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Klaus Schwab : „Zu hohe Managergehälter sind nicht mehr sozial verträglich“

  • Aktualisiert am

Die Elite der Welt trifft sich bei Klaus Schwab in Davos Bild: AP

Klaus Schwab hat den alljährlichen Weltwirtschaftsgipfel in Davos erfunden. Ein Gespräch über echte Freunde, Managergehälter und Speed-Dating für Konzernchefs.

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          Herr Schwab, können Sie kurz beschreiben: Was ist der vielbeschworene „Geist von Davos“?

          Es sind drei Faktoren: der informelle Dialog, losgelöst vom geschäftlichen Alltag. Dazu die Mischung der Entscheidungsträger: Unternehmer, Regierende, alle großen NGOs. Schließlich der Luxus, dass wir die Dinge in Davos aus einer wirklich globalen Perspektive sehen: Was ist notwendig für die Welt? Nicht: Was ist notwendig für Amerika oder Deutschland? Halt, ein Viertes habe ich vergessen.

           Ja, bitte?

          Davos hat keine echten Luxushotels. Die Atmosphäre der erzwungenen Bescheidenheit ist ein wesentlicher Faktor.

          Zwei-Sterne-Herbergen zum Fünf-Sterne-Preis sind erst einmal ein Ärgernis: Wucher!

          Das sind Ausnahmen, die wir permanent bekämpfen. Seit Jahren halten wir die Davoser Hotellerie zur Disziplin an. Aber es gibt immer verantwortungslose Leute, die versuchen, in der einen Woche rauszuholen, was geht, vor allem, wenn es im Rest der Saison nicht so läuft. So kommt’s zu den Anekdoten vom Kaffee für acht Franken, den Kurzstrecken im Taxi für 50 Franken - aber das sind Einzelfälle.

          Mehrere internationale Konzerne ziehen jetzt Hotels rund ums Kongresszentrum hoch, normalisieren sich damit die Verhältnisse?

          Ich sehe das einerseits positiv, da es mehr Möglichkeiten eröffnet, aber andererseits auch mit einem weinenden Auge: Diese ganz spezielle Schweizer Atmosphäre, dieses Militärdiensthafte in den Hotels, in Davos oft ehemalige Sanatorien, läuft Gefahr, verloren zu gehen.

           Zielen die neuen Luxushotels auf die Business-Elite in der einen Woche Weltwirtschaftsforum oder aufs gewöhnliche Ski-Publikum?

          Ein Grund wird sein, dass die Hotelkonzerne als Marke sichtbar sein wollen beim World Economic Forum. Das gehört für Ketten wie Hilton oder Intercontinental dazu. Aber letzten Endes vollzieht Davos den generellen Wandel in der Schweizer Hotellerie nach: Weg von den Familienhotels, hin zu den professionell betriebenen Markenhotels.

          Was nicht nur Vorteile bringt.

          Wohl wahr. In Davos werden wir aber eine gute Mischung haben von beiden, der Teilnehmer kann wählen: Will er sich so unterbringen, wie er es während des Jahres überall auf der Welt gewohnt ist? Oder will er den Charme eines Schweizer Bergortes erleben?

          Dass Sie mit dem Wirtschaftsgipfel Davos den Rücken kehren, in eine Metropole ziehen, wie vor Jahren debattiert, ist heute kein Thema mehr?

          Nein, wir wollen nicht weg. Vor allem nach den Anstrengungen, die der Ort unternommen hat: Das Kongresszentrum ist heute das beste in den Alpen, und wir ziehen auf alle Fälle in keine Großstadt. Diese spezielle Atmosphäre, eben den Geist von Davos, werden wir nicht aufs Spiel setzen.

          In Davos und St. Moritz wird diskutiert, sich gemeinsam um Olympia 2022 zu bewerben. Wie stehen Sie dazu?

          Wir wünschen uns, dass Davos kandidiert, dadurch würde auch die Infrastruktur verbessert. Zunächst muss aber das Volk abstimmen Anfang März.

          Wie schätzen Sie die Stimmung ein?

          Ich würde sagen: 50 zu 50. Die Schweizer sind sehr umweltbewusst, haben Sorge, dass durch Gigantismus Natur zerstört wird - diese Angst steckt in vielen Köpfen.

          Was halten Sie dem entgegen?

           Ich sage meinen Freunden in Graubünden: Ihr müsst euch bewerben, schon weil ihr in Davos die Chance habt, die Olympiade wieder zu redimensionieren. Lillehammer ist ein gutes Beispiel für eine Winterolympiade in bescheidenem Umfang: Es geht auch ohne Gigantismus.

          Die Teilnehmerzahl des WEF ist seit Jahren begrenzt, denken Sie an eine Lockerung?

          Nein, es bleibt bei 2500 Teilnehmern. Mehr bringt nichts, auch wenn wir dazu strikte Prinzipien durchsetzen müssen. So darf ein CEO nicht mehr kommen, sobald er pensioniert wird. Wir laden nur aktive Manager und Politiker ein.

          Beschweren sich da keine Stammgäste?

          Manchem tut es leid, so wie dem Vorstandsvorsitzenden, der mir kürzlich geschrieben hat. Ich war jetzt 17 mal in Davos, begann der Brief, und bedauere es, mich zu verabschieden, da ich in Pension gehe. Wenn ich jetzt auf mein Leben blicke, schrieb der Mann, stelle ich fest, dass Freunde wichtig sind, und wenn ich dann nachzähle, habe ich genau fünf Freunde. Drei davon habe ich in Davos kennengelernt. Das war mal ein anderer Brief als sonst.

          Davos ist ein Fest für Netzwerker, mancher Konzernchef kam dort erst zu seinem Job. Führen Sie Statistik über diese Karrieren?

          Nein, aber solche Fälle gibt es etliche.

          Wie bekommen Sie die Teilnehmer in Griff, die das offizielle Programm weitgehend ignorieren, dafür eine Art Speed-Dating für Manager abhalten: ein Meeting nach dem anderen.

          Ich habe Verständnis dafür, dass Spitzenmanager bei einer solchen Ballung wichtiger Gesprächspartner abwägen müssen zwischen ihren direkten und den indirekten Interessen.

          Direkt heißt: Die Ankurbelung des Geschäfts geht vor?

          Direkt bedeutet: Wenn Sie als Unternehmer in Davos die Regierungsdelegation eines Landes treffen können, in dem Sie eine Milliardeninvestition planen, dann ist es klar, dass Sie das tun müssen.

          Mit dem ursprünglichen WEF-Anspruch, den Zustand der Welt zu verbessern, hat das wenig zu tun.

          Natürlich finden wir es schade, wenn sich jemand nicht an der intellektuellen Dimension des Davoser Treffens engagiert. Ich sage Vorstandsvorsitzenden immer, ich habe drei Wünsche, die sich erfüllen sollen, wenn ihr von Davos nach Hause fahrt. Es hat euch bei irgendeinem Geschäft geholfen. Es hat für die Strategie des Unternehmens zumindest einen neuen Ansatzpunkt gebracht. Und hoffentlich habt ihr euch in Davos in einer unserer vielzähligen Initiativen zur Verbesserung des Zustands der Welt engagiert.

          Was waren Ihre persönlichen Highlights aus mehr als 40 Jahren Davos?

          Das kann ich nicht beantworten. Das ist so, als würden Sie einen Schriftsteller fragen, etwa meinen Freund und Nachbarn Paulo Coelho, welche Seite in seinem Roman die beste ist. Was zählt, ist das Gesamtwerk.

           Es gab doch bestimmt Momente, die Sie nie vergessen werden?

          Natürlich. Das Treffen Kohl und Modrow, der Händedruck zwischen Mandela und de Klerk 1992, der Friedensvertrag zwischen Griechenland und der Türkei zu einer Zeit, als die Armeen teilmobilisiert waren. Wichtig ist, dass Davos den Lauf der Welt beeinflusst, etwas bewirkt.

           Was fällt Ihnen dazu als Erstes ein?

          Die Idee zu den G20 wurde in Davos geboren, gefördert von den Deutschen damals, auch der Global Compact der UN, den Kofi Annan und ich angestoßen haben. Überdies auch die „Global Alliance for Vaccines und Immunisation“, Millionen von Kindern wurde durch Impfungen inzwischen das Leben gerettet. Auch die Idee des Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria entstand in Davos. Stolz bin ich auf den Einfluss, den wir auf das Denken der Zeit haben. Wir waren die Ersten, die in den 70er Jahren auf die Umweltfrage hingewiesen haben. Dazu habe ich auch Leute eingeladen, die nicht systemkonform gedacht haben - das war nicht immer zu jedermanns Freude.

          Den Topmanagern wird auch kaum gefallen, dass Sie ihnen vorhalten, zu viel zu verdienen.

          Um die Leute zum Nachdenken zu zwingen, muss man vielleicht extreme Positionen vertreten. Bei aller Anerkennung des Wettkampfes um Talente kann die gesellschaftliche Ordnung nicht harmonisch aufrechterhalten werden, wenn die Einkommensunterschiede zu groß werden.

          Kein Chef soll mehr als 20-mal so viel verdienen wie sein schlechtest bezahlter Angestellter, haben Sie jüngst gefordert.

          Ob das Verhältnis nun 1 zu 20 oder 1 zu 40 sein soll, das ist nachrangig. Wenn’s aber 1 zu 100 wird und darüber hinaus, dann ist es nicht mehr sozial verträglich. Ich habe übrigens keinen meiner Freunde unter den Unternehmern deswegen verloren, die verstehen meine Beweggründe.

          Herr Schwab, Sie wurden in Oberschwaben geboren, leben seit Jahrzehnten in der Schweiz, haben Sie noch einen deutschen Pass?

           Ja, aber ich fühle mich als Europäer. Meine Eltern stammen ursprünglich aus der Schweiz, mein Vater war aber Deutscher, aufgewachsen bin ich in Ravensburg, lebe seit über 50 Jahren als deutscher Staatsangehöriger in der Schweiz, ein Grund, warum ich nie in meinem Leben wählen gegangen bin.

          Nicht ein einziges Mal?

          Nie. Dabei hat mir die CDU vor 20 Jahren sogar mal ein Europamandat angetragen, aber ich bin nicht politisch engagiert.

          Sie werden im Frühjahr 75 Jahre alt, weisen aber jeden Gedanken an den Ruhestand von sich: Wollen Sie wirklich auch noch den 50. Davos-Gipfel in etlichen Jahren bestreiten?

          Was heißt hier auch noch? Ich möchte das Wort sehr in Frage stellen. Solange mein Stiftungsrat findet, dass ich geistig und körperlich fit bin, denke ich nicht an Ruhestand.

          Und Sie fühlen sich fit?

          Wenn Sie zweifeln, lade ich Sie zum Ski-Marathon ins Engadin ein, dann können Sie beweisen, ob Sie mithalten. Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche. Wenn ich morgens um 9 Uhr im Büro ankomme, habe ich eine Dreiviertelstunde gejoggt, an den See runter und wieder rauf, 4,8 Kilometer, 100 Meter Höhendifferenz, danach wird eine halbe Stunde geschwommen.

          Sähen Sie es gerne, wenn eines Tages Ihre Kinder die Nachfolge antreten? Sohn und Tochter sind im WEF engagiert.

          Meine Tochter nicht mehr, die hat inzwischen ihre eigene Stiftung gegründet. Mein Sohn ist jetzt in unserem Büro in China eingestiegen, baut dort unsere Aktivitäten aus, nachdem er viele Jahre eine Karriere außerhalb des Forums verfolgt hat. Am Ende entscheidet der unabhängige Stiftungsrat über die Führung, das Forum ist kein Familienbetrieb, sondern eine Stiftung, die der Allgemeinheit gehört - sonst wäre ich Milliardär.

          So wertvoll ist die Marke WEF heute?

          Das ist schwer zu sagen, aber Experten schätzen den Wert des Forums zwischen einer und zwei Milliarden Euro. Allerdings hätte das Forum als private und nichtöffentliche Initiative nie diesen Erfolg gehabt.

          Sie haben finanziell nichts davon, halten privat keinerlei Anteile?

          Nein, ich bekomme ein Gehalt - das war’s, völlig transparent. Ich darf nicht mehr verdienen als der höchstbezahlte Staatsdiener in der Schweiz - das ist der Präsident der Notenbank. Darüber hinaus darf ich auch keine Nebeneinnahmen haben.

          Wie müsste der ideale Nachfolger aussehen?

          Wahrscheinlich wird es irgendwann zwei Nachfolger geben, übertragen auf ein Unternehmen übe ich im Forum als Gründer heute zwei Funktionen aus: CEO und Aufsichtsratschef. Die beiden Posten werden in der nächsten Phase sicher getrennt. Aber das ist Schnee von übermorgen.

          Das WEF

          Zum 43. Mal trommelt Klaus Schwab, 1938 in Ravensburg geboren, die Elite aus Wirtschaft und Politik zusammen. 2500 Gäste versammeln sich von Mittwoch an in Davos. 50 Staats- und Regierungschefs haben sich angesagt, außerdem IWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Präsident Mario Draghi. „Resilient Dynamism“ (widerstandsfähige Dynamik) lautet dieses Mal das Motto des „World Economic Forum“, einer Stiftung mit Sitz am Genfer See. Aus Deutschland reist Kanzlerin Angela Merkel an, dazu die Spitzenkräfte der Wirtschaft: die Co-Chefs der Deutschen Bank Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die Verleger Hubert Burda und Friede Springer, die VW-Lenker Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, sowie BASF-Chef Kurt Bock. Außerdem Marijn Dekkers (Bayer), Martin Blessing (Commerzbank), Reto Francioni (Deutsche Börse), Axel Heitmann (Lanxess) Frank Appel (Post), Jim Snabe (SAP), Heinrich Hiesinger (Thyssen-Krupp), Michael Diekmann (Allianz), Peter Terium (RWE), Nikolaus von Bomhard (Münchner Rück), Peter Löscher (Siemens).

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