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Kommentar : Davos braucht eine Reform

  • -Aktualisiert am

Während des Weltwirtschaftsforums ist von Idylle in Davos wenig zu spüren. Bild: EPA

Das Weltwirtschaftsforum steht im Zeichen von Donald Trump. Für die Teilnehmer sollte sein Erfolg ein Warnschuss sein. Denn auch über Trumps Wähler wird in Davos zu wenig geredet.

          3 Min.

          Donald Trump ist nicht in Davos, aber er wird auf dem Weltwirtschaftsforum in den Gesprächen allgegenwärtig sein - nachdem noch im vergangenen Jahr niemand über ihn ein Wort verloren hat. Der künftige Präsident der Vereinigten Staaten, der am letzten Tag des Forums im fernen Washington sein Amt übernehmen wird, ist für die Organisatoren um den Forums-Gründer Klaus Schwab noch aus anderen Gründen eine Herausforderung. Denn die Wähler Trumps haben denjenigen, die in Davos den Zustand der Welt verbessern wollen, im übertragenen Sinne einmal richtig gezeigt, was sie von dem Treffen und seinen Ideen halten: nämlich nichts.

          Stundenlange Diskussionen über eine Welt, die viele der Manager, Politiker und Wissenschaftler, die sich in den Schweizer Bergen treffen, nur noch aus der Abgeschlossenheit ihrer schwarzen Limousinen betrachten, die dort die Straßen verstopfen?

          Das ist nichts für Trumps Wähler. Auch das Nachdenken über komplizierte Zusammenhänge im Klimaschutz oder im Welthandel, das in Davos seit Jahren kultiviert wird, spricht sie nicht an. Sie machen sich Sorgen vor Arbeitsplatzverlusten durch die Globalisierung und den technischen Wandel. Das ist zwar ein Thema, das auch Davos bewegt, aber davon haben sie im Zweifel noch nichts mitbekommen.

          Davos wird größer und größer

          Nicht nur in Amerika, auch für viele Menschen in Europa ist nun die Zeit der einfachen Antworten gekommen. Wollte man sich darüber erheben, machte man den Fehler, den man allzu vielen Gästen des Weltwirtschaftsforums unterstellen kann: Sie reden an dem vorbei, was die Menschen in ihrem Alltag wirklich bewegt. Dass Davos eher unkonzentriert durch eine Flut von Themen watet, wird vor diesem Hintergrund zu einem Problem.

          Hier finden Sie die FAZ.NET-Themenseite zum Weltwirtschaftsforum in Davos

          Adressiert wird das vom Veranstalter bisher zu wenig. Tatsächlich ist das Forum in diesem Jahr so groß wie nie zuvor, was nicht dazu beitragen wird, dass man hier wirklich etwas Belastbares über den Zustand der Welt erfahren könnte. Jeder Teilnehmer bringt Geld. Aber bringt auch jeder Teilnehmer mehr Weisheit nach Davos?

          Hinzu kommt, dass nicht nur das „offizielle“ Davos immer größer wird. Es gibt, gewiss nicht nur gefühlt, immer mehr Veranstaltungen in den umliegenden Hotels. Und dabei handelt es sich eben nicht nur um Mittags-, Abendessen- und Empfänge, sondern häufiger auch um Diskussionsformate, die ebenso im Rahmen des normalen Konferenzprogramms stattfinden könnten.

          Digitalisierung wurde 2016 gar belächelt

          Sie stehen damit im Wettbewerb zum Forum selbst, sonnen sich aber in seinem Licht, nutzen seine Aufmerksamkeit und die von ihm angezogenen Teilnehmer - während sie dem Konferenzzentrum die entsprechende Aufmerksamkeit entziehen. Die Organisatoren haben diese Schwierigkeit schon vor langer Zeit erkannt. Aber geändert haben sie an der Situation nichts Spürbares. Und man hat den Verdacht, dass auch das mit wirtschaftlichen Interessen zusammenhängen könnte.

          Gerade weil aber viele gute Ideen hinter dem Forum und seiner Entstehung stecken, ist das eine bedauerliche Entwicklung. Schwab und sein Team haben die richtigen Themen. Sie laden dazu kompetente Gesprächspartner ein, die in der Regel auch nach Davos kommen. Aber von denen, die dann vor allem zum Zuhören da sind, bringt so gut wie niemand die Muße mit, sich jenseits seiner normalen Amtsgeschäfte tiefgehend in eine gedankliche Arbeit an Themen zu stürzen. Im Gegenteil wurde im vergangenen Jahr das so wichtige Konferenzthema der Digitalisierung von nicht wenigen sogar belächelt.

          Viel lieber redete man über Sorgen um China - die kurz danach kaum noch interessierten. Während es tatsächlich die Digitalisierung ist, die auf der Welt alles verändert. Vielleicht haben den Chinesen vor zwölf Monaten die Ohren geklungen.

          Worum soll es in Davos noch einmal gehen?

          Wahrscheinlich nutzen sie aber nur die Gunst der Stunde, nämlich die weitgehende Abwesenheit der künftigen amerikanischen Regierung und die Paralyse der Europäischen Union und ihrer Vertreter nach der Entscheidung der Briten für den Brexit. Jedenfalls sind sie es, die in diesem Jahr in Davos ihre Sicht der Dinge zum Thema Globalisierung, Konjunktur und Welthandel präsentieren. Dafür reist Präsident Xi Jinping an - und er hat damit die politische Bühne in Davos für sich.

          Wird Xi aber in der Realität und nicht nur in Davos für eine verantwortungsvolle Rolle in der Welt- und Wirtschaftspolitik stehen, wie es sich Schwab erhofft? Auch daran werden nicht nur die Wähler von Trump zweifeln, die nun ausgerechnet mit ihm und seinem unkalkulierbaren Charakter in eine Zukunft gehen, in der es nur noch wenige Gewissheiten gibt. Es ist ein Paradoxon.

          Jetzt werden verhasste Banker in Amerika auch noch Minister. Sicher aber ist, dass das Weltwirtschaftsforum, genauer seine Jahrestagung, eine Reform braucht. Der Zirkus um das Konferenzgebäude ist zu groß geworden. Hier werden Eitelkeiten gepflegt, es wird zu häufig gelästert, als sich an die eigene Nase zu fassen. Worum soll es in Davos noch einmal gehen? Ja, die Menschen wollen verantwortungsbewusst handelnde Führungskräfte. Mit Wut im Bauch aber wählen sie andere. Über diese Menschen wird in Davos zu wenig geredet. So wird das Forum immer größer, macht sich aber immer kleiner.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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