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Davos-Kommentar : Sorge um das Wüten des Zeitgeists

  • -Aktualisiert am

Tief im Schnee: Das Kongresszentrum in Davos, in dem das Weltwirtschaftsforum stattfindet Bild: dpa

Ort des größtmöglichen Diskurses, „Ball der Vampire“ oder bloße Simulation eines globalen Blicks? Das Weltwirtschaftsforum in Davos tut sich mit seinem vorab veröffentlichten „Global Risk Report“ keinen Gefallen.

          Die aktuelle Sprachregelung des Weltwirtschaftsforums, das diese Woche wieder in Davos tagen wird, funktioniert so: Der „Globalismus“ ist tot, lebendiger denn je soll dagegen die „Globalisierung“ sein, womit die globale Zusammenarbeit all derer gemeint ist, denen an einer effektiven und widerstandsfähigen internationalen Ordnung gelegen ist. Man versteht sofort, warum den Organisatoren eine solche Unterscheidung wichtig ist. Was sie heute als Globalismus bezeichnen – eine neoliberale Verschwörung, um der Welt ein System jenseits der nationalen Souveränität aufzudrücken –, haben viele bislang gerade dem „Davos Man“ zugeschrieben. So wie der Soziologe Richard Sennett 1998 diese Figur des sich zum gepflegten globalen Gespräch einfindenden Wirtschaftsmachthabers erstmals beschrieben hat, als Typus des flexiblen Menschen ohne Ort und Vergangenheit und mit freundlicher Offenheit gegenüber Fragmentierungen und Gleichzeitigkeiten aller Art, taugt er als Inbegriff all der Vorbehalte und Ängste, die die Globalisierung in den letzten Jahren in den westlichen Gesellschaften auf sich gezogen hat. Man versteht, dass Davos sich davon absetzen will, um als Ort des größtmöglichen Diskurses („committed to improving the state of the world“) ernst genommen zu werden und nicht etwa als „Ball der Vampire“ (Jean Ziegler).

          Was aber ist das für ein Diskurs, zu dem da Wirtschaftsführer, Spitzenpolitiker sowie handverlesene NGO-Vertreter und Intellektuelle eingeladen werden? Das Weltwirtschaftsforum hat gerade, gewissermaßen als Impulsreferat, einen „Global Risk Report“ vorgelegt – damit die Welt nicht „in eine Krise schlafwandelt“, wie es im Executive Summary heißt. Da kommt schon einiges zusammen: Konflikte zwischen Großmächten, extremes Wetter, Cyber-Attacken, Populisten, Identitätsdiebstahl, Luftverschmutzung, Währungskrisen, Terroranschläge, „emotional disruption“ durch künstliche Intelligenz und so weiter. Schautafeln am Anfang ordnen die einzelnen Risiken auf Wahrscheinlichkeits- und Gewichtigkeitsskalen ein und dokumentieren das dichte, ein wenig unübersichtliche Netz ihrer wechselseitigen Beeinflussungen.

          All dies ist zwar beunruhigend, aber auch nicht allzu überraschend, zumal da viele der genannten Zukunftsgefahren in der Vergangenheit tatsächlich schon eingetreten sind. Auffallend ist jedoch ein Kapitel mit dem Titel „Die menschliche Seite der globalen Risiken“. Dort wird klipp und klar festgestellt: „Dies ist eine immer ängstlichere, unglücklichere und einsamere Welt.“ Als Beleg wird eine internationale Gallup-Umfrage angeführt, die einen dramatischen Anstieg „negativer Erfahrungen“ ausweise. Bedeutsam sei das vor allem wegen der politischen Ursachen und Wirkungen: Oft gehe der Stress auf das Gefühl eines Kontrollverlusts angesichts von Ungewissheit zurück, und sein Anwachsen berge das Risiko sozialer Unruhen. Das Weltwirtschaftsforum geht so weit zu sagen, dass die Wut weltweit die „defining emotion of the zeitgeist“ sei. Als einziger Beleg dafür wird das Buch „Das Zeitalter des Zorns“ von Pankaj Mishra genannt.

          In Mishras Buch geht es allerdings vor allem um die Wut eines Dostojewskij und eines Rousseau, in deren Kritik am Westen sich heutige Kritik spiegeln könne. Der Risikoreport begnügt sich damit, die einem westlichen Zeitungs- und Büchertitel-Leser vertrauten Stichworte zusammenzustoppeln, ohne spezifische Erfahrungen anderer Weltgegenden zu berücksichtigen oder konkrete politische Verhältnisse zu analysieren; Machtfragen werden systematisch ausgeblendet. Heraus kommt eine Art Abstraktion, die einen globalen Blick bloß simuliert. Wenn es dem Davos-Menschen tatsächlich um die Verbesserung der Welt durch Diskurs gehen sollte, kann er einem in seiner Ratlosigkeit ein bisschen leid tun.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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