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Wahl in Griechenland : „Neue Ära“ oder „Lügen, Elend und Angeber“

  • Aktualisiert am

Früh übt sich, wer ein Wähler werden will. Bild: Reuters

Nur jeder Zehnte Grieche war bis zum Mittag wählen. Das ist weniger als bei der Wahl im Januar oder beim Referendum. Dabei dürfte der Wahlausgang bis zum Schluss spannend bleiben.

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          Die Führer der beiden großen griechischen Parteien zuversichtlich gezeigt, zu gewinnen. Der Syriza-Vorsitzende und gerade zurückgetretene Ministerpräsident Alexis Tsipras, der den abermaligen Urnengang anberaumt hatte vor wenigen Wochen, sagte, die Griechen würden „ihre Zukunft in die Hände nehmen" und den Übergang in eine „neue Ära besiegeln", sagte Tsipras. Umfragen sagten hingegen ein knappes Rennen mit der konservativen Nea Dimokratia von Evangelos Meimarakis voraus.

          Die Griechen würden eine „kämpfende Regierung" wählen, die zu Reformen bereit sei, sagte Tsipras am Morgen nach der Abgabe seiner Stimme im Athener Arbeiterbezirk Kypseli. In letzten Umfragen lag Syriza zwischen 0,7 und 3,0 Prozentpunkten vor der Nea Dimokratia, doch gelten die Befragungen nach den Erfahrungen der Vergangenheit als wenig zuverlässig. Da jedoch niemand mit der absoluten Mehrheit für eine der beiden Parteien
          rechnet, dürfte eine Koalitionsregierung notwendig werden.

          Der konservative Oppositionsführer Meimarakis sagte bei der Stimmabgabe im Athener Viertel Maroussi, die Wähler wollten Schluss machen mit „Lügen, Elend und Angebern" und stattdessen „Wahrheit und echte Menschen". Der 61 Jahre alte Vorsitzende der Nea Dimokratia  und frühere Verteidigungsminister hatte sich im Wahlkampf als Garant für die Wiederherstellung der Stabilität nach den politischen Turbulenzen der siebenmonatigen
          Syriza-Regierungszeit präsentiert.

          Geringere Wahlbeteiligung

          Die frühere Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou, die für die linke Syriza-Abspaltung Volkseinheit antritt, zeigte sich zuversichtlich, dass die Wähler die Sparpolitik zurückweisen werden. „Die neue Generation weiß, wer sie nicht verraten hat, und wird entschieden handeln, um die Demokratie wiederherzustellen", sagte Konstantopoulou. Sie hatte sich von Tsipras abgewandt, nachdem dieser im Gegenzug für weitere Finanzhilfen in die Fortsetzung der Sparpolitik eingewilligt hatte.

          Die Parlamentswahl ist der fünfte Wahlgang seit dem Jahr 2010. Allein in diesem Jahr ist es das dritte Mal, dass die Griechen zur Stimmabgabe aufgerufen sind - nach der Parlamentswahl im Januar und einer Volksabstimmung über die internationalen Sparauflagen im Juli. Das Meinungsforschungsinstitut Marc rechnet mit einem Anteil an Nichtwählern von 40 Prozent. Medienberichten zufolge schien die Beteiligung geringer als während der letzten Wahl.

          „Die Griechen wollten Syriza ausprobieren, doch dann sahen sie das Ergebnis", sagte die konservative Wählerin Marika Geraki: „Sie sind ein Haufen Lügner." Der 46 Jahre alte Arbeitslose Haris sagte, um der Zukunft der Kinder willen müsse das Land noch drei bis fünf Jahre weiter leiden. Der Soziologe Manolis Alexakis sagte, viele Wähler seien nach fünf Jahren Sparpolitik resigniert und wollten, dass die Regierung das Nötige tut, um die
          Krise endlich zu beenden.

          Tsipras hatte mit seinem Rücktritt im August den Weg für die vorgezogenen Neuwahlen freigemacht, nachdem ihm im Streit um die Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern ein Teil seiner Partei die Gefolgschaft verweigert hatte. Der linke Flügel, der nach der Abspaltung von Syriza die Partei Volkseinheit gründete, wirft Tsipras vor, sich trotz anders lautender Wahlversprechen den Spar- und Reformforderungen der Kreditgeber
          gebeugt zu haben.

          Syriza war bei der Parlamentswahl im Januar mit 36,3 Prozent mit dem Versprechen stärkste Kraft geworden, die schmerzhafte Sparpolitik zu beenden. Im Juli schloss Tsipras dann aber trotz eines Nein-Votums der Bevölkerung ein Abkommen mit den Geldgebern über ein Hilfspaket im Volumen von 86 Milliarden Euro; der größte Teil davon ist eine Umschuldung, ein zweiter Teil soll die griechischen Banken reparieren. Dies kostete ihn viel Zustimmung, während sein Herausforderer Meimarakis deutlich an Beliebtheit zulegte.

          Die Wahllokale schließen um 18 Uhr (19 Uhr Ortszeit). Erste Prognosen werden danach veröffentlicht, Hochrechnungen gegen 20 Uhr.

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