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Weltwirtschaftsforum : Auf geht’s in den Schnee nach Davos

  • -Aktualisiert am

Wo bekommt man sonst so viele Promis zur Probefahrt wie in Davos?, fragen Audi Manager. Trotzdem hat der Konzern sein Budget für den Gipfel zusammengestrichen. Bild: Audi

Auf dem Weltwirtschaftsforum zeigt sich Top-Sponsor Audi knauserig. Ob das an dem VW-Skandal liegt?

          3 Min.

          Auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, das jetzt ins 46. Jahr geht, hat sich vieles eingeschliffen: Noch immer will die Welt gerettet werden, so der Anspruch des Gründers und Zeremonienmeisters Klaus Schwab, noch immer werden vor allem eifrig Geschäfte und Karrieren eingefädelt. Auch in diesen, in Davos eiskalten Tagen treibt es die globale Wirtschaftselite aus diesen Motiven in die Berge. So weit, so routiniert.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Umso mehr fällt auf, wenn mal jemand ausschert aus der Tradition: Audi, als Sponsor seit den achtziger Jahren eine der Stützen des WEF, zieht sich merklich zurück. Die Ingolstädter dampfen das Budget für das Gipfeltreiben massiv ein, man hat gegenwärtig offenbar andere Sorgen. Die Muttergesellschaft Volkswagen ist weltweit der Konzern, der 2015 am meisten mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gebracht wurde, das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts Media Tenor, die in Davos vorgestellt wird.

          Clique um Martin Winterkorn

          Das drückt gehörig die Feierlaune. So ist der Audi-Empfang komplett gestrichen: keine Party im Luxushotel Belvedere, wo in guten Zeiten Ferdinand Piëch und Gattin Ursula persönlich der weitgereisten Premium-Kundschaft die Vorzüge der neuesten Audi-Limousinen erläutert haben. Der halbe Vorstand hatte dazu anzutanzen, begleitet von hochmögenden Aufsichtsräten. Nach dem Diesel-Schock ist alles anders: VW ist erschüttert, das Spitzenpersonal sortiert sich unter Schmerzen neu.

          Das Ehepaar Piëch hat keine Ämter mehr, diverse Topmanager der Clique um Martin Winterkorn wurden aus ihren Positionen entfernt. Und selbst wer noch da ist, hatte zweifellos schon einmal mehr Spaß an seinem Beruf. So wird Audi-Chef Rupert Stadler zwar nach Davos reisen, öffentliche Auftritte aber sind von ihm nicht zu erwarten. Was soll er auch sagen, wenn alle nur wissen wollen: Warum habt ihr betrogen, was habt ihr gelogen?

          2500 Teilnehmer aus 100 Ländern

          Offiziell besteht natürlich keinerlei Zusammenhang zwischen dem Diesel-Skandal und der neuen Zurückhaltung in Davos. Der Sparbeschluss dazu sei bereits Mitte vorigen Jahres gefallen, heißt es in Ingolstadt, also bevor die Betrugsvorwürfe öffentlich wurden. Angeblich hat Audi auch damals schon den Höhepunkt im Rahmenprogramm des Gipfels geopfert: das Sicherheitstraining draußen auf der Eisfläche am Davoser See. Eine ganze Generation von Alphamännern hat dort gezeigt, was sie draufhat am Steuer von Allrad-Limousinen. Auch diese Attraktion wird nicht billig gewesen sein, auch sie ist jetzt ersatzlos gestrichen, bestätigt ein Konzernsprecher.

          Was bleibt, ist einzig der Fahrservice: 100 Audi A8 in der Langversion werden in Davos unterwegs sein. Das „effektivste Mittel, potentielle Kunden zu gewinnen“, wie ein Audi-Manager betont: „Wann bekommt man sonst so viele internationale VIPs zu einer Probefahrt?“

          Der Andrang auf das Weltwirtschaftsforum, das von Mittwoch bis Samstag dauert, ist tatsächlich gigantisch, es wird dieses Jahr noch enger in Davos als früher: 2500 Teilnehmer aus 100 Ländern meldet Klaus Schwab, darunter 40 Staats- und Regierungsoberhäupter; aus Deutschland kommt Joachim Gauck statt Angela Merkel, dazu reihenweise die Topmanager globaler Konzerne, das Showbusiness ist unter anderem mit Kevin Spacey („House of Cards“) vertreten. Wie stets trifft in Graubünden altes Geld, repräsentiert etwa von den Wallenbergs aus Schweden, auf das junge Vermögen der Internetpioniere, nicht nur aus dem Silicon Valley.

          Reich durch griechischen Joghurt

          Die vierte industrielle Revolution ist dieses Jahr das offizielle Thema – für Davoser Verhältnisse eine sensationell konkrete Ansage, hielt man sich sonst lieber im nichtssagend Vagen, das Motto klang eigentlich immer nach „Herausforderungen in schwierigen Zeiten“ – unter diesen Deckel passt zu jeder Zeit alles. Die beste Regie vermag freilich nicht zu verhindern, dass neue, aktuelle Themen ins Rampenlicht drängen. So rechnen die Gipfel-Planer insgeheim damit, dass die Flüchtlinge viele Debatten beherrschen werden. Mit diversen politischen wie privatwirtschaftlichen Initiativen außerhalb des vorgefertigten Programms ist jedenfalls zu rechnen.

          Eine besonders hübsche hat sich ein kurdischstämmiger Jungmilliardär ausgedacht: Hamdi Ulukaya, 1972 als Sohn einer Familie von Halbnomaden im Osten der Türkei geboren, hat es in Amerika mit griechischem Joghurt zu Ruf und Vermögen gebracht. 1994 flog er als Habenichts nach New York, um Englisch zu lernen. Seinem amerikanischen Traum zuliebe („Du kannst hier alles schaffen“) ist er geblieben und hat 2007 mit seiner Firma Chobani (türkisch für Schäfer) die Produktion von griechischem Joghurt hochgezogen.

          Heute ist er Marktführer und vielfach ausgezeichnet. Jetzt stiftet er die Hälfte seines Vermögens, um das Elend der Flüchtlinge zu lindern, zunächst in seiner Heimat, wo die Kurden von den IS-Terroristen angegriffen werden, aber auch überall sonst, wo die Not groß ist: Mit 700 Millionen Dollar lässt sich einiges ausrichten. In den Schweizer Alpen will Ulukaya neue Mitstreiter präsentieren, die ihr Vermögen ebenfalls für diesen Zweck stiften. Seine Vorbilder als Philanthropen sind Warren Buffett und Bill Gates, Letzterer auch ein Stammgast in Davos.

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