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Weltwirtschaftsforum : Im Orient-Express nach Davos

  • -Aktualisiert am

Polizisten sorgen für Sicherheit in Davos Bild: AP

In Davos treffen sich in den kommenden Tagen wieder Spitzenpolitiker und Konzernchefs. Die Kanzlerin fährt in diesem Jahr nicht in die Schweiz, dafür kommen aber viele amerikanische Politiker. Sie werden auch über Flüchtlinge reden wollen.

          Er war der König der Züge. Entlang seiner alten Route verbreiten sich heute Gewalt und Unordnung. Flüchtlingstrecks ziehen diese entlang, damit verbunden, brechen sich Unsicherheit und ein dramatischer Vertrauensverlust gegenüber den politischen Führern in Europa Bahn.

          Der Orient-Express verkehrte erstmals im Juni 1883. Er verband Paris mit Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Dort haben vor wenigen Tagen zehn deutsche Touristen ihr Leben am Fuße der Blauen Moschee und der Hagia Sophia verloren. Kurswagen des Ostende-Wien-Orientexpresses hielten vom Jahr 1900 an auch in Köln. Aber einhundertfünfzehn Jahre später verbinden nicht nur die Menschen, die in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof waren, mit dem Wort Orient keinen luxuriösen Zug mehr, sondern massenhaft sexuelle Übergriffe und überforderte Polizei.

          Offiziell geht es um die vierte industrielle Revolution

          In Syrien herrscht Krieg, Menschen verhungern in belagerten Städten, in Afghanistan wollen viele Menschen nicht mehr leben. In der Europäischen Union weiß man nicht, wie man der Tausenden Menschen, die sich Tag für Tag aufmachen, ihre Heimat zu verlassen, Herr werden soll. Grenzen schließen sich; selbst Freihandelsabkommen sind in weiten Teilen der Bevölkerung unerwünscht. Die Globalisierung stockt. Chinas Wachstum, ja, das Wirtschaftswachstum der ganzen Welt schwächt sich ab. Der Ölpreis sinkt, aus Sorge vor einem weiteren Abschwung, aber auch, weil niemand bereit ist, die Förderung zu reduzieren. An den Aktienbörsen fallen die Kurse, aber auch daran werden genug Leute verdienen. Das Vermögen der reichsten 62 Menschen der Welt jedenfalls ist in nur fünf Jahren um 44 Prozent gewachsen. Nach einer Studie der Nichtregierungsorganisation Oxfam ist auf der anderen Seite das Vermögen der unteren Hälfte der Weltbevölkerung um rund eine Billion Dollar zurückgegangen. Die Ungleichgewichte nehmen zu, die Unzufriedenheit auch, einfache politische Antworten auf komplexe Schwierigkeiten der Weltpolitik finden mehr Anklang. Die große Mehrheit glaubt „denen da oben“ immer seltener.

          Inmitten dieser Verwerfungen befindet sich die Welt in den Augen vieler Wissenschaftler am Beginn einer neuen industriellen Revolution, welche die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungsketten in der Wirtschaft zur Folge hat. Zugleich wird die Skepsis gegenüber Innovationen in der breiten Bevölkerung immer größer. Und die Erwartung an die Regierungen, den Markt stärker zu regulieren, steht im diametralen Gegensatz zu den Wünschen der Wirtschaft, es genau in diesem Punkt nicht zu übertreiben. Der allgemeinen Bevölkerung ist das Innovationstempo zu schnell geworden. Hier will man den Staat und seine Vertreter bremsen sehen.

          Auf der Tagesordnung: In Davos diskutieren die Eliten in diesem Jahr über die Herausforderungen der Digitalisierung.

          In dieser Situation findet in den kommenden Tagen das Weltwirtschaftsforum in Davos statt. Das Thema der Veranstaltung ist in der Regel allumfassend, damit sich jedes tagesaktuelle Problem darunter subsumieren lässt. Das ist in diesem Jahr anders. Es soll ganz konkret darum gehen, wie sich die heraufziehende vierte industrielle Revolution meistern lässt. Herausforderungen bringt diese in der Tat reichlich mit sich. Alles vernetzt sich mit allem, riesige Datenberge können in Echtzeit analysiert werden. Das wird viele Menschen ihre Stelle kosten, aber auch neue Arbeitsplätze schaffen.

          Viele Bürger sind von den Eliten enttäuscht

          Automatisierungsgewinne müssen in der Gesellschaft verteilt werden; erste Manager wie der Telekom-Vorstandsvorsitzende Tim Höttges fordern angesichts dieser Entwicklungen, über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachzudenken.

          Darüber wird angesichts der weltpolitischen Verwerfungen in Davos nun zwar auch, gewiss aber nicht so intensiv diskutiert werden, wie es sich in der Vorbereitung der Veranstaltung abzeichnete. Dafür sind die Börsen zu nervös, die Politik zu fahrig, die Menschen zu unruhig geworden. Sie sehen, dass es immer schwieriger wird, die Konflikte rund um die Welt zu lösen, und fragen sich in der Heimat, wie die vielen Flüchtlinge in den kommenden Jahren integriert werden können.

          Unaufhaltsamer Prozess

          Von den Eliten, die sich in Davos treffen, sind sie enttäuscht, Rat suchen sie bei anderen – das müssen nicht immer die Richtigen sein. Und doch: Die Idee, dass sich Menschen und Länder friedlich miteinander verbinden und Handel treiben, ist ohne Alternative. Das Internet wird ein Zurück nicht zulassen. Ehrbare Kaufleute auf der ganzen Welt müssen ihren Mitarbeitern zeigen, was sie mit friedlichem freien Handel gewinnen können. Und sie müssen mit ihnen darüber reden, was sie verlören, würden ihnen diese Vorteile genommen. Das ist nicht nur im Sinne einer Exportnation wie Deutschland, sondern von allen, die miteinander Handel treiben.

          Die Welt könnte Zeit zum Nachdenken gebrauchen, so wie in Davos geplant, gerade jetzt. Denn die Digitalisierung der Wirtschaft kommt so oder so. Aber weil sich die Rechenleistung der Computer mit der Geschwindigkeit einer Exponentialfunktion voranbewegt, gibt es diese Zeit zum Nachdenken nicht. Im Kampf gegen die politischen Bedrohungen und den Terror gibt es diese Zeit erst recht nicht. Das war bei einer Fahrt mit dem Orient-Express einst völlig anders.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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