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In Davos : Darum ist das WEF Zielscheibe von Verschwörungsmythen

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Gut bewacht: Das Weltwirtschaftsforum wird von vielen Sicherheitskräften geschützt auch in diesem Jahr. Bild: AP

Das Treffen der Eliten in den Alpen ist zurück. WEF-Gründer Klaus Schwab steht im Zentrum von Falschbehauptungen. Die Corona-Pandemie hat diesen neuen Aufschwung verliehen.

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          Das Weltwirtschaftsforum (WEF) ist zurück im alten Rhythmus: Nach drei Jahren findet das 53. Treffen im Schweizer Bergort Davos erstmals wieder im Januar statt. Seit Montag, 16. Januar, kommen in den Alpen für fünf Tage die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen.

          Über kaum ein anderes Treffen ist so viel Desinformation im Umlauf, teils gezielt gestreut von Verschwörungsanhängern. Ein Zusammentreffen der Eliten – für manche reicht allein das schon, das Weltwirtschaftsforum zu einer Art Zentrum des Bösen zu verunglimpfen. „Große ökonomische Zusammenschlüsse wie das Weltwirtschaftsforum sind gerne Projektionsflächen für Verschwörungserzählungen, weil dort verschiedenste Menschen mit Macht zusammenkommen, um sich auszutauschen“, sagt Politikwissenschaftler Jan Rathje vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Das CeMAS untersucht Radikalisierungstendenzen und Verschwörungserzählungen im Netz.

          WEF-Gründer Klaus Schwab

          Im Fokus der Desinformation steht der deutsche WEF-Gründer Klaus Schwab. Dieser hatte das Weltwirtschaftsforum im Jahr 1971 gegründet und ist bis heute Vorsitzender desselben (im Englischen: WEF für World Economic Forum). „Die Personifizierung einer Verschwörungstheorie passt in das Weltbild von Gut und Böse“, sagt Psychologin Lotte Pummerer vom Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

          Die Corona-Pandmie hat den Falschbehauptungen noch mal Aufschwung verliehen. 2020 stellte Schwab die Initiative „The Great Reset“ und sein fast gleichnamiges Buch vor. Darin betrachtet er die Pandemie als Chance, Gesellschaften und die globale Wirtschaft gerechter, sozialer und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. So weit die Fakten.

          Klaus Schwab hat das Weltwirtschaftsforum gegründet.
          Klaus Schwab hat das Weltwirtschaftsforum gegründet. : Bild: dpa

          Verschwörungsanhänger sehen im „Great Reset“ einen finsteren Plan von Menschen, die sich bei Treffen wie dem Weltwirtschaftsforum beraten, um die Welt grundsätzlich nach ihren verschwörerischen Vorstellungen zu verändern, gegen den Willen der „normalen“ Bevölkerung. Zu diesem Zweck sollen sie dem Verschwörungsmythos zufolge die Pandemie absichtlich herbeigeführt haben.

          Der Verschwörungsmythos um den „Great Reset“

          Ein gefälschter Twitter-Account verkündete damals unter Schwabs Namen, dass bei Engpässen nur Geimpfte Lebensmittelpakete bekämen. Eine frei erfundene Aussage. Mal wird seinem Vater eine Vergangenheit als Vertrauter Adolf Hitlers angedichtet, mal soll der Wirtschaftswissenschaftler Teil der Bankiersfamilie Rothschild sein – eine antisemitische Chiffre für vermeintlich im Verborgenen agierende jüdische Machthaber.

          Glaubt man dieser Lüge einer erzwungenen Umgestaltung der Welt, werden diverse Aspekte dementsprechend umgedeutet: Aus einem Appell, Fahrzeuge öfter mal zu teilen, bekannt als „Sharing Economy“, wird die Lüge, das WEF wolle Privatautos verbieten. Hierzu hat die dpa einen Faktencheck veröffentlicht. In einem WEF-Aufnäher auf der Uniform von Schweizer Polizisten sehen Verschwörungsanhänger den Beleg, dass das Wirtschaftstreffen seine eigene Polizei besäße, ganz wie ein Staat. Die Organisation soll angeblich auch gefordert haben, Millionen Hunde und Katzen weltweit zu töten. Ziel sei es, den CO₂-Fußabdruck des Fleischkonsums der Tiere zu verringern und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Auch diese Falschbehauptung hat die dpa als solche entlarvt.

          Alles nur Spinnerei, so amüsant wie harmlos? Keinesfalls. Solche teils abstrusen Vorstellungen können reale Folgen haben. „Wir haben in der Forschung gesehen, dass Verschwörungstheorien zu einem stärkeren Misstrauen in Politik und in andere Menschen führten“, sagt Pummerer. „Verschwörungsanhänger haben auch weniger Vertrauen in andere Menschen und halten sich seltener an soziale Normen. Das hat Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

          Die Fakten zum Weltwirtschaftsforum in Davos

          Daher kommen hier die Fakten zum Weltwirtschaftsforum in Davos: Das 53. jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums findet vom 16. bis zum 20. Januar 2023 in Davos (Schweiz) statt. Wegen der Pandemie gab es im Jahr 2021 kein physisches Treffen, im vergangenen Jahr fand die Veranstaltung in reduziertem Umfang im Mai statt. Doch auf Drängen der zahlenden Mitglieder ist das Forum für seine 53. Auflage wieder an den Jahresanfang gerückt.

          Das diesjährige Motto lautet „Kooperation in einer fragmentierten Welt“. Angesichts von gewaltigen Herausforderungen wie Krieg, Pandemie, Inflation und Klimaschutz fühlten sich derzeit „viele Entscheidungsträger überfordert von der Komplexität“.

          Rund 2700 Menschen aus 130 Ländern nehmen am Weltwirtschaftsforum 2023 teil. Erwartet werden mehr als 600 Vorstandsvorsitzende sowie 52 Staats- und Regierungschefs – so viele wie noch nie.

          Sie wollen über Lösungen für internationale Probleme diskutieren. Im Mittelpunkt werden wie im vergangenen Jahr wohl der Krieg in der Ukraine und seine weltwirtschaftlichen Auswirkungen stehen. An Problemen mangelt es derzeit nicht: Energie- und Klimakrise, hohe Inflation und drohende Rezession, gestörte Lieferketten und die Corona-Pandemie, vor allem in China.

          Allerdings fehlen große Namen. Eine kurzfristige Teilnahme von US-Präsident Joe Biden gilt als unwahrscheinlich, stattdessen wird sein Sondergesandter für das Klima, John Kerry, in Davos erwartet, ebenso der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. Auch der chinesische Staats- und Regierungschef Xi Jinping wird nicht anwesend sein, er schickt Vizepremier Liu He. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will sich per Video zuschalten.

          Auch der französische Präsident und der britische Premierminister bleiben dem Treffen fern. So ist Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der namhafteste westliche Spitzenpolitiker. Ihn begleiten mehrere Kabinettsmitglieder wie Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP).

          Mit von der Partie sind auch EZB-Chefin Christine Lagarde, EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer und der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Mindestens 100 Milliardäre werden erwartet sowie Vertreter von JP Morgan, Goldman Sachs, Blackrock, Citigroup und Morgan Stanley. Aber kein russischer Oligarch wird nach Davos reisen.

          Die große Zahl von 56 Finanzministern und 19 Notenbankchefs lässt auf intensive Diskussionen zur Inflation schließen. Außerdem erwartet WEF-Präsident Børge Brende spannende Gespräche zwischen US-Handelsdelegierten und Vertretern der Europäischen Union über das milliardenschwere Investitionsprojekt „Inflation Reduction Act“. „Die Industriepolitik ist zurück“, stellt der Norweger fest. Wichtig sei, dass es dabei faire Regeln gebe.

          Sachliche Kritik nicht als Verschwörungsglauben abtun

          Doch nicht jeder Unmut über das Weltwirtschaftsforum ist gleich ein Mythos. „Es ist wichtig, zwischen Verschwörungsideologien und Kritik zu unterscheiden“, sagt Politikwissenschaftler Rathje. Kritik an den Herrschenden und Mächtigen sei wichtig für liberale Demokratien. Sie dürfe aber die Komplexität von Ereignissen nicht so weit reduzieren, dass es sich nur um eine Verschwörung von Eliten handeln könne.

          Verschneites Zentrum des WEF:  das Kongresscenter in Davos
          Verschneites Zentrum des WEF: das Kongresscenter in Davos : Bild: AP

          „Es ist ein Kern von Verschwörungstheorien, dass Handlungen immer von böswilliger Absicht bestimmt gesehen werden“, sagt Psychologin Pummerer. „Das unterscheidet sie von sachlicher Kritik, die auf Fakten fußt und Veränderung herbeiführen möchte.“

          Das Panorama dürfte ebenfalls stimmen: Auf 1500 Meter Höhe liegt endlich wieder Schnee in Davos.

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