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Weltwirtschaftsforum in Davos : Das ist die größte Herausforderung der Digitalisierung

Lernen und arbeiten: Auf dem Campus der Infosys Universität in Bangalore. Bild: Bloomberg

Anstatt über Gegenwart und Vergangenheit zu jammern, haben führende Köpfe in Davos über die Zukunft gesprochen: Es geht darum, wie wir unsere Kinder unterrichten. Und wieso Angst ein schlechter Ratgeber ist.

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          In der Wirtschaft hat sich die Innovationsmethode „Design Thinking“ von einer reinen Kreativitäts-Technik zu einem Treiber des Wandels ganzer Unternehmen entwickelt. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wurde sie sogar als Ausbildungsmethode auch für Schüler und Studenten ins Spiel gebracht, um sich schneller Wissen aneignen zu können.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          „Die digitale Revolution ist eine ‚humane Revolution‘ – und die größte Herausforderung dabei ist der Umbau unseres 300 Jahre alten Bildungssystems, das den Anforderungen des schnellen digitalen Wandels nicht gewachsen ist“, sagte zum Beispiel das frühere SAP-Vorstandsmitglied Vishal Sikka, der heutige Vorstandsvorsitzende des indischen IT-Dienstleisters Infosys – und fasste damit die Meinung wohl aller Teilnehmer des Wirtschaftsforums zusammen. „Die Bücher, die unsere Kinder in den Schulen bekommen, sehen doch immer noch genauso aus wie früher“, beklagte Sikka – und: „Es wird an den Schulen und Universitäten über die Welt unterrichtet, wie sie war, nicht wie sie werden wird.“

          Weniger Produkte, mehr Dienstleistungen

          Die Wirtschaft werde mit dem Staat in Bildungsfragen enger zusammenarbeiten müssen, ist Sikka überzeugt. Anders lasse sich der durch die Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt notwendige Wandel nicht meistern. Und Sikka glaubt, dass sich die Suche nach Innovationen mit der „Design Thinking“-Methode auch auf das Bildungssystem übertragen lässt. Damit ließen sich in kurzer Zeit große Erfolge erzielen: „Bei Infosys machen wir das so. Wir haben die größte Unternehmens-Universität der Welt aufgebaut und können zur selben Zeit bis zu 15.000 Mitarbeiter – unter anderem mit dieser Methode – weiterbilden.“ Auch auf diesem Weg soll Infosys in die Lage versetzt werden, Produkte mit höherer Wertschöpfungstiefe anzubieten.

          Denn Konsens in Davos war auch, dass alle Unternehmen, gleichgültig ob klein oder groß, künftig weniger Produkte und sehr viel mehr Dienstleistungen verkaufen werden – und dass der Weg dorthin allein durch Bildung geebnet werden kann. Davon ist auch MIT-Professor Erik Brynjolfsson überzeugt: „Die Technologie als solche ist nur ein Werkzeug und weder gut oder schlecht. Wir haben die Macht, sie zu unserem Nutzen einzusetzen. Sie kann bestehende Arbeit auch attraktiver machen.“ Und Marc Benioff, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Softwareunternehmens Salesforce, betonte, dass es in Fragen der Bildung nicht nur auf den Staat ankomme: „Jeder Einzelne muss den Willen behalten, sich weiterzubilden.“

          Das „Design Thinking“-Konzept, mit dem das unter anderem gelingen soll, beruht auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem kreativen Umfeld zusammenarbeiten – und dann Konzepte entwickeln, die mehrfach geprüft werden. Das Verfahren orientiert sich an der Arbeit von Designern, die als eine Kombination aus Verstehen, Beobachtung, Ideenfindung, Verfeinerung, Ausführung und Lernen verstanden wird.

          In Deutschland ist vor allem das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam stark mit dieser Methode befasst. „Das Konzept erfreut sich deshalb einer so großen Beliebtheit, weil es nicht auf bestimmte Branchen begrenzt ist, sondern vielmehr eine Denkweise zur Lösung komplexer Probleme in allen Bereichen darstellt“, hatte HPI-Direktor Christoph Meinel schon vor einiger Zeit gesagt.

          „Wir werden mehr Zeit für Kreativität haben“

          Angesichts der Diskussion über erhebliche Arbeitsplatzverluste im Zuge der Digitalisierung warnt Sikka vor zu großer Furcht: „Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wir müssen die Chancen im Blick behalten, die durch künstliche Intelligenz, lernende Maschinen und neurale Netzwerke entstehen.“ Häufig wurde in Davos darauf hingewiesen, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den meisten Ländern der Welt in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gesunken sei.

          Und so werde es weitergehen: „Wir werden mehr Zeit für Kreativität, Forschungsgeist und Experimente haben und uns vor allem auf Problemlösungen konzentrieren können“, wollen Optimisten wie Sikka daran vor allem die gute Seite erkennen. Diese Kreativität wiederum komme dem Gründergeist der Menschen zugute, was den Arbeitsmarkt beleben werde: „Ich kann gar keinen Grund erkennen, warum es in der Zukunft nicht viel mehr Gründer geben sollte als heute“, sagt der Infosys-Chef.

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