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Klaus Schwab : „Zu hohe Managergehälter sind nicht mehr sozial verträglich“

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Den Topmanagern wird auch kaum gefallen, dass Sie ihnen vorhalten, zu viel zu verdienen.

Um die Leute zum Nachdenken zu zwingen, muss man vielleicht extreme Positionen vertreten. Bei aller Anerkennung des Wettkampfes um Talente kann die gesellschaftliche Ordnung nicht harmonisch aufrechterhalten werden, wenn die Einkommensunterschiede zu groß werden.

Kein Chef soll mehr als 20-mal so viel verdienen wie sein schlechtest bezahlter Angestellter, haben Sie jüngst gefordert.

Ob das Verhältnis nun 1 zu 20 oder 1 zu 40 sein soll, das ist nachrangig. Wenn’s aber 1 zu 100 wird und darüber hinaus, dann ist es nicht mehr sozial verträglich. Ich habe übrigens keinen meiner Freunde unter den Unternehmern deswegen verloren, die verstehen meine Beweggründe.

Herr Schwab, Sie wurden in Oberschwaben geboren, leben seit Jahrzehnten in der Schweiz, haben Sie noch einen deutschen Pass?

 Ja, aber ich fühle mich als Europäer. Meine Eltern stammen ursprünglich aus der Schweiz, mein Vater war aber Deutscher, aufgewachsen bin ich in Ravensburg, lebe seit über 50 Jahren als deutscher Staatsangehöriger in der Schweiz, ein Grund, warum ich nie in meinem Leben wählen gegangen bin.

Nicht ein einziges Mal?

Nie. Dabei hat mir die CDU vor 20 Jahren sogar mal ein Europamandat angetragen, aber ich bin nicht politisch engagiert.

Sie werden im Frühjahr 75 Jahre alt, weisen aber jeden Gedanken an den Ruhestand von sich: Wollen Sie wirklich auch noch den 50. Davos-Gipfel in etlichen Jahren bestreiten?

Was heißt hier auch noch? Ich möchte das Wort sehr in Frage stellen. Solange mein Stiftungsrat findet, dass ich geistig und körperlich fit bin, denke ich nicht an Ruhestand.

Und Sie fühlen sich fit?

Wenn Sie zweifeln, lade ich Sie zum Ski-Marathon ins Engadin ein, dann können Sie beweisen, ob Sie mithalten. Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche. Wenn ich morgens um 9 Uhr im Büro ankomme, habe ich eine Dreiviertelstunde gejoggt, an den See runter und wieder rauf, 4,8 Kilometer, 100 Meter Höhendifferenz, danach wird eine halbe Stunde geschwommen.

Sähen Sie es gerne, wenn eines Tages Ihre Kinder die Nachfolge antreten? Sohn und Tochter sind im WEF engagiert.

Meine Tochter nicht mehr, die hat inzwischen ihre eigene Stiftung gegründet. Mein Sohn ist jetzt in unserem Büro in China eingestiegen, baut dort unsere Aktivitäten aus, nachdem er viele Jahre eine Karriere außerhalb des Forums verfolgt hat. Am Ende entscheidet der unabhängige Stiftungsrat über die Führung, das Forum ist kein Familienbetrieb, sondern eine Stiftung, die der Allgemeinheit gehört - sonst wäre ich Milliardär.

So wertvoll ist die Marke WEF heute?

Das ist schwer zu sagen, aber Experten schätzen den Wert des Forums zwischen einer und zwei Milliarden Euro. Allerdings hätte das Forum als private und nichtöffentliche Initiative nie diesen Erfolg gehabt.

Sie haben finanziell nichts davon, halten privat keinerlei Anteile?

Nein, ich bekomme ein Gehalt - das war’s, völlig transparent. Ich darf nicht mehr verdienen als der höchstbezahlte Staatsdiener in der Schweiz - das ist der Präsident der Notenbank. Darüber hinaus darf ich auch keine Nebeneinnahmen haben.

Wie müsste der ideale Nachfolger aussehen?

Wahrscheinlich wird es irgendwann zwei Nachfolger geben, übertragen auf ein Unternehmen übe ich im Forum als Gründer heute zwei Funktionen aus: CEO und Aufsichtsratschef. Die beiden Posten werden in der nächsten Phase sicher getrennt. Aber das ist Schnee von übermorgen.

Das WEF

Zum 43. Mal trommelt Klaus Schwab, 1938 in Ravensburg geboren, die Elite aus Wirtschaft und Politik zusammen. 2500 Gäste versammeln sich von Mittwoch an in Davos. 50 Staats- und Regierungschefs haben sich angesagt, außerdem IWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Präsident Mario Draghi. „Resilient Dynamism“ (widerstandsfähige Dynamik) lautet dieses Mal das Motto des „World Economic Forum“, einer Stiftung mit Sitz am Genfer See. Aus Deutschland reist Kanzlerin Angela Merkel an, dazu die Spitzenkräfte der Wirtschaft: die Co-Chefs der Deutschen Bank Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die Verleger Hubert Burda und Friede Springer, die VW-Lenker Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, sowie BASF-Chef Kurt Bock. Außerdem Marijn Dekkers (Bayer), Martin Blessing (Commerzbank), Reto Francioni (Deutsche Börse), Axel Heitmann (Lanxess) Frank Appel (Post), Jim Snabe (SAP), Heinrich Hiesinger (Thyssen-Krupp), Michael Diekmann (Allianz), Peter Terium (RWE), Nikolaus von Bomhard (Münchner Rück), Peter Löscher (Siemens).

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