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Prominente in Davos : Von mächtigen Chinesen und klammen Russen

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos treffen sich jedes Jahr die Reichen und Mächtigen der Welt. Zumindest die meisten von ihnen. Bild: AP

Das Weltwirtschaftsforum in Davos zieht seit fast 50 Jahren viele Prominente an. In ihnen spiegeln sich die Zeitläufte wider. Dieses Jahr rücken die Vertreter Brasiliens und Italien ins Zentrum.

          Nach der Absage von Donald Trump dürfte auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos der neue brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die meisten Blicke auf sich ziehen. Brasilien ist in Davos traditionell gut vertreten und Bolsonaro verfolgt offenbar eine völlig andere Politik als seine Vorgänger. Das macht neugierig.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das World Economic Forum (WEF) hat auf den seit 1971 abgehaltenen Jahrestreffen in den Bündner Bergen immer wieder neue Entwicklungen vorgezeichnet. 1979 kam beispielsweise erstmals eine Delegation aus der Volksrepublik China nach Davos. WEF-Gründer Klaus Schwab war frühzeitig aktiv geworden. Denn im Reich der Mitte hatte ein Wandel eingesetzt. Nach dem Tod von Mao Tse-tung im September 1976 war mit Deng Xiaoping ein überzeugter Reformer an die Macht gelangt. Zielstrebig verordnete er dem Land einen wirtschaftlichen  Modernisierungskurs und eine außenpolitische Öffnung.

          Schwab hätte sich glücklich geschätzt, hätte er Deng für die Teilnahme in Davos gewonnen. Daraus wurde nichts. So blieb der Auftritt der künftigen Weltmacht blass. „Niemand kannte sie, und sie kannten niemanden“, erinnert sich ein Teilnehmer aus jenen Tagen. Das sollte sich rasch ändern. Seit jenem Januar Ende der siebziger Jahre sind die Chinesen in Davos ständig dabei. Im Gegenzug hielt das Forum im Juni 1981 seine erste Veranstaltung in Beijing ab. 1986 führte ein Politiker namens Zhu Rongji die Abordnung aus China an. Er war ein Mann mit Zukunft, zur Jahrtausendwende sollte er das Amt des Ministerpräsidenten bekleiden.

          Beim Euro versagte das Frühwarnsystem

          Wohl die meisten, welche die weltpolitischen Entwicklungen aus der Davoser Nähe verfolgten, rieben sich dennoch verwundert die Augen über den raschen Aufstieg Chinas nach den Abgründen der Mao-Ära. Schwab zollte dem Tribut, indem er später regelmäßig ein „Sommer-Davos“ in der Volksrepublik organisierte. 2017 hielt seinerseits Staats- und Parteichef Xi Jinping die Eröffnungsrede in Davos, in deren Mittelpunkt das Bekenntnis zur Globalisierung stand. Wer genau zuhörte, erkannte die Grenzen des chinesischen Modells. Xi sprach stets von der „wirtschaftlichen Globalisierung“. Dies war eine kaum verhüllte Absage an grundlegende politische Rechte, welche die Herrschaft der Kommunistischen Partei im Land gefährden konnte. Inzwischen tritt das deutlicher denn je zutage.

          Das Ende des Kalten Krieges und der Übergang in die postkommunistische Zeit spiegelten sich auf dem WEF über mehrere Jahre wider. 1989, also vor 30 Jahren, kam es zum Eklat. Nato-Generalsekretär Manfred Wörner warnte öffentlich und mit eindringlichen Worten davor, den Reformprozess in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow als unumkehrbar anzusehen. Dies war ein unverkennbarer Seitenhieb auf den damaligen Vizekanzler und Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Davos zwei Jahre zuvor. Dort hatte Genscher in einer viel beachteten Rede die Eliten der Welt gemahnt, den Reformer in Moskau ernst zu nehmen und ihm eine Chance zu geben.

          1999 standen die Russen selbst im Mittelpunkt des Geschehens auf dem Welt-Treffen. Was war geschehen? Kaum war die Asien-Krise mit ihren globalen Verwerfungen einigermaßen verdaut, glitt Moskau ins Chaos: Am 17. August 1998 musste die Notenbank den Rubel-Kurs freigeben. Die Anbindung an den Dollar zum Jahresbeginn hatte sich in Luft aufgelöst, die Menschen belagerten die Banken, um ihre Ersparnisse zu retten. Der Staat war faktisch pleite.

          Vor 20 Jahren beherrschte denn auch in Davos der Russland-Crash, der das Ende der Ära Jelzin einläutete, zahlreiche Debatten. Geradezu euphorisch wurde dagegen die Einführung des Euro begrüßt. Dass das neue Zahlungsmittel, als neue Reservewährung und darüber hinaus als politischer Zement für die Europäische Union gefeiert, angesichts des wirtschaftlichen Gefälles unter den Euro-Ländern später zu einem Sprengsatz werden könnte, lag außerhalb der Vorstellungskraft selbst vieler Finanzexperten. Das Weltwirtschaftsforum als Frühwarnsystem hat hier versagt.

          Inzwischen haben die Finanzmanager wieder Oberwasser

          Ein drittes Ereignis entfaltete dagegen eine nachhaltig positive Wirkung, dies auf Unternehmensebene. UN-Generalsekretär Kofi Annan verkündete, was zum „Global Compact“ der Vereinten Nationen reifen sollte – ein Kranz zahlreicher Verpflichtungen für soziales, nachhaltiges und moralisch anständiges Wirtschaften. Klaus Schwab, der stets eine enge Beziehung zu Kofi Annan pflegte, bezeichnet sich hier als Mitautor. Der Pakt wurde zu einem Vorläufer dessen, was heute regeltreue Unternehmensführung (Corporate Governance) genannt wird.

          Vor zehn Jahren stand das Treffen der Welt-Elite – wie nicht anders zu erwarten – im Bann der Finanzkrise. Am 15. September 2008 hatte der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers – einer der „strategischen Partner“ des WEF – Schockwellen rund um die Welt erzeugt. Das globale Wachstum sackte ab und sollte 2009 sogar in eine Rezession münden. In Davos mischte sich Pessimismus mit Ratlosigkeit – und auch mit Verärgerung über die „gierigen Boni-Banker“, die den ganzen Schlamassel verursacht hätten. Der schwedische Großindustrielle Jacob Wallenberg fühlte sich zu der Warnung veranlasst: „Töten Sie nicht jegliche unternehmerische Initiative.“

          Der Ärger über die Finanzindustrie blieb kein Eintages-Phänomen. Im darauffolgenden Jahr greift kein geringerer als Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy zum großen Schwert. In seiner Eröffnungsrede führte er heftige Schläge gegen die nach seiner Meinung handfeste Selbstbedienungsmentalität in den Banken und rief nach tiefgreifenden Reformen. Gehalten in Paris, hätte die Wutrede womöglich nur auf nationaler Ebene zu Reaktionen geführt. So aber, auf dem Welt-Podium in den Bündner Bergen, fand sie ein Echo rund um den Globus.

          Auf dem Gipfel der Finanzkrise duckten sich die Banker in Davos weitgehend ab. Manches aber ändert sich auch auf dem WEF nur vorübergehend: Inzwischen haben die Finanzmanager wieder Oberwasser, insbesondere die Vertreter aus den Vereinigten Staaten. Das Gegenbild liefern die italienischen Banken, bei denen immer noch viele faule Kredite in den Bilanzen schlummern. Sie befinden sich weiter im Krisenmodus. Vielleicht kann Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte bei seinem diesjährigen Auftritt Erhellendes dazu sagen. Die große Runde in Davos ist in jedem Fall gespannt.

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