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Weltwirtschaftsforum 2017 : Networking soll nicht alles sein

So ruhig ist es im Konferenzzentrum derzeit selten. Bild: AP

Der typische Davos-Teilnehmer steht im Ruf, weltfern zu sein. Oft geht es bloß ums Sehen und Gesehen werden. Das Programm befasst sich allerdings mit Themen, die jeden etwas angehen.

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          Der amerikanische Ökonom Ken Rogoff, ein vertrautes Gesicht auf dem Weltwirtschaftsforum, bemerkte kürzlich süffisant: Er habe zum ersten Mal nach dem Weltwirtschaftsforum im Januar 2016 Donald Trump als Kandidaten für die amerikanischen Präsidentenwahlen ernst genommen. Denn in Davos habe man Trump keinerlei Chance gegeben, und nach aller Erfahrung lägen die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in ihren Prognosen falsch. Rogoffs Aussage ist natürlich überpointiert, trifft aber eine verbreitete Wahrnehmung:

          Der „Mensch von Davos“ (Davos Man), wie der typische Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums genannt wird, steht im Ruf, abgehoben und weltfern zu sein. Für die Finanzelite hat die aus Deutschland stammende und seit langer Zeit in New York lebende Autorin Sandra Navidi diese Personengruppe in ihrem Buch „Super Hubs“ beschrieben:

          Dort werden die Repräsentanten der Finanzelite, Fondsmanager wie die Legende George Soros ebenso wie die Manager der größten Banken, als Mitglieder eines Netzwerks beschrieben, das seine Sicht der Welt alleineaus diesem Netzwerk bezieht. Im Zeitalter von Brexit und Donald Trump scheinen viele dieser Wahrnehmungen in Frage gestellt. Der „Mensch von Davos“ muss sich mit einer Realität befassen, die über seinen gewöhnlichen Horizont reicht.

          Immer auch den „kleinen Mann“ im Blick gehabt

          Der Gründer und unermüdliche Macher des Forums, Klaus Schwab, hat in seine Archive gegriffen und als Motto für die diesjährige Tagung einen von ihm vor mehr als zwanzig Jahren verfassten Text aus dem Archiv geholt. Ihm geht es darum, das Weltwirtschaftsforum als eine Veranstaltung zu vermarkten, die - trotz der traditionellen Ballung mächtiger Politiker und Unternehmensführer - schon immer auch den „kleinen Mann“ im Blick gehabt habe. Schwabs wichtigste Botschaften lauten:

          Hier finden Sie die FAZ.NET-Themenseite zum Weltwirtschaftsforum in Davos

          Die Welt benötige ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum von mehr als den gegenwärtig realisierten 3 Prozent im Jahr, um die materiellen Ansprüche der Menschen zu befriedigen. Dieses Wachstum aber müsse möglichst vielen Menschen zunutze kommen und nicht nur einer Elite. In den Worten Schwabs: „Der Kapitalismus muss inklusiver werden.“

          Mehr Solidarität zwischen Armen und Reichen sei notwendig. Die Kritiker aber müssten lernen, dass eine Abkehr von der Globalisierung und der Rückzug in nationales Denken keine Aussicht bieten, nachhaltiges Wirtschaftswachstum in der Welt zu generieren. „Es gibt keine einfachen Antworten“, sagt Schwab, und dies erst recht nicht in einer Zeit, in der die digitale Revolution nicht nur die Welt der Wirtschaft ergreift. „Holistische Betrachtungen“ seien notwendig. Die Unternehmen und die Politiker müssten zusammenwirken, um gestörtes Vertrauen wiederzugewinnen.

          „Zuhören und verantwortlich handeln“

          Daher lautet das diesjährige Motto der Tagung etwas frei übersetzt: „Zuhören und verantwortlich handeln.“ Mehr als die Hälfte der gut 400 Veranstaltungen behandeln die Themen wirtschaftliche Entwicklung und soziale Inklusion; andere ehemals in Davos sehr verbreitete Themen wie die Rohstoffsicherheit spielen in diesem Jahr nur eine geringe Rolle.

          Ein Schwerpunkt bleiben Veranstaltungen zur Finanzbranche, aber anders als in den vergangenen Jahren geht es in diesem Jahr weniger um Geldpolitik oder die Stabilität der Finanzbranche als vielmehr um die Herausforderungen für die etablierten Finanzhäuser durch die digitale Revolution.

          In gewisser Weise greift die Tagung eine auch in den Eliten verbreitete Stimmung auf, nach der die wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit nur zu einem beschränkten und möglicherweise abnehmenden Teil durch gesamtwirtschaftliche Steuerung mit Geld- und Finanzpolitik zu lösen sind. Vielmehr geht es um grundsätzlichere Fragen wie das Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und die Bedeutung leistungsfähiger Strukturen und Institutionen für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum. Immer vorne dabei: die Rolle technischen Fortschritts für wirtschaftlichen Erfolg.

          Networking leicht gemacht

          Das offizielle Programm des Weltwirtschaftsforums ist aber nur ein Bestandteil einer Veranstaltung, die immer weiter zu wachsen scheint. Davos bleibt für die Prominenz aus der Wirtschaft in erster Linie ein Ort, der Networking leichtmacht, weil keine andere Veranstaltung derart viele Entscheidungsträger aus allen fünf Kontinenten zusammenführt. So manches Geschäft wurde in den häufig im Halbstundentakt stattfindenden Gesprächen zumindest auf den Wege gebracht.

          Auf den zahlreichen gesellschaftlichen Events geht es mehr um das Sehen und Gesehenwerden als um tiefschürfende Analysen der Welt. So wird das offizielle Programm immer voluminöser und das Leben des „Menschen von Davos“ während der vier bis fünf Januartage in Graubünden immer hektischer. Ob die Veranstaltung für die wirtschaftlichen und politischen Eliten der richtige Platz ist, um den Ursachen des Brexits oder der Wahl Trumps nachzuspüren, steht auf einem anderen Blatt.

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