https://www.faz.net/-gqe-7lcgj

Davos : Großes Kino in den Bergen

  • -Aktualisiert am

In Erinnerung bleibt Breuer jedoch durch sein folgenschweres Interview mit dem Fernsehsender Bloomberg zum Fall des schlingernden Medienzaren Leo Kirch. „Was alles man darüber hören und lesen kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“. Nichts in seinem Berufsleben wird Breuer so bereut haben wie jene Aussage auf dem WEF. Dass sie dort zunächst keine riesigen Wellen schlug, hängt wohl damit zusammen, dass deutsche Teilnehmer auf den Fluren des Waldorf-Astoria-Hotels ebenfalls in diesem Tenor tuschelten.

Keine Stätte der Konfrontation

Im Gefolge des Terroraktes von 2001 hatte Schwab „Davos“ in die leidgeprüfte Stadt verlegt. Mit diesem Zeichen der Solidarität hatte er wie so oft das richtige Gespür bewiesen für das, was die Welt bewegt und wie das WEF dem Ausdruck verleihen konnte. New York sollte allerdings eine Episode bleiben, auch wenn hinter den Kulissen offenbar um die Verlegung des großen Prominentenauftriebs aus der Schweiz nach Amerika gerungen wurde. Das Original kann nicht einfach kopiert werden. In New York war die Gefahr der Zersplitterung zu groß: Zu viele Spitzenmanager nutzten den Anlass für Zusammenkünfte in ihrer amerikanischen Tochtergesellschaft und blieben den offiziellen Veranstaltungen fern.

Auf dem WEF im Januar 2001 lag einer meiner Termine in einem abgeschiedenen Hotel zweiter Klasse. Am Eingang empfingen mich zwei finster dreinblickende Sicherheitsleute und geleiteten mich in einen ähnlich düsteren Raum mit niedrigen Temperaturen. Dort saß Michail Chodorkowskij, Chef des Ölkonzerns Yukos und einer der reichsten Männer Russlands. Angesichts seiner Macht und seiner grimmigen Umgebung stach seine äußerliche Zurückhaltung, ja fast schon Schüchternheit umso mehr hervor.

Treffen mit Chodorkoskij

Chodorkowskij breitete nach der Krise seines Landes und auch seines Unternehmens zwei Jahre zuvor seine Expansionspläne aus, welche die starke Einbindung westlicher Experten beinhalteten. Zwei Jahre später kam das Ende aller Pläne, Kreml-Herrscher Wladimir Putin warf Chodorkowskij wegen dessen politischer Ambitionen ins Gefängnis. Erst kurz vor Weihnachten 2013 kam er frei. Den Flug in die Freiheit organisierte übrigens der Unternehmer und WEF-Veteran Ulrich Bettermann.

Chodorkowskij könnte auf dem diesjährigen Forum sicher viel über Macht und Machtmissbrauch erzählen. Er wird kaum wollen. Schwab dürfte gleichfalls nicht an eine Einladung denken. Davos ist nicht als Stätte der Konfrontation gedacht. Eher ist die Stadt in den Bergen ein Ort unerwarteter Begegnungen. Auf einem kurzfristig abgesagten Termin lernte ich 2003 einen Amerikaner kennen, der gleichfalls vergeblich erschienen war. Bei einer Tasse Kaffee entpuppte er sich als Sicherheitsfachmann und erläuterte mir die Pläne der Amerikaner im Irak. Die Visitenkarte wies den Mann als Paul Bremer aus. Eineinhalb Monate später marschierten die Amerikaner im Irak ein, und im Mai wurde meine Zufallsbekanntschaft Bremer dort zum Zivilgouverneur ernannt.

Helmut Kohl trifft Hans Modrow, Nelson Mandela trifft F.W. de Klerk

Schwab wird nicht müde, das WEF als Katalysator für Veränderungen zu preisen. Die Wucht der Globalisierung hat er frühzeitig erkannt und deren Kritiker erfolgreich in der Bürgerveranstaltung „Open Forum“ eingebunden, welche parallel zum offiziellen Stelldichein läuft. 1999 stießen UN-Generalsekretär Kofi Annan und er in Davos die Sozialcharta UN Global Compact an. Klar ist: Neue Ideen können fast nirgendwo so breit diskutiert und effektvoll propagiert werden wie in Davos. Gut erinnerlich sind die Debatten über das Konzept der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Schwab nimmt für das WEF in Anspruch, dass dort die Idee regelmäßiger Treffen der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt, der sogenannten G20, geboren wurde.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

Schwäche der EU? : Boris Trump

Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.