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Schlechter als ihr Ruf : Wenn der Fleischersatz zur Mogelpackung wird

Pflanzliche Fleischalternativen erobern die Kühlregale der Supermärkte. Bild: dpa

Die Skandale in den Schlachtbetrieben verderben so manchem den Appetit auf Fleisch. Doch eine Studie des Umweltbundesamts zeigt: die Ersatzprodukte haben noch Schattenseiten.

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          Ob Hackfleisch, Schnitzel oder Salami: zu beliebten Fleischprodukten wie diesen liegen immer mehr vegetarische oder vegane Alternativen in den Kühlregalen der Supermarktketten. Doch wie gut sind diese Produkte für das Klima und die Gesundheit wirklich? Und haben sie das Potential, den Fleischkonsum tatsächlich zu ersetzen? Diesen Fragen ist das Umweltbundesamt in einer neuen Studie nachgegangen – mit Ergebnissen, die nicht jedem schmecken dürften.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zwar sehen die Fachleute die Ersatzprodukte grundsätzlich positiv. Sie bezweifeln aber, dass die Produkte eine große Zahl von Verbrauchern erreichen werden. „Eine vollständige Imitation des sensorischen Spektrums von Fleisch ist bislang nicht zufriedenstellend gelungen, so dass nicht davon auszugehen ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher vermehrt Fleisch durch pflanzenbasierte Ersatzprodukte substituieren werden“, heißt es in der Studie, die der F.A.Z. vorab vorlag.

          Am ehesten trauen die Autoren das noch dem im Labor erzeugten Kunstfleisch zu. Dieses hat allerdings bislang eine vergleichsweise schlechte Ökobilanz. In der Herstellung von 100 Gramm In-vitro-Fleisch entstehen rund 0,75 Kilogramm CO2-Äquivalente, jener Einheit, in die Emissionen umgerechnet werden. Das ist zwar weniger als bei der Produktion von Rindfleisch (3,5 Kilogramm), aber mehr als bei Schweinefleisch (0,41 Kilogramm) und Huhn (0,23 Kilogramm).

          Soja direkt zu Lebensmitteln verarbeiten

          International macht der Markt für Fleischersatzprodukte der Studie zufolge erst weniger als ein Prozent dessen aus, was mit herkömmlichen Fleischprodukten umgesetzt wird. Besonders aufgeschlossen seien aber die europäischen Verbraucher. Nach einer Umfrage des Bundesumweltministeriums aus dem vergangenen Jahr halten 15 Prozent der Deutschen pflanzliche Imitate für einen „guten Ersatz zu herkömmlichem Fleisch“. Über essbare Insekten sagen das 6 Prozent, über In-vitro-Fleisch 5 Prozent. Mehr als die Hälfte der mehr als 2000 Befragten sehen die Ersatzprodukte jedoch skeptisch oder lehnen sie ganz ab.

          Die gekauften Mengen Fleischersatz sind in Deutschland nach einem vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2016 zuletzt wieder leicht gesunken, auf 21.400 Tonnen im Jahr 2018. Die meisten Produkte arbeiten mit Zutaten wie Soja, Erbsen und Roter Beete. Zu den Vorreitern in dem Segment zählt der Fleischhersteller Rügenwalder Mühle. Auch der Lebensmittelkonzern Nestlé glaubt an eine fleischlose Zukunft, verkaufte den Wursthersteller Herta und investiert jetzt stattdessen in seine vegetarische Linie „Garden Gourmet“.

          Nach der Studie des Umweltbundesamtes entstehen bei der Herstellung von 100 Gramm sojabasiertem Fleischersatz nur rund 0,11 Kilogramm CO2-Äquivalente. Vor allem im Vergleich zu Rindfleisch sind solche Produkte also klar im Vorteil. Deshalb plädieren Klimafachleute auch dafür, Soja besser direkt zu Lebensmitteln zu verarbeiten, statt wie bislang aus dem Großteil der Ernte Tierfutter zu machen. Die dafür nötigen Mengen sind gewaltig: Rund 250 Kilogramm Futter frisst ein Mastschwein innerhalb des halben Jahres, bis es sein Schlachtgewicht von rund 95 Kilo erreicht hat.

          Der Hunger auf Fleisch nimmt zu

          Nicht nur für das Klima, auch für die Gesundheit wäre eine pflanzliche Ernährung besser, betonen Ernährungsfachleute immer wieder. 60 Kilogramm Fleisch isst jeder Deutsche im Durchschnitt im Jahr, diese Zahl ist seit Jahren relativ konstant. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt maximal 30 Kilogramm im Jahr, die internationale EAT Lancet Kommission sogar höchstens 15 Kilogramm.

          Doch die Ersatzprodukte haben ein großes Manko: ihre lange Zutatenliste. Diverse Öle und Stabilisatoren halten das Gemüsegemisch zusammen, Aromen simulieren Fleischgeschmack. „Voll von Zusatzstoffen“ seien die Produkte, empörte sich kürzlich der Chef des Tiefkühlherstellers Frosta, Felix Ahlers. Der Fleischersatz des derzeit so angesagten Herstellers Beyond Meat sei „vollkommen undurchsichtig und ein totales Kunstprodukt“. Auch Sylvia Veenhoff, die Autorin der Studie des Umweltbundesamtes, warnt: „Pflanzlicher Fleischersatz ist in der Regel hochgradig verarbeitet.“ Besser wäre aus ihrer Sicht, die Menschen würden einfach mehr Gemüse essen. Aber Veenhoff macht sich keine Illusionen: „Fleischkonsum gehört nun mal kulturell zu unserer Ernährung. Das lässt sich nicht so schnell ändern.“

          International steigt der Hunger auf Fleisch sogar noch. Studien zufolge wird sich die Nachfrage, getrieben durch die Schwellenländer, bis 2050 verdoppeln. Start-ups wie Mosa Meat und Meatable sehen deshalb die Zukunft in Fleisch aus dem Labor. Doch dessen Herstellung ist nicht nur sehr energieintensiv, sondern auch ethisch fragwürdig. Als Nährmedium für das Züchten der Zellen wird oft Kälberserum eingesetzt, das aus dem Blut von Kuhföten stammt. So manchem Verbraucher könnte der Appetit da schnell wieder vergehen.

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