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Wer haftet? : Die Kartellbrüder von Daimler

  • -Aktualisiert am

Dieter Zetsche, Daimler-Chef Bild: AP

Der Konzern muss eine Milliarde Buße zahlen, weil er mit anderen die Preise für Lastwagen abgesprochen hat. Da fragt sich so mancher: Wer war im fraglichen Zeitraum eigentlich für die Nutzfahrzeuge zuständig?

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          Haften Manager, wenn sie als Kartellbrüder enttarnt werden und ihr Konzern deswegen hart bestraft wird? Daimler liefert mit einem Milliarden-Bußgeld gerade eine spannende Fallstudie zu der Frage. Fünf Truck-Hersteller sind aufgeflogen, weil sie ihre Preise über 14 Jahre hinweg abgesprochen und so die Kunden betrogen haben. 2,9 Milliarden Euro Bußgeld hat die EU-Kommission dafür insgesamt verhängt. Die höchste Strafe bezieht Daimler, die Beweise waren eindeutig. Von 1997 bis 2011 waren die Kartellbrüder am Werk (MAN, Volvo, Iveco, DAF), nicht irgendwo auf Ebene der Sachbearbeiter, sondern an der Spitze: „Zwischen 1997 und 2004 verliefen die Absprachen unter den Mitgliedern der höchsten Führungsebene“, schreibt Brüssel. Die Topmanager hätten den Betrug am Rande von Handelsmessen oder anderen Branchentreffs organisiert.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Daimler muss dafür eine Milliarde bezahlen und sieht sich mit der Frage konfrontiert, wer dafür die Verantwortung übernimmt. Vier Vorstände – und damit Kandidaten für Regressforderungen – waren im fraglichen Zeitraum für die Nutzfahrzeuge zuständig: Kurt Lauk (längst in die Politik gewechselt), Eckhard Cordes (im Zorn ausgeschieden), Andreas Renschler (mit Millionen zu VW gelockt) – und besonders pikant: Dieter Zetsche, heute Vorstandsvorsitzender des Gesamtkonzerns, laut offiziellem Lebenslauf 1999 kurzzeitig der Mann für die Trucks.

          Eckhard Cordes, Ex-Trucker-Boss
          Eckhard Cordes, Ex-Trucker-Boss : Bild: Imago

          Werden diese Manager jetzt im Nachhinein persönlich zur Haftung herangezogen? Rechtlich möglich wäre das, erklärt Tim Reher, Partner der Kanzlei CMS Hasche Sigle: „Unternehmen können versuchen, Manager für Kartellverfahren in Regress zu nehmen oder zumindest bezahlte Boni zurückzufordern“, sagt der Jurist. Die Gerichte schlagen sich in solchen Streitfällen aber zumeist auf die Seite der Manager, mit einer höchstrichterlichen Entscheidung wird demnächst gerechnet. So lange wollen die Eigentümer nicht warten, um deren Geld es am Ende geht. Ingo Speich von der Union Investment verlangt ein Zeichen vom Daimler-Aufsichtsrat: „Wenn der Konzern mit einer Milliarden-Buße belegt wird, dürfen die Verantwortlichen nicht ungeschoren davonkommen.“ Zumindest partiell sollten Manager für den angerichteten Schaden haften, fordert der Investor.

          Andreas Renschler, heute VW
          Andreas Renschler, heute VW : Bild: Stefan Boness/Ipon

          Auch Michael Brecht, Betriebsratschef und Aufsichtsratsvize, mag nicht zur Tagesordnung übergehen und fordert Konsequenzen aus dem Fall. „In den Fabriken und Büros wird permanent geprüft, wo noch ein Cent mehr gespart werden könnte. Und hier verpuffen durch illegales Handeln über eine Milliarde Euro, die weit sinnvoller hätten eingesetzt werden können“, sagt Brecht. „Die Beschäftigten sehen solche Vorgänge zu Recht kritisch und fragen laut nach, wer die Verantwortung dafür übernimmt.“ Und was antwortet der Konzern? Da wird die Verantwortung nach unten delegiert. Sofern individuelle Verstöße festgestellt wurden, habe man reagiert – mit Versetzung, Nichtbeförderung oder Rauswurf Einzelner. Der Vorstand war davon aber nicht betroffen. Gegen kein einziges Vorstandsmitglied habe das Unternehmen Schadensersatz geltend gemacht, teilt eine Sprecherin mit. Dafür sehe der Aufsichtsrat nach „eingehenden Erörterungen gegenwärtig keine Basis“.

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