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Weltwirtschaftsforum : Die breiten Massen bleiben zurück

Der technische Fortschritt löst auch Ängste aus Bild: dpa

Gesellschaften driften auseinander: Während in informierteren Schichten Optimismus herrscht, sind andere systemkritischer und skeptischer denn je, zeigt eine neue Studie. Auch in Deutschland.

          Das Weltwirtschaftsforum ist naturgemäß ein Treffen von Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn in diesen Tagen mehr als 3000 Teilnehmer in den Schweizer Bergen zusammenkommen, um sich über Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft Gedanken zu machen, steht eine Mahnung mehr denn je im Raum: Vergesst die normalen Menschen nicht! Denn wie eine Umfrage zeigt, grassiert rund um die Welt ein gefährlicher Trend: Die Vertrauensschere zwischen einer informierten und der breiten Öffentlichkeit geht immer weiter auseinander.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Dieser Befund stammt aus dem „Edelman Trust Barometer“, einer Umfrage unter rund 33.000 Personen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren aus 27 Ländern. Sie wurde zum 19. Mal durchgeführt und hat mit halbstündigen Online-Interviews das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen gemessen. Edelman ist eine in Amerika gegründete Kommunikationsagentur mit einem internationalen Netzwerk, welches die Ergebnisse der Umfrage auch für die Arbeit mit ihren Kunden nutzt.

          Für alle Länder hat sich der Vertrauensindex bei 52 Punkten stabilisiert. In Deutschland stieg der Wert um drei auf 44 Punkte, womit ein jahrelanger Abwärtstrend beendet ist. Leicht gewachsen ist das Zutrauen der Menschen in die Wirtschaft, in Nichtregierungsorganisationen und die Medien. Den Rückgang für die deutsche Politik um 3 Punkte auf 40 Prozent der Befragten bezeichnen die Autoren allerdings als „besorgniserregend“. Im Ländervergleich rutscht Deutschland damit von Platz 19 auf 21 ab.

          Auch das verstärkte Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Gruppen finden die Autoren alarmierend. International betrachtet, beträgt der Vertrauensindex in Institutionen der informierten Öffentlichkeit 64 Punkte, während die breite Öffentlichkeit nur auf 50 Punkte kommt. Die Lücke ist mit 16 Punkten so groß wie selten zuvor.

          Dieser Trend gilt für rund zwei Drittel der untersuchten Länder. Am größten fällt der Unterschied mit 24 Punkten in Großbritannien aus, jenem Land, das mit dem Ausstieg aus der EU ringt. Aber auch Kanada als Land mit einer traditionell egalitären Bevölkerung weist eine Lücke von 20 Zählern auf. Als informierte Öffentlichkeit werden Personen bezeichnet, die über einen Hochschulabschluss verfügen, ein überdurchschnittliches Einkommen beziehen sowie regelmäßig und in höherer Frequenz Medien und Nachrichten konsumieren. Aus dieser Gruppe wurden 6000 Personen befragt.

          Für Deutschland zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Akademiker kommen auf einen Wert von 60, die breite Masse auf 42 Punkte. Höher als diese 18 Punkte war der Abstand in Deutschland noch nie. Es sei den Institutionen gelungen, die informierte Öffentlichkeit zurückzuholen, sagt Ernst Primosch, zuständig für das Deutschland-Geschäft von Edelman. „Die breite Öffentlichkeit bleibt zurück“, warnt er aber auch. „Hier muss die Kommunikation verbessert werden, um die Unterstützung der Mehrheit nicht zu verlieren.“

          Das schlägt sich auch in den Zukunftserwartungen der Menschen nieder. Denn obwohl Deutschland seit rund zehn Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der die Beschäftigung auf einen Höchst- und die Arbeitslosigkeit auf einen Tiefststand gebracht hat, erwarten viele Befragte nichts Gutes von der Zukunft. Nur rund jeder Vierte (26 Prozent) aus der breiten Öffentlichkeit glaubt, dass es ihm und seiner Familie in den kommenden fünf Jahren besser gehen wird. Unter den Akademikern sind es 38 Prozent, die glauben, dass die Zukunft für sie mehr Wohlstand parat hält.

          Immer mehr Menschen glauben damit, dass das gesellschaftliche System für sie nicht funktioniert. „Wenn wir es nicht schaffen, die Menschen von einer positiven Zukunft zu überzeugen, dann haben wir ein großes soziales und demokratisches Problem“, sagt Primosch.

          Angst vor Technik

          Dieser Pessimismus ist kein deutsches Phänomen, in anderen Ländern sind die Werte ähnlich niedrig. Eine große Rolle spielt dabei die Sorge vor Arbeitslosigkeit. Als Gründe dafür wurden oft Befürchtungen genannt, in Zukunft nicht mehr über die benötigten Fähigkeiten zu verfügen (59 Prozent) oder durch Automation und Innovation ersetzt zu werden (55 Prozent). Das Tempo des technischen Fortschritts beschäftigt viele: Mehr als die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass diese Veränderungen zu schnell voranschreiten. Nur jeder Fünfte findet, dass es noch schneller gehen müsse.

          Die Folgen der Digitalen Revolution spielen auch in Davos eine große Rolle. Entgegen früherer Prognosen – auch des Weltwirtschaftsforums – kam es bislang durch Digitalisierung und Automatisierung jedoch noch nicht zu Massenarbeitslosigkeit und Verwerfungen an den Arbeitsmärkten. Länder mit sehr hoher Dichte von Industrierobotern (Japan, Deutschland, Vereinigte Staaten) weisen sogar die niedrigsten Arbeitslosenquoten unter den klassischen Industrieländern auf.

          Dennoch gehen viele Beobachter davon aus, dass sich die Anforderungen am Arbeitsmarkt aufgrund von Innovationssprüngen etwa durch Künstliche Intelligenz erheblich verändern werden. „Zwei Drittel der Schüler werden in Jobs arbeiten, die heute noch gar nicht erfunden sind“, sagt etwa Charles-Édouard Bouée voraus, der Vorstandsvorsitzende der Beratungsgesellschaft Roland Berger. „Digitalisierung wird neue Jobs schaffen, aber wir müssen heute die Voraussetzung dafür schaffen, dass sie bei uns entstehen.“

          Regeln für die Digitalisierung

          Außerdem spielt in Davos die Frage nach Regeln und Normen für die Digitalisierung eine große Rolle. Die Datenskandale um Facebook und Wahlmanipulationen hatten im vergangenen Jahr laut Edelman-Barometer das Vertrauen in Soziale Medien drastisch untergraben. Die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg kündigte gerade an, der Konzern werde künftig seine Bemühungen und Ausgaben deutlich erhöhen, um etwa politische Manipulationen zu verhindern.

          Für Roland-Berger-Chef Bouée liegt hier für die Politik sogar eine große Möglichkeit, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen: „Wenn wir den Zugang zu Künstlicher Intelligenz regulieren und demokratisieren, geben wir den Menschen die Kontrolle über ihre Daten zurück. Das schafft neues Vertrauen, von dem alle profitieren: Individuen, Industrien und Institutionen.“

          Auch wenn die Chefs aus dem Silicon Valley öffentlich gerne betonen, dass sie die Botschaften verstanden haben und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben – sie werden auf diesem Weg noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn wie im Vorjahr fallen sie im Vergleich mit klassischen Medien deutlich zurück. Während Zeitungen, Radio und Fernsehen und die dazugehörigen Internetmarken immerhin das Vertrauen von 68 Prozent der Befragten genießen, kommen Facebook & Co. auf weniger als die Hälfte (32 Prozent).

          „Die Spielregeln ändern sich aktuell, die Prinzipien guter Kommunikation bleiben“, sagt Edelman-Manager Primosch. Daran wird sich seiner Einschätzung nach auch nichts ändern. „Entscheidend ist und bleibt nicht der Kanal, sondern der Absender.“ Dass der Bedarf nach solider Einordnung in einer Welt, die viele Menschen als zunehmend komplexer empfinden, vorhanden ist, zeigen diese Zahlen: Der Wunsch nach mehr Informationen hat global um volle 22 Prozentpunkte zugelegt, in Deutschland um 18 Punkte.

          Ein Schwerpunkt des diesjährigen Barometers bilden die Arbeitsbeziehungen. Dabei kam heraus, dass über alle Länder hinweg drei Viertel der Befragten ihrem Arbeitgeber vertrauen (für Deutschland sind es 73 Prozent). Auffällig ist, dass dieser persönliche Wert um 19 Punkte über dem Vertrauen in die Wirtschaft allgemein liegt. Der eigene Arbeitgeber wird also als vertrauenswürdiger eingeschätzt als der gesamte Markt.

          Das gilt auch für die handelnden Personen. In Deutschland halten 39 Prozent der Beschäftigten ihren Vorstandschef oder Geschäftsführer für glaubwürdig. Mehr als die Hälfte der Befragten hält andere Mitarbeiter für eine der glaubwürdigsten Informationsquellen.

          Damit deutet sich eine leicht veränderte Wahrnehmung der Unternehmen an. Diese waren in den vergangenen Jahren durch Skandale und Krisen – etwa in der Banken- oder der Autobranche – erheblich in Verruf geraten. Nun verlangen drei von vier Befragten, dass Manager Führung bei der Veränderung übernehmen und nicht darauf warten, dass die Regierung sie durchsetzt. Vorstandsvorsitzende müssten mehr Kontur zeigen, fordert Primosch. „Haltung wird zum Imperativ.“

          Über die Einmischung von Managern in politische und gesellschaftliche Debatten gehen die Meinung auseinander. Viele Vorstandschefs halten sich mit zugespitzten Äußerungen zurück, weil ihnen diese schnell auf die Füße fallen können. Wer sich einmischt, wie etwa Siemens-Chef Joe Kaeser mit seinen kritischen Äußerungen zur AfD, bewegt sich auf dünnem Eis.

          Seine umstrittenen Reisepläne zu einem Wirtschaftsgipfel nach Saudi-Arabien kurz nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi gab Kaeser erst nach harscher Kritik und Druck aus der Politik auf. Dennoch: Gerade weil Unternehmen an der Vertrauensspitze stehen, kommt ihnen enorme Bedeutung zu, findet Primosch. „Richtig genutzt, wird Vertrauen zum Wettbewerbsvorteil.“

          Nichts Gutes über Lehman

          Wie lange es dauert, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und aus den negativen Schlagzeilen herauszukommen, zeigt eine andere Untersuchung, die ebenfalls in Davos vorgestellt wird. Das Schweizer Unternehmen Media Tenor untersuchte dafür, wie über Unternehmen und Branchen in den Medien berichtet wird. Am Beispiel der Banken zeigt sich, dass die Branche auch zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise vorwiegend für negative Schlagzeilen sorgt.

          Interessant ist, dass sich die Informationstechnologie nach den Skandalen und Aufregern der vergangenen Jahre den Banken rasant annähert. In der Einzelauswertung zeigt sich, dass nur wenige Finanzinstitute überwiegend positiv dargestellt werden, so wie etwa der Münchner Dax-Neuling Wirecard. Auch die amerikanischen Großbanken kommen – wohl auch durch ihre astronomischen Gewinne jedes Quartal – meist gut weg. In Deutschland kann das noch die DZ Bank behaupten.

          Am Ende der Skala mit überwiegend schlechten Erwähnungen finden sich die Deutsche Bank, die Raiffeisenbank Schweiz sowie die mit Geldwäsche-Vorwürfen kämpfende Danske Bank. Und über das Schlusslicht Lehman gibt es wahrlich nicht mehr viel Gutes zu berichten.

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