Digitalstädten sehen die Investoren Berlin gerade mal auf Rang 7 nach San Franzisko, Shanghai, Peking, London, Tokio und New York.

          Interessant bei den grenzüberschreitenden Investitionen in Westeuropa ist ein Blick auf die damit geschaffenen Arbeitsplätze. Der größte Investor in Westeuropa sind amerikanische Investoren, gefolgt von deutschen, britischen, französischen und schweizerischen Investoren. Diese Rangfolge vergleicht die Zahl der Direktinvestitionen im Ausland. Betrachtet man die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze, so folgen nach den amerikanischen und deutschen Investoren die chinesischen, französischen und britischen Investoren. Das heißt, deutsche Investoren schaffen mit ihren Direktinvestitionen im Ausland vergleichsweise viele Arbeitsplätze gegenüber ihren Mitbewerbern aus Frankreich oder Großbritannien. Auch chinesische Investoren stehen für sehr viele Arbeitsplätze bei ihren Engagements in Westeuropa. Das dürfte daran liegen, dass sowohl China als auch Deutschland im Ausland sehr viele Produktionen erwerben oder aufbauen, während Investoren aus anderen Ländern eher in Vertriebsstandorte investieren mit relativ wenigen Mitarbeitern.

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