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Standpunkt: Klaus Schwab : Für eine ausgewogenere Gesellschaftsordnung

  • -Aktualisiert am

Wendepunkt in der Weltgeschichte: Klaus Schwab fndet gewichtige Worte für die Agenda von Davos Bild: AFP

Die Auswirkungen der Krise scheinen sich abzuschwächen, aber die Erholung ist fragil. Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des Wetlwirtschaftsforums, kämpft gegen eine „Stimmung der Selbstgefälligkeit“ , wie er in der F.A.Z. schreibt.

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          Die Wirtschafts- und Finanzkrise des vergangenen Jahres verdeutlichte das Ausmaß des Wandels von einer „Globalisierung von Chancen“ zu einer „Globalisierung von Problemen“. Diese Veränderung widerspiegelt die Transformation einer Welt, die immer stärker vernetzt, voneinander abhängig und komplexer sowie von vielen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren geprägt wird.

          Obwohl sich die Auswirkungen der Krise nun abzuschwächen scheinen, ist der Erholungsprozess noch fragil. Dennoch hat sich eine Stimmung der Selbstgefälligkeit ausgebreitet. Im Zuge der abklingenden Schockwellen ist der Ruf nach tiefgreifenden Reformen leiser und nach internationaler Zusammenarbeit weniger dringlich geworden. Dies wurde erst vor kurzem auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen ersichtlich.

          Während wir uns weiterhin bemühen, die Krise zu verkraften und aus ihr zu lernen, müssen wir uns darauf einstellen, dass wir dieses Jahr mit besonderen Herausforderungen konfrontiert werden. Die finanzpolitischen Maßnahmen zur Minderung der schmerzhaften Folgen der globalen Wirtschaftsturbulenzen haben eine zunehmende Angst vor der Bildung einer erneuten Wirtschaftsblase ausgelöst.

          Erholung steht in Frage

          Des Weiteren stellen die mit dem globalen Nachfrageeinbruch verbundenen demografischen sowie Verhaltens- und Technologieänderungen und die anhaltende Überkapazität in vielen Branchen eine aufkeimende wirtschaftliche Erholung in Frage. Zudem müssen globale Risiken, wie der Klimawandel, die Verbreitung von Atomwaffen und Pandemien mit größter Dringlichkeit bewältigt werden.

          Wenn wir uns ausschließlich auf das Krisenmanagement konzentrieren, verstärken wir damit nur die Abwärtsspirale. Das Leugnen unbequemer Wahrheiten, gepaart mit dem Herdentrieb, veranlasste uns ja in der Vergangenheit dazu, uns auf Systeme zu verlassen, die unangebracht und nicht tragbar waren. Krisenmomente bieten eindeutig die Gelegenheit, bessere Konzepte einzuführen und dem internationalen System positive Impulse zu verleihen. Sie erfordern den Einsatz aller Interessengruppen einer globalen Gesellschaft.

          Das Jahr 2010 markiert somit einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Zur Bewältigung unserer zukünftigen Herausforderungen müssen wir vor allem unser Wertesystem überdenken, unsere Strukturen umgestalten und unsere Institutionen umbauen.

          Eine wichtige Voraussetzung beim Umdenken unseres Wertesystems ist, dass es nicht nur auf sozialer Verantwortlichkeit und ökologischer Nachhaltigkeit basiert, sondern auch auf einer ausgewogeneren Gesellschaftsordnung. Ein solches Umdenken bietet die Grundlage für die erforderliche Umgestaltung unserer Systeme, um den Bedürfnissen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu entsprechen.

          Dringend gesucht: eine gemeinsame Vision

          Diese Umgestaltung muss auf allen Ebenen geschehen – insbesondere auf globaler Ebene – und muss beispielsweise ein notwendiges Rahmenwerk für die globalen Kapital- und Handelsströme umfassen. Dies erfordert eine gemeinsame Vision, kollaborative Innovation und Partnerschaften zwischen den öffentlichen und privaten Sektoren.

          Das Umdenken unserer Werte und die Umgestaltung unserer Strukturen führen dementsprechend zu einem Umbau unserer Institutionen. Um den heutigen Herausforderungen gerecht zu werden, müssen diese proaktiver und strategischer werden; ein verstärktes Engagement von verschiedenen Gesellschaftsgruppen fördern; auf die neuen geopolitischen und geoökonomischen Strukturen eingehen und vermehrt ein generationsübergreifendes Verantwortungs- und Pflichtgefühl an den Tag legen.

          Die Bausteine, die wir zum Aufbau der Welt nach der Krise verwenden, tragen zu neuen Konzepten bei, die auf einem größeren Engagement der Zivilgesellschaft und einer engeren Zusammenarbeit zwischen Regierungen und nichtstaatlichen Akteuren beruhen. Wir müssen ein viel höheres Maß an Sachverstand und Know-how bei unseren globalen Entscheidungsprozessen walten lassen, das „Social Networking“ als wesentliches Gestaltungsinstrument einsetzen und die nachfolgende Generation stärker in den Dialog einbeziehen.

          Es gibt zwar viele Institutionen, die auf einzelne Aspekte der weltweiten Herausforderungen eingehen können, keine von ihnen hat jedoch den Auftrag, die globale Lage ganzheitlich zu betrachten. Zudem verfügen sie nicht über die Vielfalt von Gesellschaftsgruppen, um dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

          Niemals im Alleingang

          Es besteht kein Zweifel, dass in der heutigen Welt vor allem Integration und Kooperation erforderlich sind. Die Herausforderungen können niemals im Alleingang bewältigt werden. Wir müssen unser Silodenken aufgeben und Brücken zu anderen Menschen und Organisationen schlagen. Um in der komplexen und schnelllebigen Welt des 21. Jahrhunderts Fortschritte erzielen zu können, muss man die Beweggründe der verschiedenen Gesellschaftsgruppen verstehen und zum Kern der Probleme vordringen.

          Dazu ist ein Dialog zwischen den Verantwortungsträgern, die an der Gestaltung der globalen Agenda mitwirken, erforderlich. Solch ein Austausch ist Voraussetzung für solide und kluge Entscheidungen. Das World Economic Forum in Davos kann – jeweils zum Jahresbeginn – einen wichtigen Beitrag dazu leisten, indem es eine Plattform für solch einen umfassenden Dialog bietet.

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