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Davos : China wird Europa mit seinem Geld nicht retten

Altes China: Rentner in der einstigen deutschen Kolonialstadt Qingdao Bild: dpa

Auf dem Weltwirtschaftsforum erwarten die Fachleute stark ansteigende Auslandsinvestitionen der Chinesen. Sie erwarten aber auch starke politische Gegenreaktionen. Und sie geben Peking einige gutgemeinte Empfehlungen: Investitionen in eine staatliche Altersvorsorge.

          Die europäische Staatsschuldenkrise wird China mit seinen hohen Währungsreserven nicht lösen helfen, das Land werde aber als Investor auf der Welt so aktiv bleiben, dass politische Gegenreaktionen zu befürchten seien. Davon ist Pascal Lamy, der Direktor der Welthandelsorganisation WTO, überzeugt. „Das Gerede über Verhandlungen Chinas mit Europa über eine Finanzierung der Schulden war doch reines Blabla“, sagte Lamy auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Aber die chinesischen Auslandsinvestitionen würden steigen und steigen: „Und dann werden wir die gleiche Art von politischen Turbulenzen sehen wie in den internationalen Handelsbeziehungen in den vergangenen zehn Jahren.“

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Mit Blick auf die politische Debatte über China und sein Verhalten werde das aber noch gravierendere Auswirkungen haben als der Vorwurf, China überschwemme den Westen mit billigen Waren. „Denn im internationalen Handel gibt es Regeln, das trifft für die Finanzmärkte in der Form nicht zu“, sagte Lamy. Es sei daher dringend geboten, dass sich China eine Strategie überlege, sein Handeln in der Welt besser zu begründen - um politische Gegenreaktionen in den Gesellschaften des Westens zu vermeiden. „China muss sich überlegen, wie es seine Geschichte erzählen will.“

          Chinas Demographieproblem

          Die hohen chinesischen Währungsreserven lassen sich nach Ansicht von Richard Levin, dem Präsidenten der amerikanischen Yale Universität, sinnvoll letztlich nur über den Aufbau eines tragfähigen Sozialversicherungs- und Altersvorsorgesystems in China abbauen. „Man muss an die Quelle des Problems gehen - und das ist der private Konsum in China und die Altersvorsorge“, sagte Levin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Die chinesische Sozialversicherung sei bisher nur sehr rudimentär ausgestattet: „Nur die Hälfte der Arbeitnehmer hat hier Anspruch auf geringe Beträge“, sagte Levin weiter.

          „Wenn man aber 1 Billion der mehr als 3 Billionen chinesischer Währungsreserven, die allein in amerikanischen Dollar angelegt sind, dem eigenen Sozialversicherungssystem zur Verfügung stellen würde, wäre das ein großer Schub für die chinesische Binnenwirtschaft, da mehr Geld der Sparer in den Konsum fließen könnte“, sagte Levin. Ein Drittel der Bevölkerung Chinas werde im Jahr 2050 im Ruhestand sein. Diesem Problem könne das Land mit seinem derzeitigen Vorsorgesystem nicht Herr werden, gibt sich Levin überzeugt. Zugleich wettete er, dass China seine Währung sehr viel früher als bisher gedacht in ein System freier Wechselkurse überführen werde. „Bisher rechnet die Welt für diesen Schritt bis zum Jahr 2020, ich gehe eher davon aus, dass es schon 2015 so weit sein wird“, sagte Levin. Was danach geschehe, liege nicht eindeutig auf der Hand. Es sei durchaus möglich, dass die chinesische Währung nicht so stark aufwerte, wie allgemein vermutet werde. Auch nach den Worten von Lamy ist es in der Welt völlig unumstritten, dass die chinesische Währung überbewertet ist. Aber schon bei der Frage, wie hoch sie überbewertet sei, gingen die Meinungen stark auseinander.

          John Zhao, der Vorstandsvorsitzende der Beteiligungsgesellschaft Hony Capital, empfindet die Vorurteile über die chinesischen Investitionen im Ausland als unfair. Davon zeugten Erfolgsbeispiele wie zum Beispiel der Kauf des Autoherstellers Volvo durch Geely oder der Personalcomputersparte von IBM durch Lenovo. Gleichwohl müsse man sich dem Vorwurf stellen, China nutze die wirtschaftliche Schwäche der anderen, um wertvolle Bodenschätze oder Technologie zu Spottpreisen einzukaufen - und die wahren Intentionen besser kommunizieren.

          Nachholbedarf in Unternehmensführung

          Wahr sei auch, dass China, gemessen an den westlichen Maßstäben guter Unternehmensführung (Corporate Governance), noch viel Nachholbedarf habe. „Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Unternehmen versucht aber, die vorhandenen Regeln zu befolgen“, sagte Zhao, dessen Firma der wesentliche Aktionär hinter dem Computerkonzern Lenovo ist. Robert Greifeld, der Vorstandsvorsitzende der Technologiebörse Nasdaq, stimmte Zhao zu - und erinnerte daran, dass Chinas Unternehmen nicht die einzigen seien, die auf der Welt Schwierigkeiten mit ihrem Ruf hätten. „Wir haben auch in der westlichen Unternehmenswelt eine lange Tradition von Missetaten“, sagte er unter Hinweis auf die Fälle Enron und Parmalat, also auf Unternehmen, die nach Betrugsfällen zusammengebrochen sind.

          China könne aber neben dem von Levin vorgeschlagenen Aufbau sozialer Sicherungssysteme auch durch den Aufbau eines funktionierenden Kapitalmarkts im eigenen Land dazu beitragen, die Währungsungleichgewichte ohne größere Spannungen abzubauen. Das Projekt einer internationalen Börse werde von der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq daher sehr wohlwollend begleitet. Da stimmte dann auch Levin zu. Das unterentwickelte Finanzsystem im Reich der Mitte sei in der Tat ein weiteres ernsthaftes Problem, das schleunigst angepackt werden müsse.

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