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Wer arbeitet mehr? : Von fleißigen Polen und bequemen Deutschen

Ohne Fleiß kein Preis: Bundespräsident Gauck und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski bei der Arbeit auf dem Musikfestival „Haltestelle Woodstock“ Bild: dpa

Bundespräsident Gauck sagt: „Die Polen sind fleißiger als die Deutschen.“ Stimmt das?

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          Bundespräsident Joachim Gauck ist ein großer Freund der Polen, das hat er schon mehrfach öffentlich kundgetan. Die aktive Rolle im europäischen Einigungsprozess, die Deutschlands östlicher Nachbar an den Tag legt, imponiert dem ersten Mann im Staat. Anscheinend so sehr, dass sich Gauck bei einem Treffen in Neapel unter anderem mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski zu einem heiklen Vergleich hinreißen ließ. „Polen sind fleißiger als Deutsche“, zitiert die „Bild“-Zeitung den Präsidenten. Unterfüttert wird die These mit Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, wonach ein Pole durchschnittlich deutlich mehr Stunden im Jahr arbeite als ein Deutscher. Dass Polen in den vergangenen Jahren ein imponierende Entwicklung hingelegt hat, mag niemand bestreiten. Seine Wirtschaft wuchs als einzige in Europa auch während der Wirtschafts- und Finanzkrise. Aber liegt Gauck wirklich richtig mit seiner These vom fleißigen Polen und dem bequemen Deutschen?

          1937 Stunden zu 1413 Stunden

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Ein Blick auf die Fakten hilft: Laut OECD arbeitete ein Pole im Jahr 2011 im Durchschnitt 1937 Stunden. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt von 1776. Ebenso klar darunter liegt Deutschland mit lediglich 1413 Stunden. Nur die Niederländer (1379) verbringen noch weniger Stunden an ihrem Arbeitsplatz. Eins zu Null Gauck, könnte man meinen, doch was besagen die Zahlen eigentlich? Sie besagen, dass diejenigen Personen, die auch wirklich einer Erwerbsarbeit nachgingen, mehr Stunden arbeiteten. Diese Gruppe ist jedoch in Deutschland deutlich größer als in Polen und anders zusammengesetzt. Wie ein Blick auf eine andere OECD-Statistik zeigt, betrug die Beschäftigungsquote in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres 72,7 Prozent - ein internationaler Spitzenwert. In Polen waren gerade mal 60 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter auch beschäftigt, das waren deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt von 67,7 Prozent. Dagegen war die Arbeitslosenquote zuletzt mit 5,1 Prozent in Deutschland nur halb so hoch wie in Polen mit 10,1 Prozent.

          Mit Deutschland und den Niederlanden liegen auch nicht zufällig die beiden Länder am Ende der Jahresarbeitszeiten, die den größten Anteil Teilzeitbeschäftigter haben. In Deutschland hat vor allem der Anstieg der berufstätigen Frauen dazu geführt, dass im statistischen Durchschnitt die Jahresarbeitszeit gering erscheint. In Polen dagegen wird noch heftig debattiert, ob familienfreundliche Teilzeitmodelle ausgebaut werden sollen. Um ein weiteres Mal die OECD-Datenbank zu bemühen: In Deutschland basiert mehr als jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis auf einer reduzierten Wochenstundenzahl, in Polen nicht einmal jedes zehnte. In Deutschland ist das Arbeitsvolumen also auf mehr Köpfe verteilt.

          Bleibt die Frage, wie Leistung und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft generell beurteilt werden sollten. Denn das Sozialprodukt setzt sich aus Köpfen, Zeit und Produktivität zusammen. Bei Letztgenanntem ist die Aussage eindeutig. Um abermals die OECD zu zitieren, diesmal in der Kategorie „Bruttosozialprodukt je Stunde“: Polen 20,50 Euro, Deutschland 43,29 Euro.

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