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West-Berlin : Im Goya geht der Tanz weiter

  • Aktualisiert am

Stimmung gut, der Club insolvent: das Goya in Berlin Bild: www.guenterstandl.de

Nach der traditionsreichen Paris-Bar ist nun auch der Nachtclub Goya in Berlin insolvent. Schon nach drei Monaten hatte die Diskothek Verbindlichkeiten von fünf Millionen Euro angehäuft. Und die Partygänger blieben aus.

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          Das Partyleben im Westen Berlins muß einen weiteren Schlag verkraften. Im November vergangenen Jahres hatte bereits der bekannteste Treffpunkt für Prominente in der Hauptstadt, die „Paris Bar“ aus der Zeit des alten West-Berlins, Insolvenz anmelden müssen. Jetzt ereilte den Berliner Club „Goya“ das gleiche Schicksal.

          Nachdem der Szene-Club in der vergangenen Woche einen Antrag auf Insolvenz vor dem Amtsgericht Charlottenburg gestellt hatte, versucht jetzt der Insolvenzverwalter Peter Leonhardt, den Club zu sanieren. Das Ende kam nach nur drei Monaten: Erst im Dezember vergangenen Jahres hatte das Goya seine Pforten geöffnet mit dem Ziel, die Berliner Ausgehkultur zu revolutionieren. Doch solche Revolutionen waren bisher selten von Erfolg gekrönt.

          Die Räume, in denen sich der Club befindet, atmen eine lange und abwechslungsreiche Geschichte. Seine beste Zeit hatte der Jugendstilbau in den Zwanziger Jahren, als während der Weimarer Republik Erwin Piscator das Neue Deutsche Schauspielhaus leitete. Nach dem zweiten Weltkrieg wechselten sich in den Räumen im Berliner Stadtteil Schöneberg Diskos, Clubs und Kabaretts ab, in den vergangenen Jahren stand das Gebäude leer.

          Sollte dem „Goya”-Gebäude das Noble verschaffen: Architekt Hans Kollhoff
          Sollte dem „Goya”-Gebäude das Noble verschaffen: Architekt Hans Kollhoff : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          40 Beschäftigte entlassen

          Erst der Gastronom Peter Glückstein erweckte es zu neuem Leben - besser gesagt, er versuchte es. Rund 2700 Aktionäre zeichneten die Wertpapiere und brachten 7,5 Millionen Euro ein, sagte Leonhardt am Freitag in Berlin. Mit den Millionen baute der Architekt Hans Kollhoff das ehemalige „Metropol“ vollkommen um. Doch die Baukosten überstiegen das Budget bei weitem. Der Umbau kostete nach Leonhardts Worten rund 10 Millionen Euro. Anschließend fehlte das Geld, um für den neuen Club ausreichend zu werben. Statt der im Emissionsprospekt versprochenen bis zu 2700 Gäste je Abend kamen teilweise nur 800 Besucher.

          Derzeit beliefen sich die Verbindlichkeiten auf rund 5 Millionen Euro, davon 3,3 Millionen Euro für Bau- und Handwerkerrechnungen, sagte Leonhardt. Der Insolvenzverwalter hat jedoch am Freitag wenigstens die erste Zahlung für die Februar-Gehälter für die 93 Festangestellten überwiesen. Auch die Gehälter für März seien gesichert.

          Die Handwerker müßten hingegen einen Teil ihrer Forderungen abschreiben, sagte Leonhardt. Doch allein die hohen Baukosten sind für die Insolvenz nicht verantwortlich. Vom Geschäftsführer des Clubs, Wendell Joseph, werden die vielen Angestellten und die Musikauswahl kritisiert. Der Club begann mit 137 Mitarbeitern, in den vergangenen Wochen wurden dann schon wieder mehr als 40 Beschäftigte entlassen. „Da waren zu viele Menschen beschäftigt.“

          „Die Musik war zu abstrakt“

          Auch die Musik fand anfangs nicht die Zustimmung des Publikums. „Die Leute haben sich nicht wohl gefühlt. Die Musik war zu abstrakt“, sagte Joseph. Zu Beginn wollte Gründer Glückstein ein neues Konzept mit Weltmusik durchziehen. Neben Klängen aus Indien gab es Trommelmusik aus Afrika und Rhythmen aus Lateinamerika. Das schien das Publikum zu überfordern. Nun ist man aus dem Schaden klug geworden, und der Diskjockey „Punyesh“ legt neben Disko-Klassikern auch sogenannte House-Musik auf. „Die Menschen brauchen Ohrfutter“, sagt „DJ Punyesh“. Die Gäste sollen nun länger bleiben und mehr konsumieren als zu Weltmusik-Zeiten.

          Der bisherige Alleinvorstand Glückstein wurde jüngst entmachtet, nun hat zunächst der Insolvenzverwalter Leonhardt das Sagen. Und der zeigt sich verhalten optimistisch, daß der Club eine Zukunft haben werde. Doch Garantien könne er in einer solchen Situation nicht geben. „Wir brauchen mehr Geld und mehr Gäste.“ Für eine Liquiditätsspritze sollen entweder die Aktionäre sorgen, oder ein neuer Investor soll einspringen. Leonhardts Konzept ist so einfach wie klar: „Die Kunst besteht darin, in sehr kurzer Zeit Gewinn zu erzielen. Ein Club wie das Goya in Berlin hat eine Zukunft.“ Dazu sollen die Räume des Goyas künftig verstärkt für Unternehmensfeiern vermietet werden.

          Einig sind sich im Goya alle: „Es kann nicht sein, daß der Club nicht überlebt“, faßt der Diskjockey seine Eindrücke zusammen. Für Berlin bliebe, selbst wenn der Club schließen müßte, ein Trost: Durch den Umbau hat die Hauptstadt wieder eine architektonische Perle erhalten. Der schlichte Innenraum erinnert an eine Kirche. Kronleuchter mit geschliffenem Glas aus Venedig werfen ein dezentes Licht auf den Innenraum. Auf den drei Ebenen gibt es neben der Tanzfläche sechs Bars, in denen in wenigstens in naher Zukunft weiter getanzt und gefeiert werden kann. „In den nächsten Wochen ist die Fortführung gesichert“, versichert Leonhardt.

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