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Davos-Kommentar : Die Not zur Tugend machen

  • -Aktualisiert am

Sicherheitsaufgebot für das Treffen der Elite in den Schweizer Bergen. Ein bewaffneter Wachmann im Schnee-Camouflage-Outfit (Archivbild) Bild: AFP

Das Weltwirtschaftsforum bekommt einen Korb nach dem anderen: zuletzt aus Washington. Das ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Mehr Konzentration kann der Veranstaltung nutzen.

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          Das wird mal ein ganz anderes Weltwirtschaftsforum in Davos, denn unverhofft ist so manches Bett im überbuchten Ort wieder frei geworden: Aus Amerika werden keine Politiker da sein, der Haushaltsstreit zeigt seine Wirkung. Präsident Donald Trump, der selbst schon vor einigen Tagen seine Reise in die Schweiz abgesagt hatte, will nun aus Solidarität mit den 800 000 „großartigen“ Angestellten, die derzeit nicht bezahlt werden, auch keine Minister in die Berge schicken. Emmanuel Macron, sein Kollege aus Frankreich, hat ebenfalls zu viel Stress im eigenen Land und reist nicht an. Theresa May, der britischen Premierministerin, geht es nicht besser.

          Damit leidet die Veranstaltung in Davos in diesem Jahr so sehr wie noch nie unter politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die gerade mit ihrer Hilfe eigentlich überwunden werden sollen: Staaten ziehen sich auf sich selbst zurück, kämpfen im Innern mit gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Anpassungsproblemen, finden keine überzeugenden Antworten auf die Herausforderungen der Migration. Es folgen: Gelbe Westen in Frankreich, ein Brexit-Chaos in Großbritannien und die längste Haushaltssperre in den Vereinigten Staaten aller Zeiten – wegen des Streits um Grenzschutzanlagen zu Mexiko.

          Das alles kann Klaus Schwab, dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, und seinen Gästen nicht lieb sein. Die Veranstaltung wird durch die Abwesenheiten in diesem Jahr eindeutig entwertet. Und doch wird es spannend sein, wie die verbleibenden Teilnehmer auf die Situation reagieren werden. Aus Amerika reist schließlich nach wie vor eine große Delegation von Unternehmensvertretern an. Sie werden analysieren und kommentieren. Auch aus Europa kommen noch ausreichend Politiker, um die Lage der Europäischen Union zu bewerten.

          Wie stets werden sich Finanzfachleute über die Lage der Märkte beugen und hoffentlich erhellende Schlüsse daraus ziehen. Einige Wirtschaftsvertreter wiederum, die möglicherweise von Donald Trump zum Abendessen eingeladen worden wären, müssen sich in diesem Jahr keine Sorgen darüber machen, sich zu dem Anlass in aller Öffentlichkeit falsch zu verhalten oder auch nur wegen eigener zu großer Arglosigkeit missverstanden zu werden. Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser musste da im vergangenen Jahr so seine Erfahrungen machen.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump auf dem WEF 2018 zu Tisch mit ausgewählten Unternehmenschefs. Direkt an seiner Seite: Joe Kaeser von Siemens

          So bleibt die Hoffnung, dass die ohnehin viel zu aufgeregte und selbstreferentielle Veranstaltung in den Bergen (eine Entwicklung übrigens, die auch den Veranstaltern gar nicht besonders lieb sein dürfte) etwas konzentrierter ans Werk gehen kann. Gerne darf sich die vermeintliche Elite im Lichte der Absagen etwas weniger elitär geben. So muss sie nicht die ganze Zeit vor Aufregung vibrierend auf die Rede von Trump warten, kann dem neuen Präsidenten Brasiliens besser zuhören, vielleicht auch den Italienern oder der deutschen Bundeskanzlerin. Man kann sich intensiver damit auseinandersetzen, wie die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Herausforderungen wie Digitalisierung und Klimawandel reagieren sollten.

          Und wer dabei in Davos auf gute Ideen kommt, hat dafür die Anwesenheit der ganz großen Politik noch nie gebraucht. Davos hat dort seine faszinierenden Momente, wo die Eitelkeit hinten ansteht – und Menschen miteinander kluge Gedanken auf Augenhöhe austauschen. Also, auf nach Davos.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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