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Weltwirtschaftsforum in Davos : Viele Reden und ein Occupy-Iglu

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Die Kanzlerin in Davos: In diesem Jahr wird Angela Merkel die Eröffnungsrede halten Bild: Getty

Auf dem Weltwirtschaftsforum treffen die Staats- und Regierungschefs dieses Mal nicht nur auf Manager sondern auch auf Occupy-Aktivisten. In Davos wird viel über das europäische Schuldenelend geredet werden - und über eine besorgniserregende Analyse der Veranstalter.

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          Es gibt in Davos ein Leben neben dem alljährlichen Massenauftrieb des Weltwirtschaftsforums. Das Skizentrum im schweizerischen Kanton Graubünden wurde schon als Kurort weltweit bekannt und ging durch den „Zauberberg“ von Thomas Mann in die Weltliteratur ein. Die höchstgelegene Stadt der Alpen beherbergt zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen, von denen das Zentrum für Schnee- und Lawinenforschung nur das bekannteste ist. Daneben begeistert jedes Jahr der Spengler-Cup die Eishockeyfreunde. Aber jetzt steht Davos schon Tage vor der Eröffnung wieder im Bann des „World Economic Forum“ (WEF). Soldaten ziehen Sicherheitszäune durch den Schnee, die Hoteliers bringen ihre Häuser auf Vordermann und eine Privatvermieterin versuchte, zwei bescheidene Wohnungen für je 15.000 Franken (12.500 Euro) je Woche den spät entschlossenen Teilnehmern der Veranstaltung noch andrehen zu können.

          So viele Teilnehmer wie nie zuvor

          „Davos“ ist schon oft das Ende prophezeit worden: Zu viel Palaver über einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, zu viele wohlfeile Willenserklärungen für eine bessere Welt und zu viel Netzwerkerei von Geschäftemachern lauten die gängigen Vorwürfe. Gleichwohl erwartet WEF-Impresario Klaus Schwab dieses Jahr die Rekordzahl von mehr als 2600 Teilnehmern auf seiner prestigeträchtigen Veranstaltung. Kommen wollen nahezu 40 Staats- und Regierungschefs und als Rückgrat des Forums mehr als 1600 Spitzenmanager aus den 1000 Konzernen, die Mitglieder der Schwab-Unternehmung sind. Ihnen stehen knapp 300 offizielle Veranstaltungen offen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ist angekündigt ebenso wie Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Aus Amerika kommt Finanzminister Timothy Geitner, aus Deutschland sein Amtskollege Wolfgang Schäuble nebst anderen Ressortchefs.

          Aus Deutschland reist auch die Bundeskanzlerin an. Bundespräsident Christian Wulff hat hingegen abgesagt - aus naheliegenden Gründen. Angela Merkel wird wie 2006 die Eröffnungsrede in dem seitdem erweiterten Kongresszentrum halten. Das passt insofern, als die europäische Schuldenkrise neben dem arabischen Frühling und den Wirtschaftsaussichten in den Schwellenländern ein Schwerpunktthema von Davos sein wird. Am Montag nach dem WEF steht schon der nächste EU-Krisengipfel an.

          Soziale Verantwortung als Gebot der Stunde

          Offiziell läuft das Forum in seiner 42. Ausgabe unter dem Titel „Der große Wandel: Entwürfe für neue Modelle“. Schwab sagte hierzu am Mittwoch in Genf, man habe die Lektionen der Finanzkrise 2009 nicht gelernt. Der Kapitalismus passe in der aktuellen Form nicht zur Welt um uns herum. Soziale Verantwortung sei das Gebot der Stunde. Das klingt vertraut. Ähnlich dem Motto für 2012 empfing Schwab schon vor zwei Jahren die Anreisenden mit den Worten, sie sollten „Werte überdenken, Prozesse überholen und Institutionen überarbeiten“.

          Das WEF zieht den Hauptteil seiner Existenzberechtigung aus der Globalisierung, die in Davos denn auch stets wortreich beschworen wird. Als neuer Kritiker will die Occupy-Bewegung dieses Jahr in der Gemeinde ihre Zelte aufschlagen. In dem geplanten Camp sollen ungefähr 50 Aktivisten für die Dauer des Weltwirtschaftsforums nächtigen können. Ein Iglu steht schon in Sichtweite eines der großen Tagungshotels. Der „Risiko-Bericht“, den das WEF jedes Jahr in Auftrag gibt und der sich auf die Befragung von knapp 500 Fachleuten und Konzernlenkern stützt, liest sich gleichfalls ernüchternd. Die jüngste Studie stellt eine Verlagerung von Umweltrisiken zu sozioökonomischen Gefahren fest und warnt, die chronisch gewordenen Staatsschulden und starken Einkommensunterschiede in vielen Ländern verliehen Nationalismus, Populismus und Abschottung Auftrieb; dies zu einer Zeit, in der die Welt anfällig sei für Finanzturbulenzen sowie Lebensmittel- und Wasserknappheiten.

          Debatte über das europäische Schuldenelend

          „Erstmals seit Generationen glauben viele Leute nicht mehr, dass es ihren Kinder besser als ihnen gehen werde“, kommentiert Lee Howell als Vertreter des WEF den Bericht. Hier spielt auch die Niedrigzinspolitik in vielen Industrieländern hinein. Nach Ansicht von David Cole, Risikovorstand des Rückversicherers Swiss Re und Mitverfasser der Studie, drohen als Folge zahlreiche Belastungen: von einer sinkenden Bereitschaft zu Infrastrukturinvestitionen bis zu rückläufigen Zahlungen der Pensionsfonds. „Das ist unter Demographie- und Vorsorgegesichtspunkten besorgniserregend“, sagt Cole.

          Zur Zukunft Europas erläutert er, die Peripheriestaaten könnten die Probleme der EU nicht mehr lösen, eine weitere Verschuldung sei nicht machbar. Vielmehr bedürfe es „der Führung der großen Länder und einer vertieften Integration“. Die Debatte über das europäische Schuldenelend wird in Davos viel Aufmerksamkeit erregen. Zugleich ist absehbar, dass zahlreiche Medienvertreter zu den Occupy-Aktivisten pilgern werden. Der erste hat sich schon für eine Nacht im Iglu angemeldet.

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