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Weltweite Umfrage : Politiker und Eliten haben das Vertrauen verspielt

Sicherheitskräfte auf dem Dach eines Kongresshotels im schweizerischen Davos Bild: dpa

Weltweit herrscht Politikverdruss. Auch anderen Eliten misstrauen die Menschen massiv, wie eine weltweite Umfrage belegt. Wer sich gut informiert, vertraut den Medien mehr.

          Diese Nachrichten beunruhigen kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos zutiefst: In Deutschland stürzt das Vertrauen in das Handeln der Politiker vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise geradezu ab. Und auf der ganzen Welt wird das Misstrauen der allgemeinen Bevölkerung gegenüber den besser ausgebildeten und gut verdienenden Schichten immer größer. Die Eliten führen nicht mehr. Auch das Informationsverhalten der entsprechenden Gruppen fällt immer weiter auseinander. Die Welt bekommt ein Verständnisproblem.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Für das „Trust Barometer“ hat die weltweit tätige PR-Agentur Edelman mehr als 33.000 Menschen in 28 Ländern der Welt zwischen Oktober und November des vergangenen Jahres befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Vertrauen in die deutsche Politik ist in der informierten Bevölkerung um 5 Prozentpunkte gesunken. Eine ähnliche Dynamik nach unten hat es sonst nur in Ländern wie Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Polen gegeben. Und Ereignisse wie die Auseinandersetzungen in der Silvesternacht in Köln sind in diesen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt, da sie erst nach dem Ende der Umfrageperiode stattgefunden haben. Es ist naheliegend, dass sie noch zu erheblich schlechteren als den im vergangenen Herbst gemessenen Werten geführt hätten.

          Wachsendes Misstrauen gegenüber „denen da oben“

          Dabei ist das grundsätzliche Vertrauen in Regierungen, Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen und Medien auf der Welt unter denen, die eine Hochschulbildung haben, sich intensiv informieren und zu den oberen 25 Prozent der Einkommenspyramide gehören, zuletzt sogar gestiegen. Dazu dürfte vor allem die extrem gute Lage der Wirtschaft im Jahr 2015 beigetragen haben, was wiederum besonders auf die Situation in Deutschland zutrifft. Dass das Vertrauen in die Politik hierzulande gerade in dieser Gruppe dennoch so stark nachgelassen hat, macht den deutschen Niedergang besonders bemerkenswert - neben der Tatsache, dass das Kabinett rund um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den Umfragen der Vergangenheit überdurchschnittlich positiv abgeschnitten hat und im Vergleich zu anderen Regierungen auf der Welt als Garant von Stabilität angesehen worden war.

          Rund um die Welt kommt ein Phänomen hinzu, das die Eliten ebenfalls interessieren sollte: In der breiten Mehrheit glaubt man „denen da oben“ immer seltener. Daten, die vom Medienanalyse-Unternehmen Media Tenor zusammengetragen worden sind, bestätigen diese Eindrücke. Die Untersuchungen von Media Tenor und Edelman liegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vor. In den Daten findet man nicht in erster Linie eine Ökonomie der Ungleichheit, wie sie vom französischen Volkswirt Thomas Piketty in seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ beschrieben worden ist. Was sich in den Daten widerspiegelt, ist eine Ungleichheit des Vertrauens auf der ganzen Welt, die allerdings oft mit Einkommensunterschieden korreliert.

          Vertrauensungleichheit verstärkt sich durch Trump, Le Pen & Co.

          „Es ist eine große Illusion im Spiel, nämlich die Vorstellung, dass Eliten weiterhin führen und die Massen folgen“, sagt dazu der Edelman-Vorstandsvorsitzende Richard Edelman. Und seine Deutschland-Chefin Susanne Marell pflichtet ihm bei. „Freunden, Familienmitgliedern und einfachen Angestellten eines Unternehmens wird nach wie vor sehr viel stärker vertraut als Vertretern von Medien, von Unternehmen oder gar Politikern“, sagt Marell. Gier, Fehlverhalten, die Demokratisierung der Medien, all das führe dazu, dass es nicht mehr so einfach sei, das Vertrauen der breiten Bevölkerung zu erlangen.

          Diese Ungleichheit des Vertrauens hat erhebliche Konsequenzen. Ganz offensichtlich wächst durch sie die Empfänglichkeit für Politiker, die ihre Beute mit der Angst der Bevölkerung machen wollen. Als Beispiele hierfür können sowohl die Flüchtlingskrise als auch der erbitterte Streit um Freihandelsabkommen wie die angestrebte TTIP-Vereinbarung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten dienen. Gegen TTIP gehen Hunderttausende auf die Straße, das Thema ist emotional schwer belastet, vor allem die vermeintliche oder tatsächliche Intransparenz in den Verhandlungen stört die Menschen. Daran ändert auch nichts, dass demokratisch gewählte Parlamente in jedem einzelnen Land der Vereinbarung am Ende zustimmen müssen. Wer profitiert von dieser Entwicklung? International fallen Edelman dazu Namen von Politikern wie Donald Trump oder Marine Le Pen ein.

          Vertrauen der Bevölkerung in Eliten nimmt ab

          In Zeiten einer neuen industriellen Revolution, welche die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungsketten in der Wirtschaft zur Folge hat, kommt eine weitere besorgniserregende Erkenntnis hinzu. Die Skepsis gegenüber Innovationen wird in der breiten Bevölkerung immer größer. Und die Erwartung an die Regierungen, den Markt stärker zu regulieren, steht im diametralen Gegensatz zu den Wünschen der Wirtschaft, es genau in diesem Punkt nicht zu übertreiben. Die Botschaft der Vertrauensbarometer-Umfrage von Edelman ist in diesem Punkt aber vollkommen eindeutig: Der allgemeinen Bevölkerung ist das Innovationstempo ganz eindeutig zu hoch geworden. Hier will man den Staat und seine Vertreter bremsen sehen.

          In mehr als 60 Prozent der Länder, die von Edelman in die Befragung einbezogen wurden, ist das Vertrauen der breiten Masse in Politik, Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen und Medien aber sogar unter einen Wert von 50 Prozent gefallen. Im deutlichen Gegensatz dazu ist das Vertrauen der Eliten gestiegen und liegt auf den höchsten Werten seit Beginn der Umfrage. Die durchschnittliche Lücke im Vertrauen in die vier Institutionen ist zwischen den Eliten und der breiten Bevölkerung auf 12 Prozentpunkte gewachsen. In den Vereinigten Staaten beträgt die Differenz 19 Prozentpunkte, was auf eine riesige Verdrossenheit der breiten Bevölkerung mit den Eliten im Land schließen lässt. In Deutschland sind es 9 Punkte, hier allerdings auf einem gleichbleibenden Niveau. Denn das Vertrauensbarometer zeigt auch, dass die jeweils größeren Unterschiede mit der Einkommensungleichheit in den betreffenden Ländern zusammenhängen.

          Diskrepanz zwischen Eliten und breiter Masse

          Dazu passt, dass in zwei Dritteln der untersuchten Länder weniger als die Hälfte der breiten Bevölkerung denkt, dass es ihr bessergehe als noch vor fünf Jahren. Auch das ist angesichts eines stetigen Wirtschaftsaufschwungs bemerkenswert: Stimmt die Beobachtung mit der Realität überein, sind die erwirtschafteten Gewinne überproportional häufig in den Händen der besserverdienenden Elite gelandet. Diese Entwicklung dürfte der Diskussion darüber, wohin künftig die Automatisierungsdividenden aus der Digitalisierung der Wirtschaft fließen, neue Nahrung geben.

          Wenig erstaunlich ist es deshalb, dass der größte Unterschied zwischen der Elite und der breiteren Bevölkerung dann auch in der Haltung gegenüber Wirtschaft und den Unternehmen zu erkennen ist. Während das Vertrauen der Elite in die Wirtschaft angesichts der guten Konjunktur der vergangenen Jahre stark gestiegen ist, herrscht in der breiten Masse tiefe Skepsis vor. Diese Skepsis ist in bestimmten Branchen besonders groß - und die Finanzdienstleister fallen hier nach wie vor stark negativ auf. Hier gibt es eine Lücke von mehr als 20 Prozentpunkten zwischen dem wieder erstarkten Vertrauen der Elite in die Branche und der allgemeinen Bevölkerung.

          Das Bild des gierigen Bankers ist weiterhin prägend

          Die Daten, die Media Tenor durch die Auswertung der Berichterstattung in den Medien im vergangenen Jahr gesammelt hat, bestätigen das - und mehr: Denn die Vertrauenskrise ist nicht nur auf den Finanzsektor beschränkt. Der Diesel- und Emissionswerteskandal bei Volkswagen hat zu Rücktritten von einst hochgeschätzten Managern wie dem VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn geführt, kostet die Aktionäre des Konzerns viele Milliarden Euro und hat nicht nur den Ruf der Autohersteller, sondern der gesamten deutschen Wirtschaft beschädigt, wie Susanne Marell von Edelmann feststellt.

          „Aber auch das öffentliche Bild der Bankenbranche verschlechterte sich wieder“, sagt Roland Schatz von Media Tenor - Rechtsfragen und die Wirksamkeit der Regulierung stünden nach wie vor im Fokus der Medienberichterstattung. „Einzelne Banken waren zwar in der Lage, eine Botschaft der Verbesserung zu vermitteln, aber der Gesamteindruck bleibt“, sagt Schatz. So vermittle die neue Führung der Deutschen Bank unter dem Briten John Cryan derzeit zwar das Gefühl eines Aufbruchs. Doch der Gesamteindruck handele nach wie vor von einer Industrie, in der schlecht erzogene, gierige Manager dominieren. Zu beachten sei allerdings, dass die deutschen Medien im Vergleich zu den Vereinigten Staaten oder Großbritannien zu einer besonders kritischen Unternehmensberichterstattung neigten. Tatsächlich hat sich das Bild, das die breite Bevölkerung von den Banken hat, zuletzt nämlich wieder etwas gebessert, wie das Vertrauensbarometer von Edelman zeigt.

          Tupperware zeigt wie es geht

          Aus dieser Umfrage ergibt sich auch, dass Unternehmen immer wieder die Chance eingeräumt wird, Vertrauen schnell zurückzugewinnen. Denn das Vertrauen in die Vorstandsvorsitzenden ist grundsätzlich wieder deutlich gestiegen - ganz im Gegensatz zu den handelnden Personen in der Politik. Den Unternehmen wird auch zugetraut, den schnellen Wandel der Wirtschaft besser zu meistern als die Politik, deren Vertrauenswerte am Boden liegen. 80 Prozent der breiten Bevölkerung erwarten, dass Unternehmen sowohl ihre Gewinne zu steigern wissen als auch zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in den Gemeinden beitragen, in denen sie tätig sind.

          Ein gutes Beispiel hierfür ist in den Augen von Edelman das Unternehmen Tupperware: Fast 3,1 Millionen Frauen in Ländern wie China, Indien, Indonesien und Südafrika machen Umsatz für das Unternehmen - und bringen dringend benötigtes Geld heim in ihre Familien. Aber auch die Chefs zum Beispiel von Unilever oder von Starbucks hätten es durch entsprechendes Handeln in den zurückliegenden Monaten geschafft, das Bild ihres Unternehmens in der Öffentlichkeit erheblich zu verbessern, bemerkt Susanne Marell von Edelman.

          Davos im Internet

          Auf einer Sonderseite der F.A.Z. im Netz finden sich Berichte vom World Economic Forum, Blogbeiträge und Videos - www.faz.net/davos

          Die jeweiligen Kommentarfunktionen ermöglichen es den Lesern jederzeit, ihre Meinung zu dem nicht unumstrittenen Treffen in den Bergen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. - Twitter: https://twitter.com/wef

          Dem WEF kann man unter den Twitternamen @WEF (mehr als 2,7 Millionen Follower) und @davos folgen. Auf den zugehörigen Seiten finden sich Listen, die twitternde Besucher des Forums vorsortieren.

          Für die F.A.Z. twittern Gerald Braunberger @GeraldBlogger, Carsten Knop @carstenknop und Georg Meck @MeckGeorg aus Davos.

          Das Forum hat neben diesem Microblog-Angebot aber auch ein eigenes Blog: www.forumblog.org - Youtube: www.youtube.com/worldeconomicforum. Auf dem Videokanal finden sich die Übertragungen der Veranstaltungen aus dem Konferenzzentrum, die sich grundsätzlich an die breite Öffentlichkeit wenden. Darüber hinaus kann man sich über vergangene Forumsveranstaltungen informieren, Interviews und Statements verfolgen. Zudem werden verschiedene Publikationen des Weltwirtschaftsforums in Videos vorgestellt.

          Facebook Auch in diesem Jahr sind die Facebook-Aktivitäten zum WEF in Davos auf der Seite facebook.com/worldeconomicforum nachzulesen. Hier treffen sich inzwischen knapp eine Million Abonnenten und verfolgen die entsprechenden Updates - gegenüber dem Vorjahr ist das abermals beinahe eine Verdoppelung.

          Google+ Zum vierten Mal ist das soziale Netzwerk Google+ (http://wef.ch/gplus) dabei: Inzwischen hat das Forum dort rund 2,3 Millionen Follower. Kno.

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