https://www.faz.net/-gqe-7lcgj

Davos : Großes Kino in den Bergen

  • -Aktualisiert am

Als unvergessliche Momente nennt er die Zusammentreffen zwischen Helmut Kohl und Hans Modrow 1990 sowie zwischen Nelson Mandela und Südafrikas Präsident F.W. de Klerk zwei Jahre später. In beiden Fällen war indes der Boden bereitet. In Deutschland war die Mauer gefallen, und in Südafrika hatte der Versöhnungsprozess zwischen Weißen und Schwarzen schon begonnen. Eine öffentliche Selbstverpflichtung wird man beiden Begegnungen dennoch zugestehen. Darüber hinaus soll sich Mandela nicht zuletzt durch die Gespräche in Davos für marktwirtschaftliche Ideen erwärmt haben, heißt es.

Zeitweise drängten neben ständig anwesenden Berühmtheiten wie dem Sänger Bono oder dem Schriftsteller Paulo Coelho weitere Vertreter der Kulturszene auf die große Bühne des WEF. Die Auftritte drohten das Forum noch mehr in Richtung Glitzershow abgleiten zu lassen. Unvergessen ist die Schauspielerin Sharon Stone, die 2005 von den Wirtschaftsführern barsch eine Million Dollar für 100.000 Moskitonetze in Afrika einforderte. Das Geld kam letztlich – mit Unterstützung der Weltbank und anderer Institutionen – zusammen, die Netze wurden geliefert – gefertigt in China zum Schaden der Hersteller vor Ort, wie der Journalist René Zeyer in seinem jüngsten Buch schreibt.

Dessen ungeachtet sind die Randveranstaltungen in Davos populär, wie zum Beispiel die „Focus Night“ des Medienunternehmers Hubert Burda, Aber insgesamt sind die Abläufe formaler geworden, statt spontaner Begegnungen auf der Straße dominieren immer stärker von Termin zu Termin eilende Manager und ellenlange Autokolonnen das Erscheinungsbild des Forums. Unternehmens- und PR-Berater umkreisen mehr denn je die Prominenz. Sie erhalten zwar kein WEF-Badge, können sich aber einen des Hotels Bélvèdere beschaffen, des großen Tummelplatzes abseits der offiziellen Veranstaltungen.

Die Schwellenländer setzen sich in Szene

„Ein amerikanisches Bergdorf namens Davos“ stand zur Jahrtausendwende über einem Leitartikel in dieser Zeitung. Das gilt heute nicht mehr, immer stärker setzen sich die Schwellenländer in Szene. Zuletzt organisierte Russland 2013 eine ganze Veranstaltungskaskade. Für die aufstrebenden Länder ist eine große Präsenz auf dem WEF der Nachweis, im Club der Mächtigen angekommen zu sein. Und Europa? Langfristig werde die Welt aus den drei großen Währungsblöcken Dollar, Euro und Yen bestehen, sagte 1999 der erste Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, voraus. Der chinesische Renminbi lag damals noch außerhalb der Vorstellungskraft, die europäische Schuldenkrise noch mehr. Auch kurzfristiger liegen die angeblich Kundigen leicht falsch. „So optimistisch wie nie zuvor“ waren im Januar 2007 die Erwartungen der Manager vor Davos laut der jährlichen Umfrage der Berater von Price Waterhouse Coopers. Ein Jahr später grassierte in derselben Erhebung dann die – leider nur allzu begründete – Rezessionsfurcht.

Heute scheint das Schlimmste vorüber. Auch der Umsatz des einer Stiftung gehörenden WEF hat sich seit Mitte 2009 von knapp 140 auf zuletzt 186 Millionen Franken (gut 150 Millionen Euro) ausgeweitet, dies ohne die Einkünfte des Ablegers in Amerika. 450 Leute arbeiten für das WEF, und 2014 werden sie wiederum viel Bekanntes und manches Neue bringen. Mein persönliches Fazit: Davos bietet so viel Prominenz und Trubel, dass man sich während jener Woche irrtümlicherweise im Zentrum des Weltgeschehens wähnt.

Stets herrscht angesichts der vielfältigen Aktivitäten das Gefühl, etwas zu versäumen. Dennoch weitet sich der Horizont. Auf dem WEF wird die Globalisierung – wenngleich weitgehend beschränkt auf das Establishment – greifbar wie kaum anderswo in Europa. Schwab hat schon ein weiteres Thema entdeckt: das Internet der Dinge und die Genetik. Immer wieder wird er nach der Nachfolgeregelung gefragt. Er wolle auch das 50. WEF noch eröffnen, sagte der Impresario in einem Interview mit der Schweizer „Weltwoche“ zur 43. Ausgabe des Forums im vergangenen Jahr. Schwab ist die Gewähr dafür, dass die große Davos-Nummer vorerst weiter zur Aufführung gelangt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

Der Exosuit : Was uns nach den E-Tretrollern erwartet

Noch hat sich Deutschland nicht an die E-Tretroller gewöhnt, da kommt schon die nächste Innovation aus Amerika: Die E-Buxe könnte den Straßenverkehr revolutionieren oder noch mehr belasten. Eine Glosse.

Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.
Amerikas Botschafter Richard Grenell kritisiert eine neue EU-Verordnung zu Medizinprodukten.

F.A.Z. exklusiv : Richard Grenell kritisiert neue EU-Verordnung

Die EU sorgt mit neuen Verordnungen für Medizinprodukte für neuen bürokratischen Aufwand. Der amerikanische Botschafter Grenell meint: „Viele werden sich für die Patienten nicht positiv auswirken.“ Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.