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Weltwirtschaftsforum : Davos und der Anfang vom Ende

  • -Aktualisiert am

Der Präsident und Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab Bild: AP

Den Menschen fehlt es an Vertrauen und Übersicht. Sie warten auf ein Zeichen der Besserung. Ein Zeichen, das ihnen die in Davos versammelte Elite aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur geben könnte.

          3 Min.

          Vertrauen ist der Anfang von allem. Fehlendes Vertrauen ist der Anfang vom Ende. In den neunziger Jahren konnte die Deutsche Bank unwidersprochen mit dem Werbespruch vom Vertrauen werben, dem ein Anfang innewohne. Denn die Kunden waren damals noch bereit dazu, der Bank Vertrauen zu schenken. Das kann die Bank durch ihr unglaubliches Fehlverhalten in den vergangenen Jahren heutzutage vergessen, was schon schlimm genug ist. Noch unerfreulicher aber ist es, dass sich diese Feststellung auf die meisten anderen Akteure in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft übertragen lässt.

          Heißen die Politiker nicht Angela Merkel, vertrauen ihnen die meisten Menschen nicht mehr. Ist das Unternehmen kein solider Mittelständler, wird ihm nicht über den Weg getraut – und dem angestellten Vorstandsvorsitzenden sowieso nicht. Handelt es sich um eine Bank, sehen die Dinge besonders schlimm aus. Die Kommunikationsabteilungen kämpfen auf verlorenem Posten: Die Menschen und die Strategie, die sie vermitteln sollen, kommen nicht an oder interessieren niemanden mehr. Und die kritische Wahrnehmung der Medien, die über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft berichten, hat in Deutschland soeben dafür gesorgt, dass „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres wurde.

          Geht das so weiter, werden die Dinge nicht gut: Die Vertrauenskrise in Politik und Wirtschaft ist in ihren heutigen Ausmaßen schon seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 spürbar. Seither haben sich die Einstellungen zu Managern oder Politikern kaum verbessert. In Deutschland mischt sich die Verunsicherung zudem mit Innovationsfeindlichkeit. Neuen Techniken stehen die Menschen in einem Land, in dem man kaum noch jemandem traut, besonders skeptisch gegenüber – erst recht dann, wenn sie vermeintlich oder tatsächlich die Umwelt belasten. Das Neue wird von Skepsis begleitet. Wenn es in der Nahrungsmittelindustrie (Gentechnik) oder in der Energieerzeugung (Fracking) zum Tragen kommen soll, ist das jeweilige Unternehmen chancenlos. Neues wird nur dann akzeptiert, wenn es hohen persönlichen Nutzen stiftet, zum Beispiel ein Smartphone. Dann sind auch Bedenken zum Datenschutz nicht mehr so wichtig. Je mehr Zeit und Ressourcen aber investiert werden müssen, bevor sich ein wahrnehmbarer Nutzen abzeichnet, desto kritischer werden die Menschen. Auch Fortschrittsglaube könnte Vertrauen stiften, von kaum etwas aber sind die Menschen in Deutschland weiter entfernt.

          Welt wird immer unübersichtlicher

          Hinzu kommt, dass sich die Welt ja auch tatsächlich immer schneller verändert und unübersichtlicher wird: Konzerne werden immer größer. Waren, die man kauft, kommen aus aller Herren Länder, über die Bedingungen, unter denen sie entstehen, weiß man wenig. Die Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche sorgt für eine nie dagewesene Verdichtung des Arbeitslebens, in dem durch einen nahenden Automatisierungsschub viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Über die Frage, wie die Dividende aus dieser Automatisierung verteilt werden wird, diskutieren bisher allenfalls Intellektuelle. Auch politisch werden die Dinge seit dem Fall des Eisernen Vorhangs immer komplizierter: Es gibt Krisen, wohin man schaut – zwischen Russland und der Ukraine, in Syrien, im Irak, im Südchinesischen Meer. Den Amerikanern aber, der entmachteten Weltpolizei, traut man noch nicht einmal mehr zu, dass sie dazu in der Lage sind, mit Europa ein faires Handelsabkommen zu schließen. Manche hingegen finden, dass Russland ungerecht behandelt werde. Deutsche ziehen derweil als Kämpfer in einen Terrorkrieg im Nahen Osten, andere demonstrieren gegen eine Überfremdung der Heimat.

          In Zeiten solcher Irrungen und Wirrungen treffen sich einmal wieder all jene, denen man nicht mehr traut, zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Reaktionen darauf sind seit Jahren kalkulierbar: Außer Spesen nichts gewesen, ein Ort für Fensterreden, zur Geschäftsanbahnung, ein Zirkus der Eitelkeiten, gewiss kein Treffen, das dazu geeignet wäre, den Zustand der Welt zu verbessern. Es ist ja wahr: Reiche Menschen zahlen hier einem gutsituierten Veranstalter und gierigen Hoteliers zu viel Geld, um dabei zu sein. Und es geschieht ihnen recht, dass sie nun noch 20 Prozent mehr zahlen müssen als geplant. Denn die Schweizer mussten die Bindung ihrer Währung an den Euro aufgeben, weil die Europäische Zentralbank seit Jahren der Euro-Krise nicht Herr wird. EZB-Präsident Mario Draghi bleibt dieses Mal lieber gleich zu Hause, um den Kauf von Staatsanleihen vorzubereiten, der das Problem auch nicht lösen wird. Das aber ist ein zu kleiner Teil der Wahrheit.

          Nirgendwo sonst treffen auf so engem Raum so viele Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur aufeinander, um über den Zustand der Welt zu reden. Das ist ein Wert an sich. Man sieht sich, gibt einander die Hand. Was kann es Wertvolleres geben, gerade in einer Welt, in der sich alte Bindungen auflösen? Ein paar Tage Davos sind nicht dazu in der Lage, Maßlosigkeit und Gier von Managern oder Fehlverhalten von Politikern zu heilen. Vertrauen auf Besserung aber muss doch der Anfang von allem bleiben.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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