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Davos : Die Sorge um Europa ist verflogen

Axel Weber Bild: AFP

In Davos herrscht leichte Zuversicht über die europäische Wirtschaft. Aber es gibt auch mahnende Stimmen. Der ehemalige Bundesbank-Präsident Weber sagt: „Der Aufschwung fühlt sich besser an, als er ist.“

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          Ken Rogoff fühlte sich etwas unwohl. „In den vergangenen Jahren hatte ich in Davos betont, dass die Krise in Europa sehr schlimm sei. Damals versuchten Europäer zu erzählen, die Krise sei gar nicht so arg“, erinnerte sich der bekannte amerikanische Harvard-Professor. „Heute bemühen sich Europäer, die Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu relativieren. Nun bin ich in der Situation, dass ich vor zu viel Pessimismus warnen möchte.“ Vorausgegangen war auf dem Weltwirtschaftsforum eine Debatte, die sich mit der Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufschwungs in Europa befasste. Schließlich soll die europäische Wirtschaft in diesem Jahr wieder, wenn auch langsam, wachsen. Und die Finanzmärkte sehen Europa heute positiver als vor einem Jahr.

          Die Furcht vor schweren Verwerfungen ist gebannt

          „Die große Unsicherheit, die in den vergangenen Jahren aus den denkbaren Folgen eines Zusammenbruchs der Eurozone existierte, ist heute nicht mehr da“, befand Martin Sorrell, der Vorstandsvorsitzende der internationalen Werbeagentur WPP. Aber einen wirklichen wirtschaftlichen Aufschwung sehe er nur in Deutschland, Großbritannien und in Osteuropa. Dagegen sei die Arbeitslosigkeit in einigen west- und südeuropäischen Ländern erschreckend.

          „Der Aufschwung fühlt sich besser an, als er ist“, sagte Axel Weber, der Verwaltungsratsvorsitzende der schweizerischen Großbank UBS. Weber konzedierte, dass unter anderem die Geldpolitik dazu beigetragen habe, die Furcht vor schweren wirtschaftlichen Verwerfungen zu bannen. Aber der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank ist nach eigener Auskunft nicht sicher, dass die aktuelle Ruhe an den Finanzmärkten Bestand haben wird. Neue Turbulenzen könne er sich unter anderem nach den Europawahlen im Frühjahr und im Anschluss an die Überprüfung der Aktiva großer europäischer Geschäftsbanken durch die Europäische Zentralbank (EZB) vorstellen.

          Strukturreformen sind unabdingbar

          Auch Sorrell sagte, er wolle nicht darauf vertrauen, dass es in Europa ruhig bleibe. Mit Blick auf die auf dem Weltwirtschaftsforum herrschende leichte Zuversicht über die Perspektiven der europäischen Wirtschaft sagte er: „In der Vergangenheit waren die Davoser Prognosen im Nachhinein nicht sehr gut.“ Alle Teilnehmer der Veranstaltung hielten Strukturreformen in Europa für unabdingbar, um das Potential für mehr Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zu steigern. Eine Wachstumsrate von einem Prozent sei nicht ausreichend, um einen deutlichen Abbau der Arbeitslosigkeit herbeizuführen, stellte Weber fest.

          Warum der Euro an den Devisenmärkten eher stark als schwach sei, wenn Europa im Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen wie den Vereinigten Staaten schlechtere langfristige Perspektiven habe, wollte ein Zuhörer der Podiumsdiskussion wissen. Weil die EZB nur an die Inflationsrate denke, die Fed in Washington aber vor allem an den Arbeitsmarkt, antwortete Giuseppe Recchi, der Präsident des italienischen Energieversorgers Eni. Weber sagte voraus, dass der Dollar auf mittelfristige Sicht gegenüber dem Euro aufwerten könnte, weil die Fed ihre Geldpolitik früher als die EZB straffen werde.

          „Es ist klar, dass wir bei einem Wechselkurs von 1,10 Dollar für einen Euro anders über die wirtschaftlichen Aussichten Europas reden würden“, räumte Rogoff ein, der die Schaffung des Euro als einen „schweren historischen Fehler“, weil verfrüht, bezeichnete. Prognosen über Wechselkurse traue er sich nicht zu. Aber man solle Europa bei allen Problemen auch nicht unterschätzen. „In der Qualität von Institutionen und Eigentumsrechten sind die Europäer manchen Schwellenländern mehrere Jahrzehnte voraus.“ Und da stimmte auch Giuseppe Recchi zu.

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