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Kommentar : Alle Augen in Davos auf Trump

Er reckt sich und streckt sich: Donald Trump am Flughafen von Salt Lake City. Bild: AP

Wieder treffen sich die Top-Politiker und Konzernchefs der Welt im kleinen Schweizer Städtchen Davos – auch Amerikas Präsident will dabei sein. Dass das Forum ein Erfolg wird, ist dennoch unsicher. Denn Asiens wichtigster Mann bleibt daheim.

          Im vergangenen Jahr gehörte die Bühne in Davos noch den Chinesen. Mit den mahnenden Worten, dass niemand einen möglichen Handelskrieg gewinnen werde, eröffnete Präsident Xi Jinping das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen. Der Adressat saß fast 7000 Kilometer westwärts in Washington und nahm sein neues Amt auf: Donald Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Milliardär hatte im Wahlkampf aus seinen protektionistischen Absichten keinen Hehl gemacht und als Ursache für die vermeintliche Schieflage des Welthandels Amerikas größten Gläubiger China ausgemacht.

          Ein Jahr später hat sich die Konstellation ins Gegenteil verkehrt. Während der mächtigste Mann im Reich der Mitte dem Treiben in der Schweiz fernbleibt, will Trump die große Bühne erklimmen und am Freitag die mit Spannung erwartete Abschlussrede halten, um seine umstrittene „America first“-Politik zu verteidigen. Davon werden ihn womöglich aber die just in Kraft getretene Haushaltssperre und der damit verbundene „Shutdown“ der Verwaltung abhalten. Ob die Präsidentenmaschine tatsächlich gen Europa abhebt, wird kurzfristig entschieden. Für zusätzlichen Gesprächsstoff hat Trump jedenfalls gesorgt, als er gerade China wegen Diebstahl geistigen Eigentums mit Strafzahlungen in einer Höhe gedroht hat, „über die Sie noch nicht einmal nachgedacht haben“.

          Wohl kaum Fortschritt in der Brexit-Frage

          Selbst wenn Trump sein Kommen auf den letzten Drücker doch noch absagt – präsent sein werden er und seine Politik in Davos auf jeden Fall. Von den politischen Spannungen mit Nordkorea über den rigiden Kurswechsel in der Einwanderungspolitik, die Folgen seiner umfangreichen Steuerreform, die offenen Attacken gegen traditionelle Medien bis hin zu seinem offenbar ungefilterten Kommunikationsstil von Regierungshandeln über den Kurznachrichtendienst Twitter – Trump hat bislang die Welt auf Trab gehalten wie wohl kein Präsident zuvor.

          Insofern könnte das diesjährige Motto des Weltwirtschaftsforums kaum treffender sein: Eine gemeinsame Zukunft schaffen in einer zersplitterten Welt. Das klingt vielversprechend – aber wie soll es funktionieren? Was darf man sich davon erhoffen, wenn mächtige Politiker für einige Stunden in den Kanton Graubünden einschweben, ihr Statement abgeben und anschließend zügig zum Anschlusstermin auf der nächsten großen Bühne entschwinden? Wenn etwa am Mittwoch nacheinander der italienische Ministerpräsident, der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin ihre Botschaften in die Welt senden und einen Tag später erst die britische Premierministerin auftritt? Echte Fortschritte in der Brexit-Thematik scheinen da so realistisch wie Hochwasser in den Schweizer Alpen.

          Es wäre die große Chance für die Vertreter der Wirtschaft, diese Lücke zu schließen. Schließlich stellen sie einen Großteil der rund 3000 Teilnehmer, darunter so klangvolle Namen wie Eric Schmitt von der Google-Muttergesellschaft Alphabet, James Dimon von der amerikanischen Bank JP Morgan oder Daniel Zhang, der Chef des chinesischen Internetkonzerns Alibaba. Auch aus Deutschland wird eine ganze Reihe namhafter Manager und Unternehmer vor Ort sein. Im Gegensatz zu den Staats- und Regierungschefs bringen die Wirtschaftskapitäne oft mehr Zeit mit. Die Frage lautet nur: wofür?

          Kritiker monieren, dass dem Weltwirtschaftsforum der oft beschworene Geist der Anfangstage längst abhanden gekommen sei. Seit der Gründung 1971 hat sich die Veranstaltung zu einer riesigen Veranstaltungsmaschinerie entwickelt, anders ließe sich das Stelldichein der Elite auch gar nicht organisieren. Wo sich früher aus Impulsvorträgen tiefgründige Diskussionen entwickelt hätten, reihe sich heute ein Referat an das andere, bemängeln Teilnehmer mit jahrzehntelanger Davos-Historie. Mancher Vorstandsvorsitzende verschiebt die Anfrage auf ein Treffen lieber auf die Zeit nach dem Forum, da der Terminkalender schon im Vorfeld brechend voll ist. Kein Wunder, lassen sich doch nirgendwo sonst innerhalb weniger Tage so viele Treffen mit Investoren, Analysten und Geschäftspartner unterbringen. Davos als Weltvertriebsforum?

          Im schweizerischen Davos treffen sich die wichtigsten Politiker und Unternehmer der Welt.

          Nein, sagen die Verteidiger. Natürlich hätten solche Termine ihre Berechtigung, allein um die Kosten für einen Konzernchef und seinen Tross, die in den siebenstelligen Bereich gehen können, zu rechtfertigen. Jenseits dieser Pflichtübungen, die oft in rascher Taktung zur Frühstückszeit vollzogen werden, bleibe aber immer noch genug Zeit für jene Begegnungen in Anzug, Schal und Schneeschuhen, die nur in Davos zustande kommen und deren Erkenntnisgewinn weit über das laufende Geschäftsjahr hinaus tragen.

          In einer fragmentierten Welt ist der Bedarf nach Antworten groß auf die drängenden Fragen: Wie profitieren möglichst viele Menschen von Globalisierung und Freihandel? Was geschieht mit den vermeintlichen Verlierern? Welchen Nutzen haben Digitalisierung und Automatisierung für die breite Masse, und wer streicht die Fortschrittsdividende ein? Wer darauf keine überzeugenden Antworten findet, wird den rasanten Zug des Protektionismus nur schwerlich aufhalten können. Einfache Lösungen gibt es nicht, nötig ist ein breiter gesellschaftlicher Diskurs. Davos ist dafür ein guter Ort.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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